Märchen

Gegeißelt von leutseligen Leinen aus Licht, sehne ich mich zurück zu den Märchen, den drei Tropfen Blut im Schnee, oder dem Stich mit der Spindel, zu Rapunzels endlos langen Haaren, und dem trotzigen Mut der im Wald ausgesetzten Geschwister. Zu Rotkäppchen, das vom Weg abkommt und Hans, der unbeschwert in die Armut zurückkehrt. Zu Sterntaler, der alles in den Schoß fällt, weil sie vorher bis auf das letzte Hemd alles selbstlos geteilt hat. Während ich verschwinde in meinen Befürchtungen, mich immer tiefer verstricke in die Lügen, die ich mir über das Leben erzähle. Und alle beginnen mit: ich war einmal.

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Schneewittchen

Schneewittchen glaubte an Märchen
die ihr niemand erzählte
weil außer dem Spiegel
keiner mit ihr sprach

Sie pflanzte Rosen an
weil sie hoffte
so könnte sie der Prinz für Dornröschen halten

Aschenputtel für sieben Kleinwüchsige
zu spielen
schien ihr nicht erstrebenswert

wer will schon den Frühling abwarten
wenn die Lust auf Liebe in den Winter schneit
und in Schneewittchens Gesicht
war immer Winter
weiß wie Schnee
aber mit drei Tropfen Blut
wenn das keine Drohung war

Aber sie glaubte ja an Märchen
so sehr
dass sie Frösche küsste
und niemals vom Weg abkam
um Blumen zu pflücken
und nicht mit ihrem Spiegel sprach
dem einzigen
der ihr wirklich etwas zu sagen gehabt hätte

Sieben

Wir schieben uns der Zeit in den Rücken.

Wie die Orte uns verändern. Auch wenn das eine Lüge ist. Behauptung. Und was das bedeutet. All dieses „be“ als Vorsilbe und wie ich schließlich ganz verzweifelt bin, weil kein Wort das aussagte, was ich eigentlich fühlte. Weil ich mich bestenfalls in Zitaten längst gestorbener Männer und Frauen wiederfand. Die Dekadenz des Begreifens. Und wie ich dann doch wieder zur Flasche gegriffen habe. Nur um wenigstens eine kurze Zeit lang zu verschwinden, aufgehoben zu werden.

Als Kind wollte ich immer einer der sieben Zwerge sein, nie Schneewittchen, oder der Prinz. Die Zwerge veränderten sich nicht. Eine Zeitlang mussten sie ihre Teller und Betten mit Schneewittchen teilen, aber alles andere blieb wie es immer gewesen war. Sie arbeiteten im Bergwerk. Sie kamen nach Hausse, um zu essen und zu schlafen. Am nächsten Tag gingen sie erneut zur Arbeit. Statt über das Wetter redeten sie eine Weile über Schneewittchen, die sich erst umbringen und dann heiraten ließ, aber sie führten genau dasselbe Leben. Das schien mir viel erstrebenswerter als all die gewaltigen Veränderungen der anderen Märchengestalten. Und so musste meine Mutter mir immer wieder Schneewittchen vorlesen und ich malte danach die Zwerge. Die Zahl sieben war die erste Zahl, die ich schreiben konnte.

Thomas Bernard hat in irgendeinem Interview, vielleicht auch in einem seiner Bücher, gesagt, er sei an keinem Ort so glücklich, wie auf der Reise, unterwegs von einem Ort zum anderen. Das habe ich mir gemerkt. Weil es sich so anfühlte wie die Zwerge. Es hat nichts miteinander zu tun, außer dass es mir das gleiche Gefühl vermittelt. Das Gefühl, verstanden zu werden.

Wie immer von Leuten, die lange schon tot sind.

Später, das lebte meine Mutter schon nicht mehr, und ich hatte meine Vorliebe für die Zwerge im Märchen von Schneewittchen vergessen, fragte mich mein eigenes Kind, was das bedeutet: „einsam sein“.

Wetter

Ein Sturm kam auf, peitschte das Wasser in eine Richtung, brauste auf, wütete, das Plätschern des Springbrunnens übertönend, ebbte ab, nahm erneut Anlauf.

Der junge Mann, der sich auf das Wetter berief, während es schien als würde vor dem Fenster der Wind die Welt aus den Angeln heben, und nur ihr Haus bliebe stehen, umflüstert von der Stimme des Windes, der nicht müde wurde, Märchen zu erzählen, in denen er die Hauptrolle spielte, die des verwunschenen und zu guter Letzt erlösten Prinzen, die des armen Schwächlings, der endlich die Möglichkeit erhält, sich zu beweisen. Aber wer hörte schon den Wind, wer las Märchen?

Er war 16 Jahre alt, er hörte Schubert, Beethoven und Brahms, er las Märchen aus aller Welt. Was blieb ihm übrig, als sich auf das Wetter zu berufen?

 

 

Und wenn sie nicht gestorben sind

Und wenn sie nicht gestorben sind

Dann leben sie noch heute

Das ist eine Drohung

Kein es war einmal

Kein Trost

Nur

Dieses Weiterleben

Immer weiter

Als wäre dahinter irgendetwas

Etwas besseres als der Tod

Aber das war ein anderes Märchen

In dem vier ausrangierte Kreaturen

Meinten mit Musik ließe sich was aufziehen

Und unterwegs könnte man etwas besseres finden

Als den Tod

Der sich nicht einmal die Mühe macht

Sich zu verstecken

Wenn man alt ist

Ist es besonders schlimm

So viel es war einmal

Und so viel dann leben sie noch heute

All die Märchen dazwischen

Sind längst Legenden

Geschichten die keiner mehr glaubt

Bis auf die eine

Und wenn sie nicht gestorben sind…

 

[aus: Bis der Schnee Gewicht hat]

Transformation (7)

Schneewittchen

Ein bisschen Dankbarkeit, das sich auf der Haut verteilt, völlig unpolitisch, vereinfachend über den Körper weht, sanft, wohltuend. Eine sommerliche Beschwichtigung, statt einer Auflehnung gegen das, was kommen wird, aufgehen in diesem Moment, der alles birgt und verleugnet, der sicher wie der Held im Märchen weiß, wohin der Weg führt, indem er auf seine Kraft, seinen Mut und seine Intuition vertraut, sich dem Schicksal und seiner Bestimmung hingibt, bis jemand, der stolpert, dafür sorgt, dass der verkantete Apfelschnitz nicht länger für Stillstand sorgt.

Es war einmal

Dieses es war einmal

geht schneller als man denkt

Es war einmal

Das Glück

Es war einmal

Die schöne Königstochter

Es war einmal

Der Prinz

 

der sich in einen Frosch verwandelte

Als er noch Prinz war

hieß er Hans

Aber das hat nichts zu sagen

so hießen viele damals

Drittgeborene Müllersöhne

Kinder von hungerleidenden Tagelöhnern

die Sprecher der Wetternachrichten

 

Kurz

Alle die die jedes Mal hielten

was sich niemand versprechen lassen wollte

Die das Glück mit halbseidenen Tauschgeschäften herausfordern wollten

und sich als Matrosen zum Strümpfestopfen anheuern ließen

um sich beim ersten Landgang

eine Katze auf den Buckel zu setzen

und ein Lebkuchenhaus zu bauen

 

Nur der Prinz der sich in einen Frosch verwandelt hatte

blieb sich treu

ein glibberiges Krötentier

dem die Augen aus dem unkengrünen Schädel quollen

weil er die Kugel verschluckt hatte

um die die Prinzessin Tag für Tag weinte

[Ort der Augen 03/2012)