Melodie

Alles, was sie sagte, hatte eine bestimmte Melodie. Ich war so süchtig nach dieser Melodie, dass ich mich nach Kräften bemühte, den Inhalt ihrer Sätze zu überhören. Sie warf mir vor, ihr nicht zuzuhören, was gleichzeitig wahr und weit von der Wahrheit entfernt war.

Erzähl mir von deiner Kindheit, sagte sie, und ich konnte nur daran denken, wie die Mondlandung der Apollo 11, mir den Mann im Mond gestohlen hatte, wie diese Bilder meine Kindheit so weit beschädigt hatten, dass ich mich gezwungen sah, erwachsen zu werden, oder jedenfalls in dieses sehr undurchsichtige Gebiet der Adoleszenz aufzubrechen. Ich nahm es meinen Eltern persönlich übel, dass sie mich nicht vor diesen Bildern geschützt hatten und redete wochenlang nicht mit ihnen

„Ich hatte keine Geschwister. Meine Eltern sind heute noch miteinander verheiratet“, sagte ich. Natürlich war sie enttäuscht. Vielleicht war sie überhaupt nur mit mir zusammen, um enttäuscht zu werden.

Die Kaffeemaschine gab in unregelmäßigen Abständen Knackgeräusche von sich. Schritte aus dem Treppenhaus näherten sich der Tür und verstummten wieder. Ein Hund bellte. Ein Kind schrie. Sie trank ihren Kaffee in sehr kleinen Schlucken. Ich wurde nervös. Sie schwieg beharrlich. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Ich wollte diese Melodie wieder hören. „Ich möchte dich meinen Eltern vorstellen“, sagte ich, „lass uns am Wochenende zu ihnen fahren.“

Sie riss die Augen auf, starrte mich an. Dann brach sie in unbändiges Gelächter aus. Und als sie endlich wieder sprach, war die Melodie verschwunden.

Tanderadei

Die aussterbenden Sterne einer untergegangen Stadt. Reisen in die Rückwärtigkeit. Die einen schweigen, die anderen vertiefen sich in das Sprachlose. Während der Mond. Tanderadei.

06. Februar

Immer noch nicht begonnen, die Odysee zu lesen. Bzw. schon begonnen, mehrmals bereits, aber ohne in irgend eine Art von Lesefluss zu kommen, so lange tauchen nur ständig neue Namen auf, es geschieht nichts.

Seit zwei Tagen blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Gestern morgen beim Frühstück mit P. beobachtet, wie der Mond immer wieder durch die Wolkendecke brach und dabei bizarre Muster zeichnete.

 

Als wenn man vom Glück reden könnte. Als wenn man von etwas reden könnte, das feststeht, um es so in Bewegung zu bringen. Als wenn die Worte wüssten, wohin sie gehören, und nur wir sind es, die sich ihnen immer wieder in den Weg stellen. Und nennen das Zeit. Und Geschmack. Stolz und Gewinn.

Ohne Worte über das Schweigen nachdenken. Was ist Schweigen? Und wie dumm bin ich, wenn ich behaupte, das Schweigen ernst zu nehmen, es aber nicht verstehe? So ein kleines Ego, das das Leben verschweigt.

Es war einmal ein Glück. D.h. es war einmal ein Blick zurück. Und dieser Blick hat nichts zu tun mit dem, was man vorfindet, wenn man irrtümlicherweise wirklich zurückkehrt nach Hause. Zum Ursprung. Der Kerl mit dem Strick und der Kuh. Mag sein, dass wir alle etwas suchen. Um so besser, wenn es das nicht gibt. Was sind erfüllte Wünsche gegen die Sehnsucht?

Hauptsache wir bleiben in Bewegung. Hauptsache, die Schritte, die sich in sieben Jahren ansammeln können, sind lang und im Bett liegt Dornröschen (schon wieder) und sucht nach der Erbse, mit der sie ihre Existenzberechtigung beweisen kann.

