Webmuster

Die Zeit floss (zerfiel zu Staub), ohne irgendeinem Zusammenhang zu folgen. Willkür und Chaos. Ich stand da in der Mitte des Zeitstrudels, in dem die Pfeile der Vergangenheit mich immer wieder zielsicher an den schmerzendsten Stellen trafen, und versuchte die Fäden wenigstens festzuhalten, wenn ich sie schon nicht ordnen konnte.

Ich dachte an Penelope, die immer die Übersicht über die Fäden behalten hatte, Webmuster, Schiffchen, an die Wiederholungen, das ständig gleiche Spiel von Tag und Nacht, Weben und Auftrennen, und dass das alles ein Täuschungsmanöver sein sollte. Eine List. Ich hatte das Gefühl, dass diese Deutung ihr nicht gerecht wurde. Meiner Heldin Penelope nicht gerecht wurde.

Sie hatte eine Vision. Eine genaue Vorstellung, wie die Zukunft sein sollte. Aber manche Fäden (der nicht zurückkehrende Mann, der immer eigensinniger werdende Sohn, die politischen Verhältnisse…) schossen quer, zerstörten das Muster, und sie begann von Neuem. Vielleicht war sie nicht bereit, Fehler zuzulassen, Löcher, vielleicht wollte sie sich aber auch nur selbst beschützen, mit einer Geschichte über ihr Leben, die niemals ganz der Wahrheit entsprach.

Homerika

Lange schon, spätestens seit ich Ulrike Draesners Gedicht über „penelope“ (sie schreibt in „Zauber im Zoo“ über die Entstehungsgeschichte dieses Gedichtes) gelesen habe, fasziniert mich diese Figur. Weitaus mehr als Odysseus und seine abenteuerliche Irrfahrt. Auch deshalb habe ich „Homerika“ von Phoebe Giannisi sehr gerne gelesen.

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Ich gefalle mir in einer Rolle (aktiv, tapfer, fleißig), dabei bin ich das nicht. Eine Frau Holle, die energisch die falschen Adjektive aus dem eigenen Kopf schüttelt, statt mit den Flocken zu spielen, Zuschreibungen anzuprobieren wie Kostüme, neugierig, aber erwartungslos.

Wie gerne würde ich meinen Kindern etwas mehr Leichtigkeit vermitteln und mitgeben, statt dieser falschen Hektik, dem übertriebenen Ernst.

Erzähl eine Geschichte und hab Spaß daran, statt dich zu fragen, wer dir glauben wird.

Ist es wirklich so, dass Verstand und Gefühl beständig in uns streiten? Der Wille etwas zu leisten und das Gefühl das alles nicht zu schaffen?

Die faszinierende Figur der Penelope, und dass es mir immer höchstens einen Tag lang gelingt, mich an meine eigenen Pläne zu halten.

 

All die Schlösser der Sprache

Der Blinde schaut aus dem Fenster und spürt die Musik. Die Gebildeten modellieren die Leere zur formvollendeten Gestalt.

Der Schnee fällt aus allen Wolken. Die Wolken steigen dem lieben Gott zu Kopf. Er hat Knopfäuglein und einen langen Bart. Nicht für Kinder unter drei Jahren geeignet. Kleinteile können verschluckt werden.

Die Zeit hat Schluckauf. Das Gestern bekommt uns nicht, das Morgen haben wir über. Im Heute kennen wir uns nicht aus. Wie Schneewittchens böse Stiefmutter fragen wir unablässig den Spiegel, wer der Klügste im Land ist, der Schönste, oder der mit der besten Stimme. (wer am besten lügt, behalten wir für uns, unter Vorbehalt. Umtausch ausgeschlossen).

Als Kind fühlte ich mich oft ausgeschlossen (ich war nicht besonders aufgeschlossen). All die Schlösser der Sprache und niemand, der sie öffnet, nein schließt.

Penelope wartet noch immer (ohne das jemand merkt, dass es längst das Warten ist, das ihr ans Herz gewachsen ist. Ein unmerkliches Muster, das sich beim nächtlichen Auflösen der Stoffe, tief in ihre Finger gegraben hat).

Den Unglücklichen und Ahnungslosen gehört das Reich der verlorenen Fäden.

Die Nachrichten, die alles im Nachhinein richten. Und alles Wichtige steht ohnehin in dem, was man ausläßt.

Begraben wir die flüchtigen Erfinder mit unserer Dankbarkeit.