Wasser

Neue Puzzleteile auf der Suche nach der Antwort zur Frage, warum mich Wasser so sehr fasziniert

Christine Kappe schreibt: „Manchmal wusste ich nicht, ob eine Sache aus festem oder weichem Material bestand. Aber es war nicht so entscheidend, denn die weichen Dinge wurden auch hart mit der Zeit[…]“

Und dann sehe ich die Bilder von Nicole Tijoux, die ich bei Pagophila entdecken durfte, und lese bei der weiteren Recherche von ihr selbst folgende Erklärung zu diesen ihrer Bilder:

http://www.thejealouscurator.com/blog/wp-content/uploads/2016/03/nicoletijoux11.jpg
http://www.thejealouscurator.com/blog/wp-content/uploads/2016/03/nicoletijoux11.jpg

 

„So, my work studies visual transformations that a body has when interacting with water, how the figure actives the background with it. Also the way the shape vanishes in the vapor of the water, and the ghostly appearence of the body. I tried to explore different pictorial ways to solve the image, to splash paint, or dripping it, or many watercolur effects.“

Die Bilder stellen übrigens, das schreibt sie auch, Menschen dar, die mit Wasserwerfern der Polizei konfrontiert sind.

No dar papaya

Ich habe die sehr klugen Essays von Leslie Jamison gelesen, die auf ihren Wunsch zulaufen; ich will, dass unsere Herzen offen sind, und dann habe ich die Rede von Chimamanda Ngozi Adichie gelesen und nicht zuletzt den wunderbaren Artikel „No dar papaya“ von Pagophila. Und etwas begann sich zu bewegen, die Worte und Sätze, die ich gelesen hatte, begannen sich miteinander zu verbinden, ein Netz zu spinnen, mit mir selbst als Spinne und gefangener Beute zugleich darin.

In allen Artikeln geht es auch um Feminismus. Ein Wort, dem ich lange aus dem Weg gegangen bin, weil ich dachte, es ginge mich nichts mehr an, das war die Sache der Generation vor mir, die haben das abgearbeitet, und weil ich andererseits glaubte, wer sich heute mit Feminismus beschäftigt, schleppt ein ungeheuer großes, schwer durchschaubares theoretisches Konstrukt mit sich herum. Ein intellektuelles Netz, das ich nicht kenne, in das ich mich nicht einarbeiten will. Also Rückzug, Verweigerung, sogar Negation. Der Feminismus hat sich erübrigt, wir brauchen das nicht mehr. Ich brauche das nicht mehr. Was natürlich Blödsinn ist, und verkehrt.

Denn Feminismus ist ja nicht zuletzt die Forderung, offene Herzen zu haben, dieser sehr einfache Nenner auf den ich es für mich gebracht habe, dass wir naturgemäß unterschiedlich sind, als Männer und Frauen, dass wir unterschiedlich aussehen und häufig genug unterschiedlich denken und handeln, und das ist gut so, denn Gleichberechtigung heißt nicht Gleichmachen, sondern dafür sorgen, dass unterschiedliches den gleichen Wert erfährt. Dass wir Empathie und Fürsorge ebenso hoch bewerten wie Hartnäckigkeit und eine gewisse Aggressivität beim Durchsetzen seiner Ziele. Dass wir aber gleichzeitig diese Eigenschaften nicht automatisch einem bestimmten Geschlecht zuordnen, sondern bestimmten Individuen, dass wir, um es auf den einfachsten Nenner zu bringen, begreifen, dass es nicht um entweder oder geht, sondern um sowohl als auch. Um Ergänzung, nicht um Übertreffen.

Viel hat sich geändert, aber wir sind längst noch nicht am Ziel. Darum sind solche Bücher, wie Jamison sie schreibt so wichtig. Darum ist es notwendig, dass Chimanmanda Ngozi Adichie mit ihrer Definition von Feminismus gehört wird: „Eine Feministin oder ein Feminist ist ein Mensch, der sagt, ja, es gibt heutzutage Probleme mit Geschlechterrollen, und das müssen wir korrigieren, und wir müssen es besser machen. Wir alle, Frauen und Männer, müssen es besser machen.“

Wir müssen den kleinen Mädchen, die vielleicht immer noch in uns stecken, erlauben, die grenzenlose Freiheit im ersehnten Plisseeröckchen ohne Kniestrümpfe zu erfahren, und auf das Recht bestehen, dass nicht jede Grenze, die wir nicht anerkennen, des väterlichen Schutzes bedarf, weil wir uns selbst beschützen können, wenn wir unsere Verletzlichkeit zeigen, oder ein vermeintlich leichtes Ziel darstellen.