Die Schüchternheit der Novembersonne

Die Wiederholungen am Telefon

Die vorgebliche Begriffsstutzigkeit

Ein inwendiges Verschwinden

Verstreichen

Am Ende des Korridors wird eine Tür zugeschlagen

 

Der Regen spült die Ränder rund

Der Regen spült den Mond vom Himmel

Der Regen spült dem Himmel die Flausen aus dem Kopf

Der Regen

 

Er betritt das Gasthaus

Sein inwendiges Verschwinden

Bei Regenwetter am Telefon

Die nasskalten Häuser

Die regennassen Straßen

Die Einkehr zur Umkehr

Der einzige Gast

Das Telefon grün mit Wählscheibe

Der Kupferbart des Wirtes

Die Geräusche aus der Küche

Die Kellnerin mit der Heuschrecke in der Hand

Das Fahrtwasser das Regenwasser

Die nächtlichen Wolken

Abhandlungen über den Mond

 

Die Kellnerin am Telefon

Er kommt nicht

Ihr Kopfschütteln

Er kommt nicht

Ein inwendiges Verschwinden

Ein Regentag

Die Nacht die die Worte sorgfältig zerlegt

Bevor sie sie verschluckt

Widerstand

Widerstand - Isla volante
Widerstand – Isla volante

Ich weiß nicht, ob sich das Meer konzentrieren kann, ob es manchmal verzweifelt versucht, seinen eigenen Willen durchzusetzen, ob es seit Urzeiten darüber nachdenkt, warum es immer wieder der Anziehung und Abstoßung durch den Mond folgen muss, aber es gefällt mir, zu glauben, das Meer übe sich lebenslang im Widerstand.

 

Lücken

Ich verstand weniger als die Hälfte. Über allem lag die Wahrnehmung von Verfall. Grünliche Augäpfel. Ein Freund hat mir einmal einen Mondstein geschenkt. Im übrigen waren wir gänzlich unromantisch.

Er schrieb. Dann schrieb er nicht mehr. Die Zeit ging über alles hinweg.

Igor Samoljenko schreibt die Nacht trägt ein Ministrantengesicht mit dem Mond als weit aufgerissenen Mund. Viele Menschen verstehen russisch. Es gab die DDR. So lange ist das alles noch nicht her. Für mich. Für andere (meine Kinder) ist das ein anderes Zeitalter.

Wir bewahren uns die Naivität und probieren wie ihr Falten stehen. Wir finden uns ab. Abfindung.

Während wir innerlich protestieren und aufbegehren. Wen außer uns selbst soll das interessieren? Die Sprache nimmt es hin. Hinnahme. Abfindung. Ein Dichter liest aus seinem leeren Tagebuch. Tiefe und Fülle und die Schönheit des Schmerzes. Er ist verloren und einsam und darum sind seine Worte schmerzhaft schön. Fast hätte niemand die Worte zu lesen bekommen. Ich weiß nicht, wie es dazu kam. Ich weiß nicht, wer dieser Igor war.

Wie kann ein Tag Alltag sein, wenn die Stunden gezählt sind. Das Schönste sind die frühen Morgenstunden. Ich allein in der Küche mit dem anbrechenden Tag.

Wo ist das Ministrantengesicht der Nacht und was verbirgt der mittlerweile geschlossene Mund?

Warum fällt mir Beschränkung so schwer. Und Schweigen. Abwesenheit. In eine wohltuende Abwesenheit rutschen. Gleiten. Nein wachsen und dann tot sein, ohne zu sterben.

Der Kopf meiner Mutter war blutverschmiert. Obwohl niemand sie mehr retten konnte, untersagte man mir, ihren Kopf zu streicheln. Erst Wochen später erwachte ich aus diesem Albtraum, nur um in einem anderen Albtraum zu erwachen.

Ich bin die Lücke zwischen Verachtung und Verrat.

La Luna

Wir glauben nicht an den Mann im Mond. Man sagt uns, wenn ihr nicht an ihn glaubt, glaubt ihr nicht an das Glück. Wir würden gerne an das Glück glauben. Auch wir möchten eine Hoffnung hegen, bevor wir enttäuscht werden, aber jede Nacht erscheint uns die Frau, die mit ihrer Eitelkeit den Mann im Mond vertrieben hat. Und mit ihm, unsere Hoffnung auf Glück.