VII Unverständnis und Form

Bei allem Unverstandenen, bei allem Recht auf Alogik dessen sich der Traum bedient; „die Resonanz braucht schließlich Formen“. Und wenn es jemand ist, der „in Kleidern geschlafen“ hat.

Gedichte erscheinen bei Rinck nicht zuletzt als eine Notwendigkeit, damit der „taube Schmerz, mit dem das Nichtgedachte innerlich wird“, vermieden, abgewendet werden kann. Statt sich zu krümmen „unter erhöhtem Deutungsdruck“, lässt Rinck die Assistenten des Unbewussten übernehmen:

„Nehmt mich fort und schreibt das auf. Verwirklicht mich an Stellen, die ich nicht betreten kann.“

Immer wieder gelingt das mittels Assoziationsketten und ironischer Brechung. Und immer wieder blitzt beim Lesen die Erkenntnis, das Eingeständnis auf, dass ich mir die Freiheit, die ich habe, nicht erlaube. Weder hier noch dort. Und fast immer ohne wenigstens zu fragen warum.

Schlafen V

Nur Sprache gibt es nicht. Aber andere Räume, andere Elemente in denen sich das Denken entfalten kann. So behandelt Monika Rinck das Phänomen des Schlafens von der Schlaflosigkeit über den luziden Traum zur Hypnose. Beim Schlaf muss ich unwillkürlich an Anne Carsons Essay in „Decreation“ denken, in dem sie den „Lesarten des Schlafs“ nachgeht. Inspiriert von Virginia Woolfs „Zum Leuchtturm“ stellt Carson die Frage, was der Schlaf sieht, wenn er uns ansieht, und verbindet (ganz im Sinne Rincks) Schwimmen und Schlafen: „Wie Schwimmer, die ihre Bahnen durch einen nächtlichen See ziehen, kreuzen Fakten aus der Tagwelt diese Phänome […] die Nacht taucht weiter, in ihre eigenen Ereignisse vertieft.“ Das sind Beschreibungen davon, wie Woolf in „Zum Leuchtturm“ von der Schlafseite her die Geschichte der Familie Ramsay erzählt, und ihren Lesern laut Carson einen besonderen Blick erlaubt: „Nämlich die Leere in den Dingen, ehe wir unseren Nutzen aus ihnen ziehen, einen Blick auf die Wirklichkeit vor ihren Wirkungen.“ Das ist vielleicht auch, was Rinck meint, wenn sie von der „Nähe des Denkens zu seinem Gegenstand“ schreibt. „Wir erleben im Schlaf eine Diversifizierung der Logik, in zwingende Argumentationen, deren Schlüssigkeit durch ihre Unverständlichkeit nicht geschmälert, ja, überhaupt nicht angetastet wird. Und ich fragte mich immer: Wenn man all das kennt und Nacht für Nacht diese Labore der Alogik und Algen betritt – ist dann noch ein einziges Gedicht unverständlich?“

Champagner Lesetagebuch II

Es ist viel schwieriger als ich gedacht habe, mich schreibend beim Lesen dieses Lesebuchs zu begleiten. Da die Gedanken klug aufeinander aufbauen, erschließen sie sich erst nach und nach, und wenn ich jetzt etwas zu Erinnerung, Gap Gardening und poetischen Feldern schreibe, ist es notwendig unvollständig, eben weil sich alles nach und nach entwickelt. Andererseits kann vielleicht auch das ein Reiz sein, sich selbst beim Lernen, beim Entwickeln von Zusammenhängen zuzusehen.

Vor der Umarmung liegt vielleicht die Ansprache. Und die Ansprache der Erinnerung beinhaltet immer diesen Satz: Es gibt kein Zurück. Dann kann man die Erinnerungen stapeln, um dieses Es gibt kein Zurück nicht zu sehen, aber natürlich funktioniert das nicht. Vielmehr mauert man sich ein damit in einer Vergangenheit in die man nicht zurück kann und vernagelt zudem die Fenster in eine mögliche Zukunft, die man so nicht sehen kann. Aber das sind Abschweifungen.

Kehren wir also zurück zur Poesie. Die alles ansprechen (und angreifen?) kann, aber mit jeder Ansprache zugleich Fragen aufwirft: Wer spricht? Wer darf überhaupt sprechen? Und als was oder wer spricht er dann? Und was / oder wer spricht mich eigentlich an, wenn mich ein Gedicht anspricht? Bin ich wirklich gemeint? Und wie finde ich das heraus?

Und ich als Leserin/Hörerin, lese ich, was dort steht, oder lese ich nur meine eigenen unreflektierten Gedanken in das Fremde hinein? Ist die innere Stimme wirklich die eigene Stimme?

