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Das Kleine, das im Großen aufgeht, und das Große, das nur groß werden kann mit Hilfe des Kleinen. Wie anstrengend es ist, immer wieder das Gleichgewicht suchen (und herstellen) zu müssen. Die Märchen in denen es immer den Punkt gibt, an dem sämtliche Abenteuer überstanden, und alle Aufgaben gelöst sind. Der Held am Ziel angelangt fortan fröhlich weiterlebt bis zum Ende. Und wie lange ich geglaubt habe, dass das Leben so ist. Und wie enttäuscht ich manchmal immer noch bin, wenn ich merke, so funktioniert es nicht. Die Wirklichkeit ist anders.

(und warum ich das überhaupt veröffentliche, obwohl ich es beschämend finde, angesichts all der Katastrophen, die Abend für Abend in den Nachrichten über mich hereinbrechen über die Luxusproblemchen nachzudenken, weiß ich selbst nicht so genau).

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Immer das Gleiche, denke ich und der Hund bellt innere Monologe. Es ist viel schlimmer wenn die Stimmen im Kopf schweigen, wenn eine alles von ihnen erwartet und nichts von sich selbst.

Schlimmer als was?

Antworte nicht.

Und die Märchen. Mit denen wir nicht fertig werden. Die wir immer weiter spinnen.

Märchen als autopoeitische Spinnenbeine.

Du sollst dir kein Bildnis machen und nicht zögern.

Ich stelle mir Aufgaben um nicht aufzugeben.

(1)

Das neue Jahr beginnt gesundheitlich schlecht, aber intellektuell sehr inspirierend. Lese immer noch und immer wieder in den großartigen Literaturzeitschriften, die mich im letzten Monat erreicht haben, und dann dieses schöne zugewandte Interview von Wepsert mit der wunderbaren Pega Mund. Daraufhin gestern wieder die alten Märchenbücher hervorgeholt. Das erste Mal bei einem Projekt etwas anderes als einen Text eingereicht.

Sansibar oder andere Märchen

irgendwie ist das Leben gerade, insbesondere das Leben dieses Gedichtbandes, genau das Gegenteil von „gebrochenen Versprechen“, eher so eine Art wahrgewordenes Märchen. Jedenfalls ist Sansibar heute tatsächlich und immer noch ein bisschen unglaublicherweise für mich, ganz offiziell in jedem Buchhandel zu bestellen, und beim Verlag natürlich sowieso, und ich bin super glücklich und stolz, dass er ein so schönes Zuhause gefunden hat.

Märchen

Gegeißelt von leutseligen Leinen aus Licht, sehne ich mich zurück zu den Märchen, den drei Tropfen Blut im Schnee, oder dem Stich mit der Spindel, zu Rapunzels endlos langen Haaren, und dem trotzigen Mut der im Wald ausgesetzten Geschwister. Zu Rotkäppchen, das vom Weg abkommt und Hans, der unbeschwert in die Armut zurückkehrt. Zu Sterntaler, der alles in den Schoß fällt, weil sie vorher bis auf das letzte Hemd alles selbstlos geteilt hat. Während ich verschwinde in meinen Befürchtungen, mich immer tiefer verstricke in die Lügen, die ich mir über das Leben erzähle. Und alle beginnen mit: ich war einmal.

Schneewittchen

Schneewittchen glaubte an Märchen
die ihr niemand erzählte
weil außer dem Spiegel
keiner mit ihr sprach

Sie pflanzte Rosen an
weil sie hoffte
so könnte sie der Prinz für Dornröschen halten

Aschenputtel für sieben Kleinwüchsige
zu spielen
schien ihr nicht erstrebenswert

wer will schon den Frühling abwarten
wenn die Lust auf Liebe in den Winter schneit
und in Schneewittchens Gesicht
war immer Winter
weiß wie Schnee
aber mit drei Tropfen Blut
wenn das keine Drohung war

Aber sie glaubte ja an Märchen
so sehr
dass sie Frösche küsste
und niemals vom Weg abkam
um Blumen zu pflücken
und nicht mit ihrem Spiegel sprach
dem einzigen
der ihr wirklich etwas zu sagen gehabt hätte

Sieben

Wir schieben uns der Zeit in den Rücken.

Wie die Orte uns verändern. Auch wenn das eine Lüge ist. Behauptung. Und was das bedeutet. All dieses „be“ als Vorsilbe und wie ich schließlich ganz verzweifelt bin, weil kein Wort das aussagte, was ich eigentlich fühlte. Weil ich mich bestenfalls in Zitaten längst gestorbener Männer und Frauen wiederfand. Die Dekadenz des Begreifens. Und wie ich dann doch wieder zur Flasche gegriffen habe. Nur um wenigstens eine kurze Zeit lang zu verschwinden, aufgehoben zu werden.

Als Kind wollte ich immer einer der sieben Zwerge sein, nie Schneewittchen, oder der Prinz. Die Zwerge veränderten sich nicht. Eine Zeitlang mussten sie ihre Teller und Betten mit Schneewittchen teilen, aber alles andere blieb wie es immer gewesen war. Sie arbeiteten im Bergwerk. Sie kamen nach Hausse, um zu essen und zu schlafen. Am nächsten Tag gingen sie erneut zur Arbeit. Statt über das Wetter redeten sie eine Weile über Schneewittchen, die sich erst umbringen und dann heiraten ließ, aber sie führten genau dasselbe Leben. Das schien mir viel erstrebenswerter als all die gewaltigen Veränderungen der anderen Märchengestalten. Und so musste meine Mutter mir immer wieder Schneewittchen vorlesen und ich malte danach die Zwerge. Die Zahl sieben war die erste Zahl, die ich schreiben konnte.

Thomas Bernard hat in irgendeinem Interview, vielleicht auch in einem seiner Bücher, gesagt, er sei an keinem Ort so glücklich, wie auf der Reise, unterwegs von einem Ort zum anderen. Das habe ich mir gemerkt. Weil es sich so anfühlte wie die Zwerge. Es hat nichts miteinander zu tun, außer dass es mir das gleiche Gefühl vermittelt. Das Gefühl, verstanden zu werden.

Wie immer von Leuten, die lange schon tot sind.

Später, das lebte meine Mutter schon nicht mehr, und ich hatte meine Vorliebe für die Zwerge im Märchen von Schneewittchen vergessen, fragte mich mein eigenes Kind, was das bedeutet: „einsam sein“.