Staub

 

Das einzig lebendige hier ist der Staub. Der Staub ist fröhlich, tanzt durch die Luft, hüpft vom Kehrblech, paart sich, vermehrt sich.

 

Wenn jemand Jagd auf ihn macht, sucht er sich kichernd ein Versteck. Eines, in das ihm niemand folgen kann. Er verhöhnt Staubsauger, Besen und Tücher, und erst recht diejenigen, die sie benutzen. Er behält Recht, er ist schneller und mächtiger, er ist Anfang und Ende.

 

Am Tag tanzt er auf den Sonnenstrahlen, nachts auf den Brücken, die das elektrische Licht durch die Nacht schlägt. So klein, dass man ihn kaum wahrnimmt, harmlos, aber er ist nie allein. Es gibt viel mehr Staub auf der Erde als Lebewesen. Alles verwandelt sich in Staub. Wir verwandeln uns in Staub, unsere Haut löst sich und schwebt davon, trifft andere Partikel und feiert. Feiert ein gold rot glühendes Feuerwerk.

 

Das einzig lebendige hier ist der Staub.

 

Dunkelheit

Wir reden viel von Geduld, von Preisen, wir loben diese Gabe, während wir mit den Füßen wippen, im Kopf nach geeigneten Zitaten suchen und die Musik ein wenig lauter drehen, damit der peinliche Unterton in unseren Redepausen nicht zu laut wird.

Vor dem Fenster ist es immer grüner geworden, bevor die Dunkelheit, die mit Macht einbrechende Nacht, alle Hoffnung wieder ausgelöscht hat. Grün ist die Farbe der Hoffnung. Blau die der Sehnsucht, Gelb steht für Eifersucht. Und die Dunkelheit macht alles gleich. Oder hüllt es nur in Schwarz, in ihr unterscheidungsloses Wesen.

Ich weiß, dass ich mit dir nicht über die Dunkelheit sprechen kann, also versuche ich ein Gespräch über Farben, während ich immer noch an diese Frau denke. An die losen Enden, die anfangen meine Gedanken eng zu machen.

Glaube

Das Licht malte Kreuze in die Zimmer, wie in den minimalistischen japanischen Kirchen. Es gab die Augen der Kinder. Und niemanden mehr, der sie ansah. Es gab die Trauer. Und keine Möglichkeit, sie zu teilen.

Keine Augenblicke, keine Wut, nur diesen tauben Schmerz und das Versprechen, er werde ewig bleiben.

Alte Schattenbilder, neue Schattenbilder.

Das Beste, was du erreichen kannst, ist eine gewisse Ähnlichkeit.

Und dann der Moment. Das Messer.

Wenn keiner dir glaubt.

Briefe an mich

In Wirklichkeit gibt es mich nicht. Oder nur so wenig wie die Buchstaben auf dem Papier, die keiner liest, bevor sie ausradiert werden. Ich – das ist die Scheuklappe der Vernunft, an der sich die Leidenschaft wund gescheuert hat, bevor sie aufgab und sich wieder zurückzog, um auf den großen Moment zu warten, wenn sie zuschlagen würde, mit aller Macht, die einer jahrelang ungeübten Leidenschaft dann noch bliebe.

Und so tanzte die Zeit in den Abgrund, nur ich blieb stehen, um im Schatten der Uhr Briefe an mich selbst zu schreiben.

Traum

Ich habe geträumt, als wäre es möglich mit den Träumen die Einsichten zu vertrieben. Ein Wort, das mir nie gefallen hat, die Worte mit „ein“ schmecken bitter. Einsam, einengend, eindeutig, Einfalt. Andererseits: Einfall. Obwohl auch das kein schönes Wort ist. Es klingt wie Überfall, Angriff. Es klingt nicht danach, dass sich ganz unversehens, wenn man endlich zu hoffen, kämpfen und grübeln aufgehört hat, etwas da ist. Eine Idee, etwas das einen auf einmal wieder mit Energie erfüllt, mit Freude, mit Möglichkeitssinn. Mit der Vielfalt, die man nun (endlich) der Einfalt entgegensetzen kann.

