Péter Nadás

Seit Tagen schon versuche eine Besprechung zu Péter Nadás großartigem Buch „Aufleuchtende Details“ zu schreiben. Mir ist klar, dass es unmöglich ist, dem Buch gerecht zu werden, dennoch will ich es so gut wie nur möglich versuchen. Dabei bin ich auf ein sehr schönes Interview gestoßen, dass Arno Widmann mit Nadás geführt hat. Falls es jemand von euch nachlesen möchte.

Der eigene Tod – Péter Nádas

Während ich viel zu selten dazu komme in den Parallelgeschichten zu lesen, hat mich irgendetwas dazu veranlasst noch einmal „Der eigene Tod“ von Nádas zu lesen. Jetzt kommt es mir vor, als würde ich vieles wiedererkennen. Nicht nur die gefäßerweiternde nytroglyzerinhaltige Tablett unter der Zunge, die Frau Erna immer bei sich trägt und das verbrannte Fleisch, vielmehr die Bedeutung des Körpers, in dem zusammenläuft, was wir für gewöhnlich weder verstehen noch überblicken können.

 

Als hätte er diese Fähigkeit aus dem Nahtod – Erlebnis in die Literatur hinübergerettet, ins Leben mitgenommen: „Das Zurückblicken vereint unterschiedliche Perspektiven des Bewusstseins in sich.“

 

Diese Fähigkeit zur Vereinigung ist ja das, was die Parallelgeschichten ausmacht.

 

Parallelgeschichten (1)

In der Taschenbuchausgabe von Nádas Parallelgeschichten wird der Spiegel zitiert: „Ein Meisterwerk, das Worte für etwas findet, das keine Sprache hat: Sexualität.“ So dumm die meisten Klappentexte sind, fällt mir dieser wieder ein, während ich die ersten Seiten lese, von diesem leicht hysterischen Studenten, der bei seinem Morgenlauf die Leiche im Tierpark gefunden hat.

Der feinfühlige Polizist, der ihn mit nebensächlichen Fragen zum Schweigen bringt. Diese Beobachtungen, wie ohnmächtig man dem eigenen Körper gegenüber ist, wie dieser Körper, mit dem man sich selten eins fühlt, einen verrät und beschämt.

Vielleicht ist es sogar das, worum es in erster Linie geht in diesem Roman, um die unterschiedlichen Geschichten, die sich in einem Menschen abspielen. Die Geschichten des Körpers, der sich nicht mehr kontrollieren lässt. Der einen unübersehbaren Widerspruch zum alles kontrollierenden Geist darstellt. Und wie Nádas Parallen dazu findet, in einer anderen Zeit, in einem anderen Land, in eben dieser Geschichte, die parallel dazu erzählt wird, in Ungarn, Jahrzehnte zuvor:

Zum Beispiel gab es zwischen dem sogenannten Arbeitszimmer und dem sogenannten Esszimmer eine pièce de dégager, eine Art Durchgangszimmer, einstmals das Rauchzimmer, in dem sie nur einen antiken chinesischen Teppich gelassen hatte. Allerdings hing von der Decke ein riesiger barocker Lüster. Die beiden Gegenstände passten weder zueinander noch zu dem relativ kleinen Raum, hatten auch keine wirkliche Funktion, trotzdem wirkten sie nicht peinlich. Sie kamen miteinander aus, starrten sich aus unüberbrückbarer Distanz an, hatten nichts miteinander gemein, verkörperten nur unterschiedliche Weltanschauungen. Das entsprach völlig dem Zeitgeist.“

Wie Nádas mich dazu bringt, das nicht einfach als eine Beschreibung von Räumlichkeiten zu lesen, sondern als Entsprechung zu diesem Leib-Seele Dualismus, ist großartig.

Ich hatte das Buch ja bereits kurz nach seinem Erscheinen gelesen. Allerdings nur mittels eines geliehen Exemplars, 40 Euro für ein Buch waren einfach nicht drin, jetzt, als Taschenbuch kostet es die Hälfte, und natürlich ist es das Doppelte und viel mehr wert, aber manchmal ist einfach das Geld knapp, und die Möglichkeit es zu lesen gab es ja auch ohne diese Ausgabe, um so glücklicher war ich, als ich das Buch jetzt für 20 Euro als Taschenbuch kaufen konnte. Wie sehr ich dieses Buch schon damals geliebt habe, fällt mir erst jetzt, beim zweiten Lesen auf. Sofort fühle ich mich wieder zu Hause in der großbürgerlichen Wohnung in Budapest in der Gyöngyvér ein Fremdkörper ist.

Dieser Name; ein Teil Perle, der andere Blut, Schneewittchen und Aschenputtel, aber mit gebräunter Haut und einer Leidenschaft für den Gesang. Und der Mann, der sie nicht gerettet hat und sie auch nicht retten will, ist kein Prinz, aber trotz allem ein Sohn. Das alles weiß ich zu diesem Zeitpunkt aber lediglich dank der früheren Lektüre, zunächst lese ich die Geschichte des Hauses, in dem sich die Wohnung befindet, in der Gyöngyvér mit Agó, seiner Mutter, seinem Cousin und der Hausangestellten und ihrem vierjährigen Sohn, weniger lebt als geduldet wird.

Kein Wunder, dass von Architektur die Rede ist, weil dieser Roman eine perfekte Architektur hat, eine, die man nur mit äußerster Konzentration und frühestens beim zweiten Lesen entdeckt, wie sich der zerfallene Dachstuhl wiederfindet in der Geschichte von den plündernden Truppen zum Beispiel.