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Diese Masken, die irgendwann (ehe man sich versieht), so sehr mit dem eigenen Gesicht verwachsen sind, dass man die Ränder nicht mehr erkennt, nicht mehr weiß, wo das eine aufhört und das andere beginnt. Dass man schließlich weder weiß, wer man ist, noch wie man sich loswerden kann. Bis schließlich der einzige Ausweg darin zu bestehen scheint „man“ zu sagen, ein Teil von irgendetwas zu werden, in dem man nicht aufgeht, in dem man aber hofft, sich auflösen zu können.

II

Man versäumt sich, reißt die Ränder auf und vernäht die losen Flächen erneut. Andere sind vorsichtiger, behutsamer; lösen nur einzelne Fäden, weben sorgsam, darauf wartend, dass ein Muster entsteht.

Literaturkritik

Nachdem ich eine Zeitlang viel zu viele Besprechungen in viel zu kurzer Zeit geschrieben habe, und dann tatsächlich so ausgelaugt war, dass das Lesen nur noch Arbeit war, folgte eine Zeit der unbewussten Totalverweigerung, ich las nur noch Bücher, die ich nicht besprechen musste und schob die Arbeit wochenlang vor mir her. Nachdem ich diese beiden Extreme nun überwunden habe, keimt die Hoffnung, ich werde möglicherweise in naher Zukunft ein gesundes Maß für mich finden.

Was bleibt sind die Zweifel, die immer wieder neu sich stellende Frage, was eigentlich die Aufgabe einer Besprechung ist, was sie leisten muss, was sie nicht leisten kann. Dazu hat Andreas Wolf auf Sichten und Ordnen kürzlich einen sehr lesenswerten Artikel geschrieben, in dem er die „Ränder der Texte“ preist, und im wesentlichen daran erinnert, dass es keine richtigen und falschen Auslegungen eines Textes gibt und, was für mich persönlich noch wichtiger ist, dass Literatur als Gespräch zu verstehen ist, jeder Text die Einladung zu einem Dialog darstellt. Dass man nicht mit jedem reden möchte, ist verständlich, aber eben nur eine persönliche Entscheidung, kein Urteil.

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Das Denken, das an den Rändern der Vernunft stattfindet. Wie kommt man beim Schreiben an diese Ränder?

In Ilse Aichingers Aufzeichnungen 1950 – 1985 steht unter dem Jahr, in dem ich geboren wurde, dieser Satz: „Alles, woran man glaubt, beginnt zu existieren.“