Ich sammle jetzt Türgriffe

Ich saß auf dem Sofa, sah dem Regen zu und dachte daran, wie oft ich mich jetzt schon aus meinem Leben ausgeschlossen hatte, und immer wieder vor der Tür stand und reinwollte. (ich sammle jetzt Türgriffe. Hast du das gewusst?)
Ich stellte mir vor und dann ging ich durch diese Vorstellung hindurch, als sei es eine Wand. (Ich kann jetzt durch Wände gehen. Hast du das gewusst?) Ich stellte mir vor, wie ich mich mit mir an einen Tisch setze. Der Tisch dunkel und viereckig, aus Holz. Wie wir uns gegenübersitzen, uns kampflustig anschauen, wie jede von uns darauf wartet, dass die andere den Anfang macht, wie wir langsam müde werden und weicher. Und schließlich aufstehen, weil wir merken, dass keine von uns der anderen etwas zu sagen hat.

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Anne Carson lesen

In einem Gedicht auf der anderen Seite steht Demut (steht ihm zu) während die Worte liegen bleiben (unverbraucht).

Ein Atem, der davon träumt nichts zu verwandeln.

Eine kleine Brücke über die (unwidersprochenen) Widersprüche.

 

Ruhig beständig

wie die Zeit

fällt der Regen

 

Anne Carsons wahnsinnig gewordenes grünes Wohnzimmer, das dem Blick nicht mehr standhält, sich wiedererkennbar verändert. Weil ihm endlich egal geworden ist, wie die Blicke auf ihm ruhen.

 

 

03. Mai

Es regnet. Ein hübscher, arabischer Mann versucht mit einer jungen Türkin zu flirten. Eine Frau mit einer strahlend weißen Jacke steht mit ihrem Rollator am Straßenrand. Der Mann schweigt jetzt, sieht die junge Frau nur hin und wieder an, während sie ihren Blick auf ihr Smartphone heftet. Und über allem, selbst über dem grauen Himmel und den in ihren Zimmern zurückgelassenen Kindern, rast „wahnsinniger, glücklicher Staub“ (Carl-Christian Elze).

Ich bin froh, wenn ich einen Satz finde, der diesen Staub sichtbar machen kann. Hin und wieder. Von Zeit zu Zeit. Während meine Kinder in die Unabhängigkeit hinein wachsen, und Menschen mit Ambitionen wie eh und je aneinander vorbei reden.

Gerne hätte ich zum Schluss geschrieben: Sie schenkt ihm ein Lächeln als sie aussteigt. Aber sie sieht ihn nicht einmal an.

Verregneter Novembernachmittag

Ein verregneter Novembermittag. Du gehst mit den Kindern auf den Markt. Sie packen ihre Stände zusammen, aber vorher verkaufen sie dir ein Brot, drei Paprika (das Rot und das Gelb, Grün der Kittel der Verkäuferinnen, rot-weiß die Markise und kein Geruch, nicht einmal der nach Regen, aber auch keine Kälte. Beweglich die Hände, die Augen und Gedanken. Das Klimpern des Geldes, die Augen der Kinder und die Weichheit ihrer Schritte), etwas Fleisch. Und wie damals (wie immer schon) bekommen die Kinder eine Scheibe Fleischwurst. Sie werden gefragt und sagen klar und deutlich ja. Dann geht ihr weiter durch den Regen und die Zeit geht mit. Ab und zu schwappt ein „Weißt du?“ an deine Ohren und dir ist klar, dass du längst nichts mehr weißt. Die Zeit ist vorbei als es noch gut und böse gab, richtig und falsch. Alles, was du jetzt von dir gibst, sind Vermutungen, Regeln, die du selbst längst nicht mehr beherrscht.

Viel später dann: Die Dunkelheit und Kälte draußen. Der Lärm und das Leben auch. Sitzt du in einem kleinen warmen Zimmer. Holzboden, schlichte Wände, Tisch und Stuhl. Dass einem so warm werden kann und behaglich. Ganz alleine. Und die Hoffnung heftet sich an das Vergessen. Und die Erinnerung daran. Der Oktoberklang unserer Nachmittage.

Das schweigende Kind

Es regnet auf die Straßen und Plätze, auf die Flüsse und Dächer. Und auf das schweigende Kind. Jetzt kann niemand mehr unterschieden, ob die Tropfen in seinem Gesicht vom Regen kommen, oder ob es Tränen sind. Niemand wird fragen. Und sollte jemand fragen, wird es die Schultern heben, und damit ist alles gesagt.