Schreiben

Loslassen. Unsicherheiten aushalten. Unverständnis eingestehen – transparent, statt allwissend spezialisiert schreiben, und trotzdem das Beste geben. Dann aber eben dazu stehen, das es hier endet. Das Beste, die Erkenntnis, die Expertise.

Netze aus Sanftmut und Wut

Denke über Sanftmut nach. Über Wut. Über Überforderung und den Mut, den eine braucht, um Fehler zu machen, um nicht aus Angst vor Fehlern einfach gar nichts zu machen. Und zu sagen.

Andererseits glaube ich, dass Wut überbewertet wird. Sie ist sicher nicht das Allheilmittel. Es ist okay, wütend zu sein, aber traurig oder nachdenklich, sogar niedergeschlagen zu sein, ist ebenso okay. Und jede von uns richtet etwas anderes auf, treibt etwas anderes an, zu handeln.

Jeder Faden ist anders, jeder Faden ist wichtig, um das Netz weit, stabil und reißfest zu machen. Es gibt keine letztgültigen Antworten. Nur immer wieder neue Versuche, aufzustehen und weiter am Netz zu weben, das den Fall abfedert.

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Nichts davon ist schließlich überlebenswichtig: nicht die Filme, nicht die Geschichten und Gedichte, ebenso wenig wie Kunst und Musik. Und aus diesem Überfluss entsteht Freiheit. Aber Freiheit braucht den Mut, sie zu nutzen, sonst wird sie unversehens zu Beliebigkeit.

Vielleicht ist es mit dem Denken ähnlich. Das Denken braucht den Mut zu scheitern, sonst versandet es in der Reproduktion der immer gleichen Gedanken.

Das Aushalten der Widersprüche als Gegenbewegung zum ermüdenden Recht haben Wollen.

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Ich habe immer noch Angst. Ich erinnere mich nur bruchstückhaft.

Vielleicht sind die Erinnerungen, die ich niemals aufgeschrieben habe, die nur in meinem Kopf bestehen, die einzigen, die wirklich zählen. Als würde nur das zählen, was wir nicht erzählen wollen oder können. Als würde die Bedeutung erst jenseits der unüberbrückbaren Grenzen unserer Sprache liegen. Als könnten wir uns nur durch Sprache mitteilen. Aber vielleicht geht es einigen von uns genau so Und anderen steht gar kein Medium zur Verfügung. So dass sie allein (ungeteilt und ungeheilt) bleiben müssen in ihrer Angst und Wut. Kommt daher der Hass?

Ich verliere den Faden. Ich komme den Gedanken nicht hinterher. Ich kann die Instanz nicht benennen, die alles noch während des Denkens aussortiert und verwirft. Meint sie es gut mit mir, oder nicht?

Ich unterscheide mich. Dieses Bewusstsein bleibt immer. Egal wie sehr die Ränder verschwimmen.

Was mich bedrückt, könnte etwas Dunkles sein, das nach Ausdruck verlangt, um sich in Licht verwandeln zu können. Vielleicht. Etwas Schweres, das nach Form strebt, um schweben zu können. Wenn da kein Mut ist, tut es vielleicht auch Übermut.

Grenzen

Seit wann habe ich eigentlich Angst vor Herausforderungen? Waren das diese Fälle bei fixpoetry und Signaturen, wo ich gescheitert bin? Habe ich mich davon nie richtig erholt? Einerseits ist es gut, dass ich kein Muster, kein erlerntes Schema habe, mit dem ich an die Kritiken herangehe, das ermöglicht mir eine gewisse Offenheit, und damit die Chance, im besten Fall andere, zusätzlich erhellende, Perspektiven anzulegen. Andererseits fehlt mir immer wieder der Halt, den das Handwerk mir verleihen könnte. Eine gewisse professionelle Sicherheit, die mich davon bewahren könnte, naive Fehler zu machen. Bedeutsames schlicht nicht zu erkennen.

Die Lösung kann wohl immer wieder nur sein, die eigenen Grenzen zu kennen und trotzdem an sich zu glauben, sich jedenfalls ernst zu nehmen in dieser Beschränktheit. Und dann den Mut zu haben, es zu zeigen. Wohlwissend, das wird nicht allen gefallen. Aber vielleicht gibt es einige wenige, denen es etwas bedeutet, die es vielleicht sogar ermutigt.

Angst

Ein neu gewebter Vorhang aus Schatten, hinter dem die Bilder jegliche Reihenfolge auslöschen und endlich nichts mehr bedeuten, weil sie nicht miteinander verbunden sind. Weil ein seltsames (unverständliches) Assoziationsgesetz sie trennt und auflöst, während dem Verstand nichts übrig bleibt, der narkotisierenden Schlaftablette zu folgen, (sich auslöschen zu lassen) damit er Morgen mit jäh erwachter, grunderneuerter Vernunft allem (und besonders sich selbst) entgegen treten kann.

Heute spüre ich sehr deutlich die Angst, wie ein ausschwärmender Ameisenhaufen breitet sie sich in mir aus, vom Kopf gesteuert fließt sie durch die Nervenbahnen, erfasst den Körper, bis nach und nach alles gelähmt ist, die Bewegungsfähigkeit, insbesondere aber die Fähigkeit zu denken zum Erliegen kommt. Stillstand. Dann hat die Angst ihr Ziel erreicht.

