Umdrehen

Eine Verschwiegenheit lag in der Luft, verschloss Fenster und Türen vor dem Geflüster, das sich sehr langsam, sehr vollständig über alles legte, was bewegungslos war. Die Vögel flohen vor dem Geflüster in den Bäumen, die nächtlichen Schatten standen unruhig vor den geschlossenen Fenstern.

Am See, am kleinen Weiler am Dorfrand, dort wo letztes Jahr ein Mann von dem niemand viel mehr als den Namen wissen wollte, ins Wasser gegangen war, stand sie, flocht ihre Zöpfe, wartete darauf, dass die Wolken den Mond freigaben.

Wartete vielleicht auf Erlösung, auf das Schweigen der inneren Stimmen. Im schwarzen Wasser spiegelte sich ihr Gesicht. In jeder Falte eine Erinnerung und niemand außer ihr, der sich besinnt. Ihr Gesicht war unterteilt in mehrere Schichten, Geschichten, in denen sie mehr oder weniger eine Rolle gespielt hatte. Vergangene Geschichten, die nie vollständig vergehen. Tut es weh, wenn du dich umdrehst?

Was für eine Frage. Natürlich tut es weh.

Niemals hätte sie sich umgedreht, dumm und schmerzunempfindlich wie Lots Frau, wie Orpheus.

[Matrix 33-34, 2013]

 

Als würde es mich nicht geben, ohne die Zumutungen der Zukunft

Von der Zügellosigkeit der Zeit habe ich einmal geschrieben. Und das ist sowohl wahr als auch Unsinn, die Zeit zügellos zu nennen. Was hat die Zeit mit Zügeln zu schaffen? Und andererseits gibt es kaum etwas, dem wir so unterliegen wie der Zeit. Gestern ein Video gesehen in dem im Zeitraffer von fünf Minuten ein kleines Mädchen zur alten Frau wird, ohne Übergänge, ohne dass man es wirklich fassen kann.

Was bleibt sind schwer definierbare Fixpunkte, der Blick, die Nase, weniger der Mund. Und Erinnerungen.

Ein unerschöpfliches Wort, mindestens ebenso zügellos wie die Zeit. Unerschöpflich. Für mich.

Zum Beispiel diese Eigenart, mir keine Erinnerung zu erlauben, ohne den mit der Erinnerung einhergehenden Schmerz. Es ist mir nicht möglich, die schönen Momente wach zu rufen, noch einmal vor mir zu sehen, ohne augenblicklich zu bedauern, dass sie unwiderruflich vorbei sind.

Als wäre das der Kern der Geschichte von Orpheus und Eurydike. Der Grund für das Verbot, sich umzudrehen.

Erinnerung

 

Erinnerung, mein nicht selbst gewähltes Thema. Ich wollte ja etwas über Heimat herausfinden. Was Heimat ist, wo dieser Ort liegt und wie unterschiedlich er sich anfühlen kann.

Die Hinweise, dass erinnern und Heimat nicht unbedingt zwei wirklich getrennte Dinge sein müssen, gab es schon früh. Schon bei der Lektüre von Valeria Luisellis Essays. Dieser Satz, dass es vielleicht nur zwei Orte gibt, an denen der Mensch wirklich zu Hause ist: Kindheit und Grab. Und dazwischen die Erinnerung. Die Vorstellung und die Erinnerung. Das Anglichen und Abgleichen. Rückschau.

Es gibt sehr eindringliche Geschichten über die Gefahr des Zurückblickens, Orpheus verliert Eurydike durch den Blick zurück, Lots Frau erstarrt zur Salzsäule. Die Geschichten leuchten mir ein. Ich begreife, dass sie etwas Weiterreichendes ausdrücken, dass sie etwas mit mir zu tun haben.

Was in diesen Geschichten fehlt, ist der Hinweis darauf, wie man es verhindert, wie man es schafft, diesem Impuls zu widerstehen, sich allen Warnungen zum Trotz umzudrehen, zurück zu blicken.

 

Das Orpheus Prinzip

 

Du drehst dich um, und alles geht rückwärts. So hast du dir das vorgestellt. Die Verletzungen, die du deinen Kindern zugefügt hast (das du all das auch dir selbst zufügst, flüstert der Teufel dir ins Ohr).

 

Der erste Mensch, der den Mond vergewaltigt hat, der erste Trinker, der erste Soldat und all die Frauen, die zu Hause geblieben sind, Briefe schreibend, Kompott kochend, sich einredend, der Himmel spannt so etwas wie ein Zelt (gültiger, beständiger als Buchstaben) über uns, also über Arme und Reiche, Männer und Frauen, Greise und Kinder, und dass es immer der gleiche Himmel sein wird, solange man sich nur nicht umdreht.