Gewalt gegen Frauen

„Sobald Berichte über das Ausmaß geschlechtsspezifischer Gewalt erscheinen, sagen die Schlagzeilen: Die Zahlen in Bezug auf Gewalt gegen Frauen sind „alarmierend hoch“. Sie sagen: Es hat ein „epidemisches Niveau“ erreicht. Sie sagen: Es handelt sich um eine „globale Pandemie“. Sie sagen: Es ist katastrophal. Sie sagen: Sieben von zehn Frauen erleben früher oder später körperliche und/oder sexuelle Gewalt. Sie sagen: Weltweit stellen Vergewaltigung und häusliche Gewalt für Frauen zwischen fünfzehn und vierundvierzig Jahren eine größere Bedrohung dar als Krebs, Autounfälle, Krieg und Malaria zusammen.“ (Priya Basil „Im Wir Und Jetzt“, 2021, Suhrkamp)

Und es wird gefühlt von Minute zu Minute schlimmer, die Abtreibungsgesetze in Polen, gerade jetzt der Austritt der Türkei aus der Frauenschutz Konvention.

Seit langer Zeit sammle ich immer wieder Berichte, Bücher, Sätze zur Lage der Frauen, alles hat mit einem Pecha Kucha zur Stimme der Frauen angefangen. Seitdem lässt mich das Thema nicht los, und lässt mich ebenso wenig anfangen zu schreiben. Das Material ist einfach zu vielfältig. Es gibt so unfassbar viele Schieflagen und beinahe ebenso viele katastrophale Lagen, wenn es um Frauen, um Frauenrechte und speziell um dieses Thema der körperlichen Gewalt geht.

Die Zahlen sind erschreckend, die Schicksale fast unerträglich. Und es scheint alles bereits gesagt. Vielleicht schreibe ich aber in aller erster Linie deshalb nichts darüber, weil ich spüre, dass es keinen weiteren Text braucht, sondern Handlungen. Was können wir tun, wie können wir einander unterstützen und schützen?

Der Geschmack der Sprache

Gerade wenn die Politik eines Landes im Widerspruch zu einigen meiner moralischen Maßstäbe, meiner Glaubenssätze und politischer Haltung steht, kann es geschehen, dass man sich umso stärker auf die Sprache an sich zurück besinnt. Ihr sei das so widerfahren, schreibt Priya Basil in Lettre International 112, und fährt fort:

„Etwas anders hat meine Gefühle für das Englische verändert – das Deutsche. „In jeder Sprache sitzen andere Augen“, hat Herta Müller geschrieben. Deutsch war eine Lupe, welche die grammatischen Feinheiten vergrößert und einen phantastischen Mechanismus offenbart hat, den ich nie zu sehen gelernt hatte. Sie hat mir gezeigt, wie die Satzstruktur das Denken verändert, wie „vergenderte“ – geschlechtsmarkierte – Nomen das Erscheinungsbild der Dinge verändern. Infolgedessen hat sich der Geschmack meiner Muttersprache verändert – ist zugleich frischer und vertrauter geworden.“