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Drei Frauen, rote Gesichter, aufgeregt. Am Tisch dahinter zwei Männer, konzentriert, aufmerksam. Der Unterschied: die Frauen reden über Verletzungen. Missverständnisse. Die Männer über ein gemeinsames Projekt.

Das Paradoxe meiner Situation: es überfordert mich, dass alles sich so schnell verändert, und ich habe das Gefühl, mich selbst nicht ändern zu können. Veränderung ist lebendig, aktiv. Funktionieren dagegen statisch.

Wir wollen alle gesehen und wahrgenommen werden. Umso mehr, je weniger wir uns selbst sehen und wahrnehmen können.

Aus gegebenem Anlass

Washington Cucurto
Unter Männern

Also, offen gesprochen, Laércio Redondo,
ich verstehe nicht, warum du keinen Fußball spielst.
Fußball ist der Sport der sanften Männer.
Fußball ist der Sport für Männer, die sich
wie Wahnsinnige lieben.
Der talentierte Spieler wird vom tüchtigen gequält.
Und der tüchtige brennt darauf, ihn aus Liebe zu quälen…
Das Leben ist schön, Laércio.
Auf dem Platz setzt sich der Tüchtige durch
und der Verliebte läuft hinter ihm her.
“Komm schon, foul mich, tüchtiger Manndecker.”
Viele Male habe ich das schon unter Männern vernommen…

Ich sah Männer, die sich auf dem Rasen wälzten, damit andere
sich auf sie würfen, so wundervoll ist die Liebe,
verdorben, verboten, auf der Flucht aus einer angsterfüllten Welt.
Das macht die Liebe, um zu überleben, und das ist so schön.

Das ist es, lieber Laércio, Fußball ist ein Sport
für Männer, die sich wie Wahnsinnige lieben.
Pasolini wusste das genau und genoss es,
er war Kapitän einer tüchtigen Jugendmannschaft…
unter Männern und mitten auf der Straße;
der Tüchtige und der Talentierte,
die Umarmung und der Kuss nach dem Tor
ist wie das Nachspiel zu einem großen Fick.
Laércio, mein Freund, lass dir nicht das Beste entgehen.
Alles ist besser und magisch unter Männern.

[übersetzt von Timo Berger, in Schuhe aus Leinen von SuKuLTur]

Recherchen im Reich der Sinne

Während meiner Recherchen über Frauen im Surrealismus begegnet mir immer wieder der weibliche Blick, der sich grundlegend vom männlichen unterscheidet. Die Umsetzung von Ideen, Geschlechtsbildern ist direkter und auch eindimensionaler bei den männlichen Künstlern. Es scheint als fehle ihnen die Fähigkeit (oder auch nur die Bereitschaft) zur Kommunikation. Der männliche Surrealismus strebt nach einer Kommunikation mit dem Irrationalen, nicht nach Verständnis.

Beispielgebend dafür erscheinen mir die von André Breton 1928 eröffneten Recherches sur la sexualité. Diese Gespräche, die dazu dienen sollten, den weiblichen Orgasmus zu erkennen, fanden zunächst unter Ausschluss der Frauen statt. Aber auch als im achten und neunten Gespräch Frauen anwesend waren, fand kein Austausch statt. Die Frauen mussten ebenso wie die anwesenden Männer lediglich genau definierte (und von Männern formulierte) Fragen beantworten.

[Insgesamt fanden 12 Gespräche statt, die alle vollständig protokolliert wurden. siehe dazu: José Pierre (Hg.) Recherchen im Reich der Sinne. Die zwölf Gespräche der Surrealisten über Sexualität 1928 – 1932. München, 1996)