Lass mich los

Eine weitreichende Deutung der Begegnung Marias mit dem auferstandenen Jesus gelesen. Er ruft sie, aber als sie ihn berühren will, weil sie denkt, jetzt ist endlich alles wieder wie früher, stößt er sie zurück, sagt: Lass mich los. Das ist es. Und das ist schmerzhaft. Aber der andere Teil ist, dass nach dem Loslassen, dem schmerzhaften Abschied nehmen, die Möglichkeit (und sogar die Forderung) nach einem Neuanfang steht, die Auferstehung, nicht nur des gekreuzigten Jesus, sondern auch der leeren, sohnlosen Mutter. Irgendwie hat mich das getröstet, es fühlte sich an, als würde mich jemand verstehen, als hätten die Mütter schon vor 2000 Jahren so gefühlt.

Verschwinden

Das Verschwinden, das vielleicht die Essenz unseres Lebens ist. Denn von Anfang an verschwinden Teile von uns. Das Kind, mit dem wirren Haar, das bei der Fotografin keinen Kamm bekam, weil das angeblich unhygienisch ist, ist heute, an diesem Tag im Juni 2017 ebenso verschwunden wie die kleine Elke mit den raspelkurzen schwarzen Haaren, die ihrer Mutter, die auf einem Klappstuhl auf dem Zeltplatz sitzt, die Puppe entgegenstreckt.

Mutterbilder

Mutterbilder

Der im Sommer entstandene Tausend Mutterbilder Blog stagniert. Das liegt an mir und an der fehlenden Resonanz.

Was nicht heißen soll, dass ich nicht sehr sehr dankbar und erfreut bin über all die wundervollen Beiträge, die bisher eingegangen sind. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle, die Bilder, Gedanken, Gedichte und Geschichten beigesteuert haben!

Nichts desto trotz hatte ich mir das alles anders vorgestellt. Weniger arbeitsintensiv. Und mit einer größeren Beteiligung. Seit Wochen schon habe ich keine Beiträge mehr bekommen. Vielleicht lege ich jetzt eine Pause ein und warte ein, zwei Monate ab, wie sich alles entwickelt. Meine Motivation und die Bereitschaft von Töchtern und Söhnen, Vätern und Müttern, über dieses Thema zu reden, zu zeichnen, zu singen…

Sprachlosigkeit

Die Zweifel. Und wie man sie täglich überwindet.

Die Vergangenheit beginnt sie aufzufressen, zu verzehren. Bis sie merkt, es gibt eine Vergangenheit, die nichts bedeutet, die lediglich eine Geschichte ist, und eine andere, Vergangenheit, die weh tut.

Es gibt Schichten von Vergangenheit, so wie es gute und schlechte Schmerzen gibt. Was es nicht gibt für sie ist Schmerzfreiheit, Zeitlosigkeit.

Die Vergangenheit ist jetzt, ist ein Teil ihrer Zellen, ihrer Gegenwart. Ein lebender Umkreis um eine leere Mitte. Die letzten warmen Tage des Jahres. Eine Menge unnütze (überflüssige) Informationen, und andere, bedeutende, Botschaften, die sie nicht entschlüsseln kann. Die Geschichte, die ihr Körper über sie erzählt, und die andere Geschichte, die der Verstand erzählt. Und sie selbst ist das, was von diesem Widerstreit sichtbar wird. An die Oberfläche dringt. Also für jeden etwas anderes. Viele unterschiedliche Geschichten. Und doch heißt Individuum das Unteilbare. Krank, alt, verständnislos. Sie sieht ein, dass das nicht teilbar ist. Dass es sich auflösen muss in eine Vielzahl von Geschichten, die nie (?) etwas mit ihr zu tun haben, oder nur zufällig, sondern mit demjenigen, der sie sich ausdenkt, sie glaubt. Sie vielleicht sogar für die einzig mögliche Wahrheit hält. Die Sprache und ihre Sprengkraft.

Ihre Kinder kennen sie nicht anders als mit einem Stapel Bücher auf dem Arm. Oder mit einem Stift in der Hand. Die Mütter in den Büchern, die sie vorgelesen bekommen, gehen ins Büro, stehen mit einem Kochlöffel in der Hand in der Küche, trinken mit Freundinnen Kaffee, telefonieren, treiben Sport. Sie nie. Sie liest und schreibt. Sie ist immer da. Und immer allein.

