Rapunzel und der Mönch

Rapunzel saß in einem Turm und wurde es leid, ihre Zöpfe zu flechten. Im Traum war ihr ein Mönch erschienen, hatte ihr kichernd empfohlen, Rüben zu züchten und war verschwunden. Rapunzel löste ihre Zöpfe. Das löste ihre Probleme nicht, das löste auch nicht den Turm in Luft auf, es löste lediglich den Wunsch aus, mit dem Mönch zu sprechen.
„Können Mönche sprechen?“, fragte sie ihre Stiefmutter, nachdem diese keuchend an Rapunzels Zöpfen in den Turm geklettert war.
„Woher kennst du solche Worte?“, fragte die alte Frau atemlos.
„Ich habe sie geträumt“, antwortete Rapunzel.
„Wenn das nicht aufhört mit den Träumen, schneide ich dir die Zöpfe ab“, drohte die hässliche Frau.
Im selben Moment kam ein Mönch vorbei. Er hatte Rapunzels Stimme gehört und plötzlich war er überzeugt davon, ein Prinz zu sein. Mit dieser Annahme irrte er sich. Er war kein Prinz. Er konnte bloß fliegen. Er erhob sich in die Lüfte. Er folg vor das einzige Fenster der Burg und wedelte mit den Armen.
„Huhu Rapunzel“, rief er, „sieh nur, ich kann fliegen.“
Die Stiefmutter sagte: „Das ist ein Mönch. Jetzt weißt du es also

Rapunzel und Hans im Glück

Sie

Erst hatten wir nichts voneinander gewusst. (Ich kannte nur den Turm und die Stiefmutter.) Dann haben wir uns aus den Augen verloren. (Einer von uns hatte die Augen verloren, hieß es in den sehr alten Schriften, die wir einander vorlasen, als bekämen die Worte erst durch uns einen Sinn.)

 

Er

Sie lebte allein. Sie hatte Talent. Sie sang diese sehr alten Lieder. Ihre Stimme war golden. Ich hatte schon manches Gold besessen, es hatte mir nichts bedeutet. Ich hatte alles leichtfertig weggetauscht, aufs Spiel gesetzt. (Verloren, sagten die meisten.) Meinetwegen verloren. Ich hatte es nicht bemerkt, hatte nichts bereut. Dieses Gold hatte mir nichts bedeutet. Ihre Stimme, ihr Haar, der Schatten ihrer Bewegungen hinter dem Fenster, war das erste, das ich wirklich besitzen wollte.

 

Sie

Hören und sehen, sagen sie. Meine Zeit aber ist befleckt.

 

Er

Wie das Leben vorbeischlendert. Nichtsnutzig. Unbeschwert. Ungerührt.

Sie hatte Rapunzel für ihr Eigentum gehalten. Ich hielt sie für mein Glück. Als wir aufeinander trafen, trat das Leben ein Stück zurück. Die Alte verlor alles. Ich verlor nur die Sicht. Und gewann eine neue Suche.

 

 

Textrecyling

Es ist nicht der Vergleich, der glänzt. Nicht das Gold, das blendet. Ausblendet, was wirklich ist. „Erfolg ist für Looser. Sie nennen es Quote.“ (Rainald Goetz).

Die Sache mit den Bildern, mit den Stricken. Mit dem loslassen (sowieso). Und Licht. Belichtung und wie sich dann alles umkehrt. Ist das ein Märchen? (ihre goldenen Häarchen). Also wegtauschen? Bis nichts mehr da ist, außer einem unbeschwerten Weg?

Was wäre, wenn Rapunzel Hans im Glück begegnet wäre? Nicht dem einfaltslosen, treuen Beamten Prinz, sondern Hans, diesem Typ, der alles fallen lässt. Der Meister im Loslassen. Bei mir (mit mir!) bist du immer frei. (Keine Verwandlung. Keine böse Überraschung.)

„Das beschädigte Leben, das sich in unsere Bedürfnisse verheddert hat.“ (Jörg Albrecht). Die verwunschenen Trampelpfade. Über Stock und Stein. So ähnlich hatte sie sich das vorgestellt. Ging das jetzt besser mit einem Prinzen oder mit einem, der von einem Reinfall in den nächsten taumelt, aber immerhin jedes Mal wieder aufsteht. (Die Geschichten. Und wo sie hingehören.) Die Anfänge, die niemand zu Ende bringt. Eine Geschichte aus lauter Anfängen. Das wäre es, was sie mit ihm erleben würde. Anfangen. Und dann loslassen. Die einzige Bedingung: niemals diese Frage zu stellen: Und dann?

Die Gedanken loslassen und schweigen. Auf diese Art darüber reden; mit Bildern, mit Gesten, mit einer Berührung vielleicht.

Ein ereignisarmes Leben. Aber glücklich. (Die Ereignisse eingetauscht gegen das Glück.)

[Dank an die Gebrüder Grimm, Jörg Albrecht, Rainald Goetz]