Dualität

Koen Wessing , Nicaragua 1979
Koen Wessing , Nicaragua 1979

Lange schon liegt Roland Barthes auf dem Nachttisch, und immer wieder blättere ich darin und lasse mich mitnehmen von seinen Gedanken und Überlegungen. Dass dieses Buch überhaupt zu mir gefunden hat, oder besser gesagt, ich zu ihm, diesen Umstand verdanke ich Pagophila, deren Eintragungen zu „Die helle Kammer“ mich immer wieder fasziniert haben.

Barthes spricht in seinen Bemerkungen zur Photographie vom „Abenteuer“ des Fotos. Weil ich gerade erst über Fragen nachgedacht habe, und immer noch darüber nachdenke (nur nicht mehr ganz so ratlos, dank der vielen klugen Bemerkungen, die mir einige meiner Leser geschenkt haben), überlege ich, ob mich ein Foto vielleicht genau dann anspricht, wenn es mich dazu bringt, Fragen zu stellen, mich auf diese Art, also mit einer zielgerichteten Neugier, darauf einzulassen.

 

Aber worüber ich eigentlich schreiben wollte, ist der Begriff der „Dualität“, von der Barthes bei den Fotos von Koen Wessing spricht. Diese Dualität durchbricht laut Barthes die Gleichgültigkeit, das unbeteiligte Interesse an Bildern, die lediglich wahrgenommen werden, ohne den Betrachter wirklich zu berühren.

[Das Prinzip der Dualität spiegelt sich nicht zuletzt im Titel, den Barthes seinen Betrachtungen zur Photographie gegeben hat. Die helle Kammer, da ist das Licht angesprochen, das alles groß macht und dem Blick öffnet, dagegen die Kammer, die für einen geschützten Raum steht, aber auch für eine gewisse Beengung, Einschränkung)

 

Barthes schreibt: „Das punctum einer Photographie, das ist jenes Zufällige an ihr, das mich besticht (mich aber auch verwundet, trifft).“

Diese Verwundung ist es, die die Begrenztheit unserer Perspektive, unseres Lebens weitet, erhellt. Das klingt jetzt pathetisch und vielleicht auch noch etwas kryptisch, aber ich habe vor, an dieser Stelle weiterzumachen, weiterzudenken und zu schreiben.

 

Licht

Jan Vermeer, “Briefleserin am offenen Fenster” (1657) Öl auf Leinwand, 83 cm × 64,5 cm Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden
Jan Vermeer, “Briefleserin am offenen Fenster” (1657)
Öl auf Leinwand, 83 cm × 64,5 cm
Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden

 

 

Vor einiger Zeit hatte Pagophila eine schöne kleine Serie von lesenden Frauen auf ihrem Blog. Unter anderem auch Vermeers Briefleserin. In der lesenswerten Anthologie „Über den Dächern das Licht“ von Klara Hurková, habe ein ein sehr schönes Gedicht von Ludwig Steinherr zu diesem Gedicht gefunden.

Vermeer

         Es gibt das Licht
damit es die Dinge geben kann
Es gibt die Dinge damit es
das Licht geben kann

         Die Schwangere liest den Brief ohne Worte
Sie liest das Licht und kommt
an kein Ende
Jedes Land auf der gilbenden Karte
ist eben erst entdeckt und sucht
seine Farbe

         Die Perlen blicken dich an wie Augen
Ein rotes Knäuel Lichtgewirr
rutscht aus dem Klöppelkissen
Wie groß ist die Arbeit das Licht
in das Licht zu verknoten

         Die Hand ruht aus am halb
geöffneten Fenster
Das Licht ist von innen so stark