Die kleine Frau verwandelt sich in eine Flaschenpost

Die kleine Frau verwandelt sich in eine Flaschenpost - Isla volante
Die kleine Frau verwandelt sich in eine Flaschenpost – Isla volante

Die kleine Frau steht am Ufer. Verlagert ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Aber es hilft nichts. Sie findet den Rhythmus der Wellen nicht. Diese Kraft, die aus vielen winzigen Einzelheiten eine bedeutsame Bewegung macht.

Sie hat ihre Einsicht ins Meer geworfen und auf dessen Umsicht vertraut. Das Meer aber hat ihre Einsicht einer einsamen Flaschenpost vermacht.

Erst muss man alle Hoffnungen verlieren, dann erreicht einen eine verwaschene Botschaft wie eine Welle, der man sich getrost überlässt.

Marguerite Duras

Wenn es das überhaupt gibt: ein Zentrum der Geschichte, dann ist es das Meer. Das Meer, aus dem wir hervorgegangen sind. Wassergeister. Undinen. Sirenen. Das uns ausgestoßen und an Land gespuckt hat.

Nach dem wir uns beständig (zurück) sehnen: Die Brandung, die Möwen, der Geruch.

Was um ein derartig (leeres) Zentrum herum entsteht, ist ein Fließen der Unmöglichkeiten, und wie sie sich manchmal aufheben für Momente. Begrifflos und leicht wie der Wind. Leicht und gewaltig. Nicht fassbar. Wie sie. Ihre Sprache. Ihr Gesicht. Bevor es zerstört ist. Bevor sie sagen kann: Ich habe ein zerstörtes Gesicht. Und das ist keine Behauptung.

Sondern das Zentrum der Geschichte.

Und die Zerstörung, das ist die Schönheit. Die Einzigartigkeit. Ein grausamer Zug, der die Gegensätze weder auslöscht noch vereinigt, sie vielleicht nicht einmal erträglich macht, ihnen nur die Klarheit, die Aufrichtigkeit einer kompromisslosen Beschreibung entgegensetzt.

Aufrichtigkeit als einziges Zentrum der Geschichte.

Wer könnte aufrichtiger sein als das Meer?

Oder ein zerstörtes Gesicht?

 

 

Schatten

Schatten - Isla volante
Schatten – Isla volante

Was sie niemals hinnehmen wollte, war die Unfähigkeit des Meeres, Schatten zu spenden.

Licht brechen, Licht schlucken, sich anziehen und abstoßen lassen vom Mond. Aber kein Schatten aus Wasser.

Um Schatten zu spenden, musst du Wurzeln haben, hatte ihre Mutter gesagt. Sie hatte ihre Asche im Meer versenkt. Ihre Worte wurde sie nicht los.

 

Heimatlos

Heimatlos - Isla volante
Heimatlos – Isla volante

Das unfassbare Meer bringt den Duft träumender Matrosen. Männer, die sich hin- und herwiegen zwischen Heimweh und Fernweh. Die nirgendwo ganz zu Hause sind. Am wenigsten in sich selbst.

Wasserwesen

 

Meer - Wasserwesen - Isla volante
Meer – Wasserwesen – Isla volante

Ein Mann aus Lehm, der alles wusste, bis der Wind ihm einen Namen gab und er anfing zu vergessen. Und Franz hieß oder Walter und sich nur noch an das erinnerte, was geschrieben stand. Was erzählt wurde. Immer wieder, dieser seltsamen Singsang der Stimmen.

Was der Wind erzählte und die Jahreszeiten, die Felder und die Wolken, verstand er längst nicht mehr. Nur manchmal am Meer, wenn die Wellen wütend ans Ufer schlugen und salzige Körner auf seinen Lippen zurückließen, saß etwas in seinem Kopf, das lachend Steine und Muscheln warf, die sich weder hinunterschlucken noch ausspucken ließen.

Seine Tränen sammelte er in einer Konservenbüchse. Eines Tages würde er sie den Mädchen zeigen.

 

Schließ die Fenster, hatte sie gesagt, es wird ein Unwetter geben. Er hatte nicht aufgesehen und nichts gefragt. Kein Schulterzucken und die Nacht war längst hereingebrochen, die Kinder schliefen. Ihre Kinder.

Seine Kinder. Tags zuvor waren die Reste der Schwimmhäute abgefallen. Das war das letzte Zeichen.

 

Das Schlimmste war ihre Haut, die immer dunkler wurde, jeden Tag, an dem er die Frage nicht stellte. Schlimmer als der Tang und die Algen. Als der Geruch des Meeres, der den Poren entströmte, die grün schimmernde Kopfhaut unter den Haaren. Ihre Konturen verliefen, aber jede Nacht kreuzte sie seine Arme über der Brust.

 

Wie lächerlich, sagten die Mädchen, die längst keine Kinder mehr waren, als sie seine Tränen in der Dose sahen, ein durchsichtiges Gewässer über rostig rotem Grund.

Sie brauchte kein Wasser mehr, behaupteten sie, ihr waren längst Füße gewachsen.

 

Meer – Das Fließende

Meer - Das Fließende  Isla volante
Meer – Das Fließende
Isla volante

Es ist das Fließende, das uns bricht.

Die Übermacht der Belanglosigkeiten

der Gedanken, die über uns hinweggehen,

während wir unermüdlich Steine sammeln

um Brücken zu bauen

die nirgendwohin führen

unter denen wir Schutz suchen

im nächtlichen Gewitter

 

Zwischen den Steinen

flüchtig skizzierte Lebensläufe

die Illusion

sich an etwas festhalten zu können

Endzündliches Material

und einige Elemente Wasserstoff

Aber nichts, das hält.

Nur die Haltungsschäden

einer unbeugsamen Zeit.

Finger

Meer - Finger  Isla volante
Meer – Finger
Isla volante

 

Sie hatte schöne lange Finger und eine wunderbare Stimme. Wenn sie mir Märchen erzählte, war ich sicher, sie ist eine Meerjungfrau. Es war so etwas Trauriges an ihr, etwas, das mir das Gefühl gab, sie war niemals ganz hier.

Ein kleiner Makel. Wie an ihren langen Fingern. Eine Verunstaltung, die ihre Stimme manchmal kippen ließ.