26. Juni

Als die Sonne aufgeht, bin ich schon wach. Wieder einzuschlafen gelingt mir nicht.

In den Nachrichten fast ausschließlich Meldungen, die die Wohlstandsbürger angehen. Das einige Menschen jetzt nach dem Tönnies Skandal Schwierigkeiten haben, in den Urlaub zu fahren, ist mehrere Sendeminunten wert, über all die erkrankten Arbeiter in Quarantäne, oder gar über anstehende politische Konsequenzen kein Wort. Dass die ohnehin gerade für Frauen und Mütter knappen Renten eingefroren werden, wird in einem Nebensatz erwähnt.

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Eine Gesellschaft vermummt sich, eine andere vergreist. Wer sich nicht abfinden will mit der Zukunftslosigkeit seiner Kinder, ertrinkt im Mittelmeer. Andere demonstrieren jeden Freitag friedlich aus privilegierter Position. Der Rest verfolgt die Nachrichten ohne Zeit sie zu lesen, weil die Kommentare nicht fundiert, sondern schnell und zackig sein müssen, damit man wenigstens einmal für Sekunden die Aufmerksamkeit erfährt, die man sein ganzes Leben entbehrt hat.

 

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Es gab diese Nachrichten. Jeden Tag neue Attentate, Menschenrechtsverletzungen und unschuldig Getötete, und wir lebten einfach weiter, kochten, aßen, schauten auf unsere Handys. Wir waren ratlos. So sehr, dass wir es selbst nicht mehr wahrnahmen.

Die alles entscheidene Frage

Es gibt Fragestellungen, Handlungsanweisungen, immer neue Bedenken. Es gibt die nackte Angst, und die Unmöglichkeit, sie in Worte zu kleiden. Hände, die ins Leere greifen. Augen, die sich schließen.

Die Nachrichten sind voll von dem Elend der Flüchtlinge, Millionen entwurzelter Menschen, die verzweifelt um ihr Überleben kämpfen, um Hoffung, um das Recht Rechte zu haben, und es gibt die Überforderung der Staaten, die immer noch keine Menschen sehen, sondern Probleme, die sie abschieben wollen, indem sie Grenzen schließen, Verantwortung negieren, immer noch, immer wieder Abschottung statt Solidarität. Vielleicht beginnt mit dieser Krise, die sich auf einmal mitten nach Europa, in unsere Mitte, verlagert hat, die alles entscheidende Antwort auf die Frage, wie wir leben wollen; gegeneinander oder miteinander.

All die Schlösser der Sprache

Der Blinde schaut aus dem Fenster und spürt die Musik. Die Gebildeten modellieren die Leere zur formvollendeten Gestalt.

Der Schnee fällt aus allen Wolken. Die Wolken steigen dem lieben Gott zu Kopf. Er hat Knopfäuglein und einen langen Bart. Nicht für Kinder unter drei Jahren geeignet. Kleinteile können verschluckt werden.

Die Zeit hat Schluckauf. Das Gestern bekommt uns nicht, das Morgen haben wir über. Im Heute kennen wir uns nicht aus. Wie Schneewittchens böse Stiefmutter fragen wir unablässig den Spiegel, wer der Klügste im Land ist, der Schönste, oder der mit der besten Stimme. (wer am besten lügt, behalten wir für uns, unter Vorbehalt. Umtausch ausgeschlossen).

Als Kind fühlte ich mich oft ausgeschlossen (ich war nicht besonders aufgeschlossen). All die Schlösser der Sprache und niemand, der sie öffnet, nein schließt.

Penelope wartet noch immer (ohne das jemand merkt, dass es längst das Warten ist, das ihr ans Herz gewachsen ist. Ein unmerkliches Muster, das sich beim nächtlichen Auflösen der Stoffe, tief in ihre Finger gegraben hat).

Den Unglücklichen und Ahnungslosen gehört das Reich der verlorenen Fäden.

Die Nachrichten, die alles im Nachhinein richten. Und alles Wichtige steht ohnehin in dem, was man ausläßt.

Begraben wir die flüchtigen Erfinder mit unserer Dankbarkeit.