Häufig ohne dass ich sie zuvor recht wahrgenommen habe. Ich verwechsele sie häufig. Mit Einsamkeit, mit Traurigkeit, mit einem generellen Unvermögen meinerseits mein Leben zu meistern. An mich zu glauben. Als wäre ich nur das, was andere in mir sehen, oder nur das, was ich leiste. Und wenn das immer weniger wird, lösche ich nach und nach aus, wie eine Kerze, der der Sauerstoff entzogen wird.

Wenn die Angst wütet, ohne dass es mir gelingt sie wahrzunehmen, sie als Angst zu identifizieren, feuert sie verletzende und verunsichernde Gedanken ab, wie ein Schnellfeuergewehr. Sie verwundet mich, sie schwächt mich so sehr, dass ich mich nicht wehren kann. Die Angst löscht die Vorstellung von Mut aus.

Dabei möchte sie nur wahrgenommen werden, gespürt. Aber statt dessen räume ich auf, kaufe ein, fange tausend Texte und Projekte an, und wundere mich, warum ich mich weder konzentrieren noch beruhigen kann. Nur immer wieder murmeln: ich habe Angst. Ohne sie zu spüren.

Bewegung

Auf einmal konnte sie wieder gehen. Einfach weil sie darauf vertraute, dass ihre Schritte gut genug sein würden für den Boden, der sie nicht nur ertrug, sondern trug. Und ihr Widerstand entgegen setzte, wo es notwendig war, und sie weich auffing, wenn sie stolperte und fiel. Denn das Gegenteil von Angst ist nicht Mut, sondern Vertrauen.

Haltung und Lüge

Es geht so hin und her. Etwas, das nicht sie selbst ist, hält sie. Dabei möchte sie im Grunde nichts weiter als aufgehoben sein. Wenn sie ehrlich wäre, würde sie schreiben: ich weiß nicht, worum es in diesem Buch geht, wie es gemacht ist, welche Traditionen es verfolgt, und welchen es sich entgegenstellt, aber es hat mich mich vergessen lassen, für die Zeit des Lesens, es hat mich aufgehoben für ein paar Stunden, und dafür bin ich ihm dankbar. Und vielleicht auch der Autorin. In irgendeinem Verhältnis werden sie schon zueinander stehen, vielleicht so ähnlich wie Mutter und Kind, sie brauchen einander eine gewisse Zeit lang, und dann können sie unabhängig voneinander bestehen.

Aber natürlich schreibt sie solche Dinge nicht in ihren schlecht bezahlten Besprechungen, sondern bemüht sich, es „richtig“ zu machen. Keine Nacherzählungen, ein Vorwurf von Wolfgang Herrndorf, den sie nie vergessen hat (weder den Vorwurf, noch den Autor), und den sie las, als sie gerade angefangen hatte, Besprechungen zu schreiben. Sie versucht also, statt sich aufheben zu lassen, zu verstehen, wie die Fäden verknüpft sind, mit welchen sprachlichen Mitteln sich die Aussagen verbinden und entwickeln, versucht so zu tun, als wäre der Autor mehr als ein Gefäß, ein Medium, das sich bereit gestellt hat, um diesem Buch auf die Welt zu helfen, und als sei das Buch weniger als ein unverständliches Wunder mit der Macht ihre Kontrolle, Beherrschtheit und Grübelei, ihre Unsicherheit und Angst einfach auslöschen zu können, ihr für die kurze Zeit der Lektüre zu ermöglichen, das zu sein, was wir alle im Wesentlichen sind; ein unendlich kleines Partikelchen des allumfassenden Nichts, das eine zufällige Form angenommen hat.

Das heißt, sie lügt. Und Lügen können schön klingen, eine gewisse stilistische Eleganz entwickeln, und sogar hier und da die Wahrheit durchscheinen lassen. Aber sie ermüden. Sie sind anstrengend. Sie verlangen von derjenigen, die sie verbreitet, ständig auf der Hut zu sein, und sich zu verbiegen.

Das hat sie nun von ihren Lügen. Zwei oder drei Bandscheibenvorfälle, weil der Körper das irgendwann nicht mehr mitmachen will mit dem Verbiegen und streikt und ihr Schmerzen schickt, die sie jammern lassen. Aber als sie ihres Jammerns endlich müde geworden ist, zum Nachdenken bringen. So dass sie endlich erkennt, dass sie das Wort „endlich“ weitaus zu häufig gebraucht, und dass sie lügt, und ihr dieses Lügen nicht gut tut. Bestenfalls beginnt sie nicht nur nachzudenken, sondern versucht eine folgenschwere Entscheidung zu treffen, infolge derer alles gut wird.

Wie der junge Mann von dem sie gelesen hat, der jahrelang, Jahrzehnte lang?, unter einer Gluten Unverträglichkeit gelitten hatte, bis er sich erinnerte, wie er als Kind Nudeln gegessen hatte, während seine Eltern heftig stritten. Der Teller war leer. Wenige Tage später trennten sich die Eltern. Und peng, mit dieser Erinnerung, war er wieder gesund. Nudeln so viel er wollte.

Also muss sie (endlich) lernen, sich verletzlich zu machen, um aufrecht zu gehen und immer häufiger Momente zu erleben, in denen sie sich aufgehoben fühlt?

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Mein erstes Kinderbuch der Geduld.

Und der plötzlich hereinbrechenden Kälte.

Nicht mehr beschränkt auf die Suche.

Vielmehr versuchen den Mut für eigene vorläufige, vielleicht sogar falsche, Antworten zu finden.