„Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne…“

Lange ist es hier sehr ruhig gewesen. Nicht, weil ich nichts zu sagen hatte, eher weil viel zu viel auf mich einströmte und ich mir nicht erlaubte, mir die Zeit zu nehmen, etwas davon schreibend zu verarbeiten und einzuordnen.

Fulminanter Auftakt der Symphoniekonzerte in der Oetkerhalle am Freitag. Herzstück war die Ekklesiastische Aktion für zwei Sprecher, Bass und Orchester von Bernd Alois Zimmermann. Von dem ich, musikalisch wenig gebildet, zuvor tatsächlich noch nie gehört hatte. Zum Glück war ich privat in diesem Konzert, und bin nicht gezwungen darüber zeitungstauglich zu berichten. Dazu war es viel zu überwältigend. Und ich darf erst einmal beim puren Eindruck verweilen. Irgendwann vielleicht, werde ich einmal über die Hintergründe schreiben und über das, was dieses großartige avangardistische Stück uns heute noch, gerade heute, zu sagen hat, lohnend wäre die Auseinandersetzung damit allemal. Eine gute Art der Überforderung.

Regers Tondichtungen nach A. Böcklin waren schön, bereiteten mich aber in keinster Weise auf das vor, was dann mit Zimmermann zur Aufführung kam. Eine verzweifelte Apokalypse. Teilweise kaum auszuhalten, wie intensiv das Orchester unter Leitung des großartigen Alexander Kalajdzic, das Toben und die verzweifelte Suche nach Sinn eines Menschen, dem jeglicher Halt verwehrt zu sein scheint, performte. Als Zuhörerin bin ich ganz nah an einem Menschen, der sich Widerstand wünscht, wenn er an Grenzen geht, weil das wenigstens eine Art Halt wäre, aber alles gibt nach, lässt sich geradezu bereitwillig niederreißen. Was bleibt ist ein letzter verzweifelter Aufschrei nach Erlösung. Und ein unbeschreiblich intensives Erlebnis für die Zuhörer, die zu großen Teilen in einen langanhaltenden tobenden Applaus einstimmten.

Brahms dritte Symphonie, wegen der ich eigentlich gekommen war, war dann notwendig, um die Gemüter, zumindest meines und das meiner Nachbarn, wieder zu beruhigen. Auch das war ein so überwältigend schönes Erlebnis, dass ich mich Menschen, deren Namen ich nicht kenne, durch diese gemeinsame Erfahrung nah fühlen durfte.

Hörst du drei oder vier Lieder mit mir – Die Geschichte eines Scheiterns

Als ich von Asals Projekt las, und kurz darauf all die sehr gelungenen Beiträge lesen konnte, dachte ich noch, ich müsste auch etwas beisteuern können zu diesem Thema. Von diesem Konzert von Blumfeld im Forum erzählen, als sie noch so klein und unbekannt waren, dass sie in diesem Jugendzentrum in Enger gespielt haben, oder von Minimal Compact genau dort, ein großartiges Konzert vor gerade mal einer Handvoll Menschen, oder von diesem Lied, das ich noch heute gerne höre

. Als ich das hörte, war ich 17 und (wieder einmal) verliebt. Der Typ passte überhaupt nicht zu mir, und eigentlich sah er nicht einmal im Entferntesten so aus, wie die Jungs aussahen, die mir gefielen, und dementsprechend mies habe ich ihn behandelt, als mir das klar wurde. Nur hat das ja nichts mit dem Lied von The The zu tun. Ich kaufte mir die Soul Mining damals nur wegen dieses Liedes, das ich den ganzen Tag lang hören konnte, ohne es über zu bekommen, aber natürlich auch, ohne dass es mein Leben veränderte, obwohl ziemlich indirekt auch an dem Tag, als sich mein Leben wirklich änderte, Musik eine Rolle spielte. Als die Wehen einsetzten guckte ich gerade MTV. Und während ich versuche, daraus eine Geschichte zu machen, springen meine Gedanken zu dem Lied, das auf meiner Beerdigung gespielt werden soll:

Wayfaring stranger, natürlich von Johnny Cash.

Oder zu Hänschen Klein, dem Lied, mit dem sich mein zweiter Sohn nach vielen, unendlich vielen erfolglosen Versuchen mit anderen Liedern, endlich beruhigen ließ. Ein Lied, das daraufhin das Lied wurde, das ich ihm beinahe täglich vorsang, so dass ich nach und nach alle Strophe auswendig konnte, und unwillkürlich begann, mir Gedanken über die Geschichte des Liedes zu machen, so dass ein paar Jahre später diese Geschichte daraus entstand.

Zum Abschluss könnte ich noch von meiner großen Verehrung für Jack White und von „Der Leiermann“ aus der „Winterreise“ erzählen. Und mir zum Abschluss die Frage stellen, ob es für oder gegen eine Bedeutung von Musik in meinem Leben spricht, dass es mir partout nicht gelungen ist, mich auf ein oder zwei Lieder zu konzentrieren, und eine Geschichte dazu zu erzählen.

Winterreise

Die Winterreise ist ein Zyklus, der mich nicht loslässt.

Gedichtet von Wilhelm Müller, der die Vertonung durch Schubert nicht mehr erleben sollte, in unzähligen Adaptionen bearbeitet, hat mich der Film „Die Winterreise“ von Hans Steinbichler mit Josef Bierbichler fasziniert, was beinahe ganz allein Bierbichler geschafft hat, der selbst ein Lied aus der Winterreise singt.

Der Leiermann macht mir jedes Mal Gänsehaut. Und obwohl Fischer-Dieskau der größte Sänger sein mag, packt mich Bierbichlers Interpretation fast noch mehr.