Gedanken und Bahnhöfe

Gleise

Manchmal treffen die Gedanken ein wie Züge. Auf unterschiedlichen Gleisen. Einige mit erheblicher Verspätung. Andere, als könnten sie es nicht erwarten, den Ort an dem sie fahrplanmäßig Halt machen, wieder zu verlassen. Um so schnell wie möglich zurück zu finden zur Gleichförmigkeit der Gleise, einer Fortbewegung, die sich selbst vergisst, kein Ziel kennt und weder Geduld noch Ungeduld.

Von Thomas Bernhard ist diese Aussage bekannt, er fühle sich an keinem Ort, aber auf dem Weg von einem zum anderen Ort, am wohlsten. Und diese Aussage sagt etwas über mich aus. Die Tatsache, dass sie mir hier und jetzt und in diesem Zusammenhang einfällt, dass sie mir überhaupt im Gedächtnis geblieben ist. Weil sie zu Bahnhöfen passt und zu meiner Lust, mich dort aufzuhalten, ob ich nun einen Zug besteige oder nicht.

Hände

Hände
Hände

Meine zweite Großmutter, die mit dem längeren Namen und dem kürzeren Leben, hatte keine Kinder verloren, aber erst eine Brust, dann die Heimat, und wenig später das Leben.

Wenn jedes Buch ein Ort ist, wie Sudabeh Mohafez behauptet, muss jede Geschichte zumindest ein Platz sein. Und die Geschichten meiner Großmütter sind Trümmerfelder, karge Stellen, bestenfalls der Platz vor dem Fenster.

Und vor dem Fenster ein Baum. Ein prächtiger Baum. Eine Kastanie.

Von der anderen Frau nur ein Foto, auf dem sie bereits gezeichnet zu sein scheint. Auf dem sie viel älter aussieht, als sie zu dem Zeitpunkt sein konnte.

Und so sanft, geduldig und weich. Nur die Hände überdimensional groß. Feingliedrig, aber auch kräftig. Zupackend.

Schiffe und Verluste

Die Stimmen sind hoch und schwingen sich ein. Wenig später verschmelzen sie mit den Wellen.

Das Schiff ist nur noch ein kleiner Punkt am Horizont, von dem ich nach kurzer Zeit nicht mehr weiß, ob ich ihn sehe, weil es ihn gibt, oder nur, weil ich es mir einbilde.

 

Hätte nicht, denke ich mir, meine Großmutter ein Schiff besteigen können? Oder wenigstens einen Zug, der sie ans Meer gebracht hätte? Der Wind, die Möwen, die Brandung, hätten sie nicht zwangsläufig dazu beitragen müssen, ihr neuen Lebensmut zu verleihen, und die Kraft zu finden, auszubrechen, jetzt endlich für sich da zu sein, nach all den Jahren?

Aber was wusste ich schon von ihr, außer dem, was sie verloren hatte. Kann ein Mensch die Summe seiner Verluste sein?

 

Ich habe ja nie mit ihr geredet. Oder ich habe mit ihr geredet, aber nicht verstehen können, was sie sagt. Weil man manche Sprachen nur mit der Zeit lernt, mit dem Alter, mit dem Voranschreiten der Vergänglichkeit. Und das ist gut so. Und unendlich traurig ist es auch.

Das Glück

Das Glück, sagt man, sei gleichförmig. Im Unglück zeichnet man sich aus, als Familie. Jenseits des Glücks liegt das Familienleben.

Seine Familie wohnte im Bahnwärterhäuschen. Die Mutter putzte Nachts Büroräume und Bahnhofshallen. Wenn sie die Kinder in die Schule gebracht hatte, gönnte sie sich die wenigen Stunden Schlaf, die sie sich selbst zugestand.

Das Glück“, sagte sie, „wartet auf euch. Ihr seid mit einer Glückshaut geboren, nur auf der Welt, um glücklich zu sein.

Die äußeren Umstände sind irreführend. Vielleicht nur um euch zu schützen vor dem unbändigen Neid der anderen, lebt ihr in Armut.

Diese Art Armut, die die Maßlosen beruhigt.“

Sein Leben lang erinnerte er sich an ihr staubweißes Gesicht, das nichts vergaß.