Insa Wilke über Allegro Pastell

Die unglaublich kluge Insa Wilke liefert den ersten für mich wirklich überzeugenden Interpretationsansatz dafür, warum Leif Randts Allegro Pastell doch einen literarischen Mehrwert hat. Nicht als „Jugendbewegung“ (Zeit oder SZ, ich bin jetzt zu faul, das nachzurecherchieren), oder soziologische Analyse, sondern als die Geschichte von Engelein im Paradieschen. Abgehoben und ziemlich leidenschaftslos. Das erklärt vieles, und macht das Ganze plötzlich zu einem ästhetisch und formell ausgefeilten Experiment. Dessen Form trotzdem nicht so abgehoben ist, dass man es nicht auch ohne diesen Hintergrund lesen könnte und kann. Wilkes Ansatz zu kennen behebt aber, zumindest bei mir, die Irritation und leichte Ratlosigkeit, die ich beim Lesen empfunden habe. Eben weil das alles so leidenschaftslos und lau ist, wie es vor dem Hintergrund sein muss.

Die Vertreibung aus dem Paradies

Wie werden sich Adam und Eva gefühlt haben, nachdem sie das Paradies verlassen mussten, nachdem sie aufgetaucht waren aus den stillen Gewässern der Unmündigkeit? Und sich unversehens im ausufernden Raum der restlichen Welt wiederfanden. Wenn die Grenzen aufgehoben sind, verschwindet der Raum im Unbestimmten. Um sich zurechtzufinden wird eine neue Ordnung notwendig.

Adam und Eva mussten lernen, sich zu konzentrieren, auszublenden, was nicht wichtig war für den Moment, für das Ziel, das sie sich gesetzt hatten. Sie mussten lernen nur das wahrzunehmen, was diesem Ziel diente. Eine neue Grenze wurde gezogen, diesmal zwischen Natur und Mensch, Tier und Mensch und schließlich zwischen den Menschen selbst. Neue Begriffe entstanden, um Abgrenzungen deutlich zu machen, um Räume zu definieren: Zeit, Wahrheit, Pflicht, Erfolg, Vernunft. Und andere, um sie erträglicher zu machen: Lüge, Gedanken, Traum, Scheitern, Glauben. Kleine Hilfswerkzeuge um aus dem unendlichen, gewaltigen Chaos etwas auszuwählen, es aus dem reißenden Strom zu schöpfen, nur so viel davon, wie in ein Gefäß passt, so viel wie der Raum fassen kann, ohne zu bersten, ohne auseinander zu brechen. Um darauf aufzubauen, anzubauen, behutsam zu erweitern, damit neue Räume entstehen können*, Lebensräume, Gedankenräume, Spielräume.

Und die Frage, wie man sich sein Leben einrichten soll, wie man sich einen eigenen Raum schafft und bewahrt. Wie muss der eigene Schreibraum beschaffen sein?

Ein Blick aus dem Fenster. Ein Schritt vor die Tür. Das muss ebenso gewährleistet sein, wie die Möglichkeit, die Tür wieder zu schließen, nichts und niemanden herein zu lassen. Die Möglichkeit allein zu sein mit sich und seinem beschränkten Blick auf die Welt draußen vor dieser Tür. In einem begrenzten Raum, in einem eigenen Zimmer. Im eigenen selbstgeschaffenen Paradies.

* Wie das Wort „überlegen“ darauf hindeutet, darauf verweist, dass man sich auf mehrere Schichten bezieht, die übereinander liegen, die das Fundament bilden, auf dem die eigenen Gedanken fußen, der Boden, auf dem sie stehen, der Ausgangspunkt, der die Richtung vorgibt, begrenzt und ermöglicht.