Sie ist eine Zumutung. Unbeständig in ihrer Bewegungslosigkeit.

Immer wenn sie einen Versuch macht, aufzubrechen, in die Welt zu gehen, die Bücher und den Stift gegen Handlungen, Bewegungen, Welt, einzutauschen, hält eine neue Krankheit sie zurück. Fesselt sie ans Bett, macht ihre Pläne zunichte. Sie beschwert sich nicht, jammert nicht. Sie bleibt, klaglos. Nicht präsent, aber anwesend.

Die Kinder leiden. Gemeinsam mit ihr oder stellvertretend. Wünschen sich weg, wünschen sie weg. Spüren, wie sie das schlechte Gewissen zurückhält.

Forderungen, die nie ausgesprochen werden.

Später werden sie sagen: es war die Sprachlosigkeit, die uns zusammen gehalten hat, und mit einem traurigen Lächeln hinzufügen: Bei einer derart sprachverliebten Mutter.

Mutterbilder

Im Grunde ist das Thema nicht neu. Vor zwei Jahren habe ich mich in Form der „Mutterbilder“ damit beschäftigt, und hervorgegangen war diese Auseinandersetzung aus der wiederum ein Jahr zuvor stattgefundenen Diskussion um Kompromisslosigkeit in der Kunst.

Nicht neu und nie veraltet, ist das Mutterthema eines der unerschöpflichen Themen der Menschheit. Obwohl wir seit Jahrhunderten darüber reden, was eine Mutter ist, obwohl wir alle Mütter haben, bzw. gerade deshalb, ist dieses Thema nie beendet, ist in diesem Bereich niemals alles gesagt. Und wie zutreffend es ist, dass auch immer noch nicht alles gesagt werden darf in diesem Bereich, beweist die sehr emotional geführte Debatte unter dem Stichwort „regretting motherhood“, die letztes Jahr durch das Buch der israelischen Soziologin Orna Donath angestoßen wurde.

 

Es gibt so viele Aspekte des Mutterthemas. Und alle interessieren mich.

Der gesellschaftliche Druck, die Orientierungslosigkeit, weil alles zu einer individuellen Entscheidung geworden ist, ob man Mutter werden will und wann, ob man das Kind allein bekommt, oder von Anfang an gleichberechtigt mit dem Vater aufziehen will. Darüber habe ich im Zusammenhang mit einem der Mutterbilder geschrieben, die mir Susanne Haun damals freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Neben diesem gesellschaftlichen Aspekt, aber davon natürlich nicht unbeeinflusst, existiert die sehr wichtige und weitreichende Frage, wie sich das Verhältnis, aber auch das Verständnis und die Vorstellung von der eigenen Mutter ändert, sobald man selbst Mutter wird.

Wie viel Macht hat eine Mutter, wie prägt sie ihr Kind, wie hat unsere Mutter uns geprägt?

All das interessiert mich sehr.

Und daher wünsche ich mir Geschichten von euch, über eure Mütter, über euer eigenes Muttersein, über eure Entscheidung Mutter zu sein, oder eben nicht Mutter zu werden, fiktive Geschichten oder Tatsachenberichte. Gesellschaftspolitische Überlegungen. Zeichnungen, Collagen und Bilder. Briefe und Lieder. Alles ist willkommen.

Währenddessen lese ich den Stapel Bücher durch, den ich mir zu diesem Anlass ausgeliehen und angeschafft habe, vielleicht wird ein roter Faden sichtbar, mehrere Fäden, die Muster ergeben, so dass ich gruppenweise eure Beiträge präsentieren und anhand meiner eigenen Überlegungen kommentieren kann.

Ich freue mich über jeden einzelnen Beitrag unter: muetzenfalterin@web.de.

Schon im voraus herzlichen Dank für euer Interesse und für die, hoffentlich zahlreiche und vielfältige, Beteiligung.

Ich sollte vielleicht noch ergänzen, dass nichts hier im Blog ohne nochmalige Rücksprache erfolgt, und dass die Beiträge gerne auch anonym sein dürfen. Und weitersagen ist ausdrücklich erwünscht.

