Narben

Man denkt ja nicht, dass es auch ganz anders sein könnte, in solchen Situationen und noch weniger, dass es sich ändern wird. Dass schon bald alles ganz anders aussehen wird. Weil das so ist mit der Wahrheit, wie mit diesen optischen Täuschungen. Je nachdem aus welchem Winkel man guckt, erscheint ein anderes Bild.

Das ist es, was einen so wehmütig macht, wenn man sich erinnert. Einerseits. Was einem aber auch Mut macht, weil man begreift, dass man auch über schwere Zeiten hinweg kommt. Dass selbst der schlimmste Kummer, wenn nicht vergeht, so doch wenigstens verblasst, wie eine Wunde, die sich schließt. Und die Narbe, die später an die große Verletzung erinnert, tut nur noch selten weh. Nur bei Wetterumschwung zum Beispiel.

 

Das erste Mutterbild

wird am Montag auf dem Blog Tausend Mutterbilder erscheinen, gestiftet hat es Elisabeth Masé.

Das Bild spricht für sich, so dass es sich erübrigt, viele Worte dazu zu verlieren. Auch von Elisabeth Masé, die gerade ein sehr schönes Projekt „das Kleid“ in Berlin erfolgreich und mit großer Resonanz beendet hat, schreibe ich nicht viel. Sie hat eine sehr schöne, informative und übersichtliche Homepage, auf der sich die geneigte Leserin, einen Überblick verschaffen kann.

Ich möchte nur ganz kurz erwähnen, dass einige der im den nächsten Tagen hier präsentierten Aquarelle in ihrem vor zwei Jahren bei Kleinheinrich erschienen Bilderbuch vertreten sind. Ein Buch, in dem ich eines der Themen angedacht finde, die auch für das Mutterthema zentral sind. Der rote Faden, den Masé in viele ihrer Bilder stickt, handelt nicht zuletzt von diesem Faden, der uns zu Anfang unseres Lebens genährt hat, und der dann durchtrennt wird, werden muss. Die Nabelschnur als Verbindung aus Verletzung und Heilung, Verbundenheit und notwendiger Trennung. Ausdruck unserer Doppelnatur, unserer Verlorenheit zwischen zwei Polen. Die Notwendigkeit von Schmerz für die persönliche Entwicklung.

Insofern ist alles bereits am Anfang des Lebens angelegt; Trennung, Narbe, Entwicklung. Und, wie Elisabeth Masé es in einem ihrer Bilder auf den Punkt bringt: „Mama, die Nacht hat zwei Enden“.

 

Narben und Verantwortung

Narbe heißt Schnitt. Und was das mit der Balance zu tun hat, die ständig und überall notwendig zu sein scheint.

Der Zettelkasten. Die Kunst des Fragens. Vom Unterschied zwischen Wertung und Gleichmacherei. Wie mir die Fragen am Kopf vorbei gehen. Ein kleiner abgelegener Freimut. Verwandlungslos eindeutig. Beschäftigung. Und diese Sucht, wahrgenommen zu werden und in Ruhe gelassen. Gleichzeitig. Das Gute im Schlechten entdecken. Argumentieren und sich angreifbar machen, ohne gleich die Fassung zu verlieren.

In unserem narbenreichen Körper vermischt sind wir, schreibt Rosemarie Waldrop. (von überall her kommt jetzt die Wiederholung und holt mich ein, eilt mir voraus, behauptet jeder einzelne Gedanke sei unwirksam. Das Wispern eines ahnungslosen Mannes, und dass man das heute gar nicht mehr so schreiben kann.) Die Verantwortung unserer Zeit.  Und wie man damit umgehen muss. Aller Unmöglichkeit zum Trotz.

Definitionsversuche

Was mich immer fasziniert hat, war die medizinische Erklärung für Narben, auch diese von Draesner in ihrem Gedicht „Penelope“

 

„narbe ist was sich vom verzweifelten zusammenwachsen nicht dehnt“

 

Ich denke auch das ist auf den Begriff der Heimat, den Verlust von Heimat übertragbar. Menschen, die ihre Heimat verloren haben, behalten Narben zurück, auch wenn sie gut zusammengewachsen sind mit ihrer neuen Heimat.

 

Gewebe

Unterscheidung.

Wo beginnt die Wertung und wo die Gleichgültigkeit?

Was kann man wissen, ohne ein Verständnis für die Begriffe?

Ist das Schweigen die Wunde der Sprache, oder die Sprache die Wunde des Schweigens?

Und wie verhält es sich mit den Narben?

Gewebe, wohin man blickt.

Nachgiebiges, elastisches Gewebe.