James Salter lesen und etwas über Besprechungen erfahren

Alles, was ist, von James Salter gelesen. Zunächst konnte ich die Begeisterung, die das Erscheinen des Buches damals begleitet hatte, nicht recht verstehen. Mich irritierte die Beiläufigkeit, mit der Katastrophen aufgezählt wurden, auch diese im wahrsten Sinne des Wortes gleichgültige Perspektive hat mich irritiert. Dennoch konnte ich mich dem Buch nicht entziehen, da war etwas, das es besonders machte. Und jetzt,  nachdem ich es zu Ende gelesen habe, habe ich eine Rezension auf Zeit online gelesen, die meine Irritation aufklärt. Das ist die Erfahrung einer wirklich gelungenen Rezension, die das Werk einordnet, die erklärt, welche Form gewählt wurde und warum. Also nicht nur ein gutes Buch gelesen, sondern auch ein Stück weit wirklich begriffen, was Besprechungen leisten können. Leisten sollten.

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Sag alles ab! Plädoyers für den lebenslangen Generalstreik – Lesetagebuch

Während ich einige Beiträge aus dem vom Haus Bartleby herausgegebenen Buch „Sag alles ab“ las, machte ich mir Gedanken darüber, wie sehr ich eigentlich selbst funktioniere, und wo ich vielleicht auch „streiken“ könnte. Zunächst dachte ich, dass ich tatsächlich nur funktioniere, aber dann wurde mir klar, dass ich in einigen Punkten mittlerweile in ein klein bisschen weniger eingetreten bin. Nicht als Streik. Und sowieso in einem viel zu privilegierten Rahmen, um mitreden zu können, aber so weit weg von all dem eben auch nicht.

Meine Besprechungen z.B. Was war das für ein großartiges Gefühl und Geschenk, auf einmal wieder eigenes Geld zu verdienen. Noch dazu mit einer Arbeit, die ich liebte und von zu Hause aus erledigen konnte, bei freier Zeiteinteilung, also ohne mich jemals zwischen Arbeit und Dasein für die Kinder entscheiden zu müssen. Und dann wurde ich ehrgeizig, wollte die Grenze dessen, was ich steuerfrei dazu verdienen durfte, ausschöpfen, und schrieb nur noch Besprechungen. Ich las Bücher, die mich nicht wirklich interessierten. Ich las so lange und so viel, immerzu mit dem Ziel, eine Besprechung dazu zu schreiben, dass ich letztendlich die Lust am Lesen verlor. Ich konnte mich nicht mehr in einem Buch verlieren, konnte mich dem Lesen nicht mehr hingeben, ganz abgesehen davon, dass ich längst nichts eigenes mehr schrieb. Ich wollte dazugehören, zu den „angesehenen“, „richtigen“ Kritikern, wollte es richtig machen und gelesen werden. Ich wollte wenigstens auf dem Gebiet der Kritik (auch wenn der Stundenlohn niemals reichen würde, um auch nur ein Existenzminimum zu verdienen) Karriere machen. Das, so glaube ich, geht am ehesten mit Quantität. Selbstausbeutung. Das war der Grund, warum ich scheitern musste. Eine Weile hörte ich ganz auf, Besprechungen zu schreiben. Eine Pause, die notwendig war, um das Lesen wieder zu lernen. Ganz viel Selbstzweifel war notwendig, um meinen eigenen Anspruch zu suchen (ob ich ihn gefunden habe, weiß ich nicht, aber ich bin auf einem Weg, der zunehmend zu meinem Weg wird). Ich schreibe jetzt in vollem Bewusstsein, und entgegen der Regeln der klassischen Feuilleton Kritiken, subjektiv, schreibe von meinem Leseerlebnis. Wobei ich immer versuche, respektvoll zu bleiben, erst einmal zu versuchen, zu verstehen, was die Autorin vorhatte, bevor ich erzähle, was bei mir angekommen ist und warum. Ich versuche in einen Dialog zu treten mit dem Buch, das ich lese. Das muss nicht immer harmonisch sein, aber eben respektvoll. Respekt bedeutet für mich in diesem Fall die Mühe auf mich zu nehmen, den anderen zu verstehen, und das erfordert Zeit. Ich habe Quantität gegen Qualität getauscht, Zugriffszahlen und Geld gegen eine für mich lohnende Auseinandersetzung, das möglichst effiziente Funktionieren in fremdbestimmten Zusammenhängen gegen Selbstbestimmung.

Ricardo Menéndez Salmón – Medusa

Das Leiden anderer betrachten (Susan Sontag),War Porn (Christoph Bangert) – Buchtitel der letzten zehn Jahre zum Thema Kriegsphotographie, die einem in den Sinn kommen, wenn man den Roman Medusa des spanischen Autors Ricardo Menéndez Salmón (Jg. 1971) aufschlägt. Ein Autor, der unbequem ist und sein will, und der sehr viel mehr Leser verdient als er bislang hat.

 

Ulrich Koch – Elementare Gedichte

 

Ich erinnere mich an jeden Satz, den ich nicht gesagt habe.
Die Bäume ziehen sich wieder Handschuhe an, um Vögel zu fangen.

In der Zeitung auf einer Fotografie von cirka 1860 die verwaisten Eltern mit ihrem toten Kind im Arm, handkoloriert.“

So schreibt nur Ulrich Koch. Und sechsundzwanzig elementare Gedichte von ihm hat Carl Walter Kottnik jetzt illustriert und herausgegeben.