Meine Mutter

Meine Mutter, die, so wird mir jetzt klar, von Anfang an damit beschäftigt war, zu verschwinden, zu sterben, die sich immer nur auf das Vergehen der Tage konzentriert hat, wie ein Gefangener, der die Tage abstreicht. Die behauptete, uns zu lieben, für uns da zu sein. Und vielleicht glaubte sie wirklich auf das Sterben zu verzichten, zu warten, bis es irgendwann von selbst eintreten würde, und bis dahin die notwendigen Arbeiten mechanisch auszuführen, würde genügen. Zu kochen, zu waschen, unsere Nasen zu putzen, wäre Liebe genug.

 

Vielleicht hat sie Angst vor dem Sterben gehabt, vielleicht ein schlechtes Gewissen, den selbstauferlegten Zwang, immer für uns da zu sein. Jedenfalls hat es lange gedauert, bis sie es wagte, bis sie manchmal, wenn ihr alles zu viel wurde, sagte: geht jetzt bitte. Lasst mich allein. Mit diesem schmerzverzerrten Gesicht, weil sie wusste, dass sie nichts schlechter erträgt, als allein zu sein.

Diese Mutter

Diese Mutter, die nicht von einem Tag auf den anderen, sondern von einer Minute zur nächsten, jegliches Interesse an ihren Kindern verliert.

Sie, für die es nichts Wichtigeres gab als die Kinder, die alles richtig machen wollte, sich selbst ständig vernachlässigte, zurücknahm, wurde auf einmal egoistisch. Sie war sich selbst so wichtig geworden, dass sie alles um sich herum vergaß.

Sie, die früher, die solange sie denken kann, nach Vorbildern suchte, nach Anleitungen dafür, wie man ein Leben führt, wie man unterschiedliche Rollen ausfüllt, gibt nichts mehr auf die Meinung anderer, interessiert sich nicht länger für richtig und falsch.

 

Und als ich sie ansprach, wie sie sich das alles erklärte, denn sie hatte nichts abgestritten, sie hatte die Änderungen durchaus selbst bemerkt, sagte sie nur, sie sei jetzt bereit zu sterben.

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Ich weiß nicht, ob ich jemals einen Traum hatte, den Traum, reich und berühmt zu werden, den Traum Mutter zu sein, Zentrum einer großen und glücklichen Familie. Oder wenigstens den Traum, zu schreiben. Jeden Tag mit Leichtigkeit die Seiten zu füllen, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, wie unnütz und überflüssig das ist.

Stattdessen habe ich eine Zeitlang geschrieben und es vermisst, als keine Worte mehr einfach so aufs Papier flossen. Habe Kinder bekommen und musste lernen, sie loszulassen.

Was ich damit sagen will; ich wurde immer wieder auf mich selbst zurückgeworfen.

Wir alle, alle anderen, aber vor allem all die anderen, die wir gewesen sind, leben fort in uns. Die Bilder, die Trauer, die Glücksmomente, das Suchen und wie es auf einmal aufgehört hat. Die Aufgaben, die uns dazu eingeladen haben, uns aufzugeben, endlich unser Ego loszuwerden und uns stattdessen zu verbinden, mit einer Tätigkeit, mit anderen Menschen, mit einer Idee.

Und das Ego, das immer wieder aufstand, und mit seinen falschen Fragen alles zerstört.

Die vermeintlichen Lügen des Urverstandes

Wir verdammen die Dämmerung. Während wir die Ideen begraben und dadurch begreifen. Es war einmal ein Mädchen, mit einem roten Stift. Während sie mir mit ihrem roten Stift ein Bärchen malte, starb ihre Mutter. Sie hatte zwei Brüder, die fast identisch aussahen, und von einem Tag auf den anderen erwachsen wurden. Was man so Schicksal nennt, während man verschwindet. Und schwindelt. Und je mehr man schwindet, um so verzweifelter hält man sich an seiner Vergangenheit fest. Kein Wunder, wenn das Gesicht im Spiegel immer fremder wird. Die kleine Frau entfremdet sich und verliert ihr Spiegelbild, um das Gesicht zu wahren. Wie die Dinge auf einmal laufen, wenn man sich erlaubt, sie nicht zu führen. Wohin soll das führen? Als wären wir nicht alle Wasserwesen kurz vor dem Verdursten.