Rinck schreibt dazu: „Aber Vorsehen: Auch Selbstzweifel sind ein sehr guter Trick, um nachhaltig um sich selbst zu kreisen und dabei kein Stück weiterzukommen – vielleicht weiter hinein, aber nicht näher an den anderen heran.“

 

Nicht nur nicht näher an den anderen heran, sondern als distanzloser (und zumeist auch gedankenloser oder wenigstens gedankenarmer) Angriff, gestaltet sich mitunter die „körperlos direkte Ansprache“ auf den sozialen Plattformen, die nicht selten Sprachgewalt in gewaltausübende Sprache verwandelt. Mit all dem setzt sich das Gedicht auseinander, kann es sich auseinandersetzen, mit all dem ist es konfrontiert, davon umgeben. Und weil es, wie kaum ein anderes Medium Sprache ernst nimmt und nutzt, statt benutzt, wird die Ansprache eine Ansprache an die Erkenntnis, an die Erweiterung des Erkenntnisvermögens:

„Wenn Sprache ein Erkenntnisinstrument ist, dann wird es auch möglich sein, das Scheitern eines Gedankens an der Sprache, in der er sich vollzieht, abzulesen – für den Fall, dass es eben nicht zur Erkenntnis kommt  und die Ansprache vielleicht nur dazu diente, etwas anderes zu verbergen. […] Ein Text muss nicht harmlos sein, nur weil mir die richtigen Fragen, mit denen ich ihn zum Sprechen bringen könnte, nicht einfallen wollen.“

Und Daniela Seel: „ Angenommen, das Gedicht wäre der Ort, wo alles – alles Sprachliche – zusammenkommen und synthetisiert werden kann, eine letzte Utopie, die weit Entferntes in Beziehung setzt und zurück in die Gemeinschaft trägt, […] Niemand hier ist ohne Verantwortung. Im Lesen bin ich verstrickt in Welt wie Gedicht.“

 

I Champagner Lesetagebuch

Inzwischen ist viel Zeit vergangen, die ersten Rezensionen sind da. Darunter eine sehr schöne, gewohnt fundierte, von Michael Braun in der Zeit.

Trotzdem ein paar eigene Gedanken. Zur Frage der Notwendigkeit des „Neuen“, mit denen sich zwei Veranstaltungen (die zweite war so ernüchternd und banal, dass ich verzichte darüber zu schreiben), die ich letzte Woche besucht habe, mit einer sehr unterschiedlichen Haltung beschäftigt haben, lese ich bei Rinck ein Zitat von Hans-Christian Dany

„Was sich in Bewegung setzt, muss die Vorstellung von dem, was kommen wird, aufgeben, um sich dorthin zu bewegen, wo es noch nicht war.“

Das ist sicher ebenso richtig wie eben nicht vorstellbar. Denn wie könnte ein noch nie betretener Raum vorstellbar sein? Stellen wir uns nicht immer nur Dinge vor, die in irgendeiner Weise schon gewesen, schon angelegt sind? Andererseits wäre so sämtliche Science Fiction nie geschrieben worden. Scheinbar habe ich mich gerade selbst widerlegt. Fortschritt meint für mich in erster Linie Bewegung, Beweglichkeit. Das muss nicht unbedingt in Richtung Zukunft sein. Könnten sich nicht auch völlig neue Perspektiven eröffnen, indem man die Vergangenheit anders betrachtet, auf bisher nicht gesehene Weise erschließt? Ich denke an den Verlagsabend am letzten Dienstag, aber auch an eine sehr gute Besprechung von Eric Vuillards “ 14. Juli

Also den erwartungsvollen Blick ins Künftige getrost auch in die Vergangenheit richten?

Unabhängig davon, in welche Richtung die Blicke gelenkt werden, die Feststellung Rincks, das Bilder (Vorstellungen) und Begriffe einander wechselseitig als Filter dienen, die die Wahrnehmung verzögern, behält Bestand.

Diesen „Filter“ führt Rinck als Denkfigur des Gedichts ein. Ein poetischer Filter, der die Aktualität anders behandeln kann. Rinck schreibt, die poetische Sprache verfüge über die Quailtiät „[…] die Veränderlichkeit der Dinge in ihrer Beschreibung aufzubewahren […]“ Das Gegenteil von Festschreiben, eher eine Öffnung der Perspektive. So eine Beschreibung schließt ein „Verstehen“ dem Wort nach aus, weil es sich eine bewegliche Haltung einschreibt.

Und es spricht für die ganz wunderbar gelungene Zusammenstellung dieses Lesebuchs, wie das Gedicht „Vom Fernbleiben der Umarmung“ an diese Gedanken anknüpft. Insbesondere diese Zeile: „[…] ihnen half das nicht mehr, aber ihm half es, dem verbesserten menschen.“ Wie dort das individuelle Scheitern zu etwas nutzbringendem für die Gemeinschaft werden kann, weil allem, was beschrieben werden kann, auch die Veränderung eingeschrieben ist.

Alter

Eine nicht unbedeutende Frage ist ja auch, was Alter für den Einzelnen (Betroffenen?) ist, eine Zuschreibung, oder etwas, womit er sich identifiziert, dem er vielleicht sogar etwas abgewinnen kann. Weniger Abgrenzung als vielmehr Kompetenz?

Und vielleicht auch die Frage, was Alter mit Risiko zu tun hat.

Monika Rinck zitiert in ihrem sehr lesenswerten Essayband „Risiko und Idiotie“ Laura Riding: „Was ist ein Gedicht? Ein Gedicht ist nichts. Durch Beharrlichkeit kann aus einem Gedicht etwas werden, aber dann ist es etwas und nicht ein Gedicht. Warum ist es nichts? Weil es nicht angeschaut, gehört, berührt oder gelesen werden kann (was gelesen werden kann, ist Prosa). Es ist kein Ergebnis von Erfahrung, sei sie gewöhnlich oder ungewöhnlich, es ist das Resultat der Fähigkeit, innerhalb der Erfahrung ein Vakuum zu schaffen – es ist ein Vakuum und daher ist es nichts.“ Vielleicht ist das „Alter“ ein ähnlich diffuser und einem eindeutigen Gegenstand entbehrender Begriff.