Brief

Ich schrieb mir selbst einen Brief, der unmöglich zu entziffern war. Bleib bei mir, schrieb ich, lauf nicht ständig vor mir weg. Ich erinnere mich an dich, wie wir schwerelos hin- und herschaukelten, im dunklen Bauch deiner Mutter und doch hast du schon damals angefangen, mich zu vergessen. Ich sah dich älter werden, ich sah, wie du dich immer weiter vom Ursprung entferntest, auf der Suche nach mir. Ich war immer auf der anderen Seite. Suchtest du mich in der Tiefe, schwebte ich über dir. Suchtest du mich mit Ernst, war ich bereit mich zu offenbaren im Spiel. Ich war immer auf der anderen Seite. Ganz nah. Und unsichtbar. Jetzt schreibe ich mir einen Brief und hoffe, du bringst mir das Lesen bei. Denn ich bin müde. Müde nach Hoffnung zu suchen. Müde von all dem gestern, das sich mit Entschiedenheit vor mein Heute stellt.

 

20. Dezember

Die Zeit: eine Kröte, die dich schluckt.

Stay heißt stehen sagt mein Kind, das noch die Fähigkeit hat, lautmalerisch zu übersetzen. Über zu setzen von einem Ufer ans andere, tragbare Stege voll Übermut und blühender Güte. Später dann trägt die Erkenntnis dick auf und keine Brücke hält, es gibt keine leichten Überfahrten, nur schwer verschlungene Wege, die meisten Schritte unverdaut. Später hält dich etwas in Atem. Alles bleibt wie dieses Herauswachsen aus dem Mutterleib. Aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Etwas symbiotisch Verbundenes sprach uns aus.

Und das, was außen herum passiert, die Angst vor Pegida und die Geschichten, die dagegen erzählt werden. Oder Menschen, die statt zu reden, etwas tun, Spendengelder sammeln, Gedankenkisten packen.