Am Ufer steht eine Frau

Am Ufer steht eine Frau,

gebückt,

zusammengesunken, als hätten

ihre Knochen sich aneinander

geschmiegt, um besser der

Kälte zu trotzen, die von Jahr

zu Jahr heftiger angreift.

 

Jedes Jahr vier, fünf Möglichkeiten

weniger, sich aus den Zusammenhängen

zu winden, zu lachen

obwohl es weh tut.

 

Sie bewegt die Lippen,

zitternde Striche, die

Worte murmeln, die lauter sein

sollen, als die, die sie von selbst finden.

 

Der Wind reißt ihr die Laute

von den Lippen. Läuternd.

Berührt sie. Flüsternd.

Und sie schweigt.

Treibt hinaus

Kein Glanz,

nur ein offener Horizont.

12. Januar

Die Lichter der Stadt. Der Raum der Nähe. Wie das eine verblasst, während das andere verschwindet, und was bleibt, ist der Raum der Literatur, der scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten bietet, weil er sich sogar dann noch verändert, wenn etwas festgeschrieben steht.

„Alles hat seine Zeit“ – Karl Ove Knausgård

(4)

Was Knausgard da schreibt, über die Gefangenschaft im eigenen Körper, in den eigenen Zweifeln und Unsicherheiten, dieses scheinbar ausweglose Leiden an sich selbst, ist schlicht großartig.

 

Das Denken und Abwägen spielt sich zwischen diesen Polen ab: Wenn andere so großartige Sachen wie „Alles hat seine Zeit“, „Der Liebhaber“ und „Unendlicher Spaß“ geschrieben haben, wer braucht dann mein bestenfalls ambitioniertes Gekritzel? Und der Ermahnung (von mir an mich), dass es nicht meine Aufgabe ist, zu beurteilen, was die Welt braucht. Meine Aufgabe besteht allein darin, das Beste aus meinen Möglichkeiten herauszuholen.

Fünf mal zwei

Als ich erwachte, erschrak ich über das Verschwinden der Nacht, statt mich über das Anbrechen des Tages zu freuen. Es gibt zwei Möglichkeiten, den Dingen zu begegnen, sie wahrzunehmen.

 

 

Was wir sehen ist nicht das, womit wir unsere Betrachtungen beschreiben. Die Gedanken sind nicht die Rückseite dessen, was wir gedankenlos sehen könnten; sie sind etwas ganz anderes.

 

 

Wenn uns etwas verfolgt, gibt es etwas, dem wir davon laufen. Das sich uns einprägt, weil wir uns weigern, ihm zu begegnen.

 

 

Was geschieht ist etwas anderes als das, was wir erwarten. Ohne Erwartung könnten wir die Dinge vielleicht sehen, wie sie sind.

 

 

Die Erwartung ist eine Bewegung weg von dem, was ist. Erwartungslose Betrachtung ist eine innere Bewegung, tief und ohne Ziel.

 

Ich denke an

Ich denke an, selten auch weiter, oder nach. Ich denke an, ich stoße Gedanken an, oder lasse sie anstoßen von anderen Gedanken, vorgedachten, klugen, vollendeten Gedanken, die mich davon abbringen, weiter zu denken, dem Weg der bereits gedachten Gedanken nicht einfach nur zu folgen, sondern ein Stück weiter zu gehen, darüber hinaus, eigene Gedankenwege zu finden, mich auf meinen eigenen Gedankenweg zu machen.

Ich denke an den Geruch des Meeres, ich denke an den Tod. Ich denke an ein Paar, das sein Baby verloren hat. Nicht nur ein Baby, sondern eine Möglichkeit. Ich denke daran, wie hohl in diesem Fall alle Worte klingen, an die man sonst glauben kann, dass jede Möglichkeit, die stirbt, eine ganz andere gebiert.

Ich denke an Städte, die Bücher sein könnten, und an Bücher, in denen man wohnen sollte. Ich denke an mein Unvermögen und an das Wasser, an den Grund eines Flusses, zu dem die Steine Virginia Woolf herabgezogen haben. Ich denke an die letzte Blase, die aus ihrem Mund entweicht und auf dem Weg zur Oberfläche zerplatzt.

Ich denke an Menschen, die Träume haben.

Ich denke an mich. Eigentlich denke ich immer nur an mich. Ohne Eigensinn.

Ohne Eigensinn ist das Denken an sich nichts als Egoismus.

Ich denke nicht an Marcel Proust, Jesus Christus und große Vorbilder.

Ich denke nicht daran, nichts zu denken.