Der Schuh

Der Mann hatte seinen Schuh verloren, und das Kind hatte sich gefreut.

Aus seiner Freude, etwas Wasser, einigen Kieselsteinen und Blättern, sowie seiner unschlagbaren (überbordend, sagte der Vater, unheilvoll die Mutter) Fantasie, hatte das Kind ein Aquarium aus dem verlustig gegangenen Schuh gemacht. Es hatte den Schuh verzaubert, wie es selbst sagte. Die Mutter nannte den Zauber „entsetzlicher Dreck“, der Vater „ein wenig übertrieben“, und der Mann, der im dunklen Anzug mit einem noch dunkleren Blick vor der Tür stand, nannte ihn „mein verlorener Schuh“.

 

Wetter

Ein Sturm kam auf, peitschte das Wasser in eine Richtung, brauste auf, wütete, das Plätschern des Springbrunnens übertönend, ebbte ab, nahm erneut Anlauf.

Der junge Mann, der sich auf das Wetter berief, während es schien als würde vor dem Fenster der Wind die Welt aus den Angeln heben, und nur ihr Haus bliebe stehen, umflüstert von der Stimme des Windes, der nicht müde wurde, Märchen zu erzählen, in denen er die Hauptrolle spielte, die des verwunschenen und zu guter Letzt erlösten Prinzen, die des armen Schwächlings, der endlich die Möglichkeit erhält, sich zu beweisen. Aber wer hörte schon den Wind, wer las Märchen?

Er war 16 Jahre alt, er hörte Schubert, Beethoven und Brahms, er las Märchen aus aller Welt. Was blieb ihm übrig, als sich auf das Wetter zu berufen?

 

 

Null

Allein, die Null im Gepäck, stand der einbeinige Mann auf der Landstraße, sehnte sich nach dem Wind, vergriff sich beim Versuch einen Vogel mit seiner Schleuder zu treffen und gleichzeitig ein Mädchen im Blick zu behalten, wobei er nicht einmal wusste, warum er sie im Blick behalten wollte. Vorsicht und Rücksicht, nicht zu vergessen die Nachsicht und die Tatsache, dass beides nicht geht: Fragen und Antworten, aber auch keines ohne das andere. Sowohl als auch. Weder noch. Wir begrenzen die Aussicht und zentrieren den Blick.

 

Die Erfindung der Geduld

Vier Kinder an der Hand eines wurmstichigen Mannes
Was tun wir nun spricht eines
Und der Mann erfindet die Geduld
Wir tun so als könnten wir nicht sprechen sagt er
Und die Kinder sehen ihn an und nicken
Wie Wesen die restlos alles verstehen

Abgrund

Ankommen, abreisen. Die Möglichkeit, sich selbst zu verlassen. All dieser Blödsinn. In den Gedanken.

Auf der anderen Seite, das was ich sehe: Ein weinendes Kind an der langfingrigen weißen Hand einer Frau, die Tafel mit den Abfahrtszeiten der Züge, inklusive Verspätungen.

Und auf einer Bank vor dem Zeitschriftenladen sitzen ein Mann und eine Frau. Sie reden sehr leise miteinander, schweigen lange, sehen sich an. Ich habe das Gefühl, sie bewegen sich mit entschiedener Zärtlichkeit auf einen Abgrund zu. Aber vermutlich denke ich das mit dem Abgrund nur, weil ich mich nicht erinnern kann, jemals gesehen zu haben, wie mein Großvater mit meiner Großmutter gesprochen hat. Sie hat das Wasser von ihren Beinen zum Herzen steigen lassen (geduldig), damit sich wenigstens irgendetwas auf sie zu bewegt.

Eine Hand voll Wasser

Eine Frau, die darauf wartet, dass die Tage kürzer werden.
Ein Mann, der glaubt, die Verbote sind Vorboten.
(wovon fragt er nicht).
Ein Kind, das seine Geduld tief eingegraben hat,
an einem sehr geheimen Ort, um sie bloß nicht zu verlieren.

Eine Hand voll Wasser.
Gehalten von einem Gedicht.

Ein Mann

 

Es gibt einen Mann. Er hasst mich.

 

Wir spielten uns unsere Schatten zu

 

wir trafen uns mit unseren Schatten.

 

Wir warfen unsere Schatten auf das Licht

 

das die Bäume vor der Tür in die Landschaft legten.

 

Dann traten wir aus dem Schatten

 

wie aus einem Haus.

 

 

Wir versuchten es anders zu machen.

 

Du wirfst Deinen Schatten voraus

 

und ich komme nach

 

sagte ich.

 

Aber der Mann der mich hasst

 

traute mir nicht.

 

Er dachte ich könnte schneller laufen als er

 

(ich kann schneller laufen als er)

 

und ihm seinen Schatten wegnehmen.

 

Dann hätte ich seinen Schatten in der Hand

 

und würde vor ihm herlaufen.

 

 

Du hast ja einen Schatten

 

würde er sagen.

 

Nein zwei würde ich entgegnen

 

und Du?

 

Ich hasse Dich würde er antworten

 

Und einen Schatten nach mir werfen.

 

Weiß der Himmel woher er den schon wieder hat.

 

 

Nur so

„Nur so“, sagte das Mädchen, „einfach nur so“. Sie sah aus wie eine, die meint, was sie sagt. Der Mann sah sich ihre Hände an. Er liebte ihre Hände. Besonders wenn sie die weißen wollenen Fäustlinge trug. Sie ließen sie so unschuldig aussehen.
„Warte hier“, sagte das Mädchen, „es wird nicht lange dauern.“
Sie entriss dem jungen Mann ihre Hände und lief zur Tür. Der Mann stand da mit hängenden Armen, verloren. Sie hätte ihm wenigstens ihre Handschuhe dalassen können, fand er. Er blieb stehen. Genau dort, wo das Mädchen ihn verlassen hatte. Nicht einen Millimeter hatte er sich bewegt, als sich die Tür wieder öffnete und das Mädchen vor ihm stand. Ihren Wangen waren rot.
„Was hast du gemacht?“, fragte er sie.
„Geredet“, sagte sie, „nur geredet.“
Ihre Handschuhe steckten in ihren Manteltaschen.
„Worüber?“, fragte der Mann.
„Komm, gehen wir Kaffee trinken“, sagte das Mädchen und hüpfte dem Mann voran.
„Sieh doch, es schneit!, sagte sie.
Kurz bevor der Mann sie einholte, lief sie wieder voraus, breitete die Arme aus, legte den Kopf in den Nacken und drehte sich im Kreis. Die Schneeflocken landeten vorsichtig auf ihrem Mantel, ließen sich behutsam auf ihren dunklen Haaren nieder, verfingen sich in ihren Wimpern.
Sie sahen sich nur bei Schnee. Wenn der Schnee unter den Füßen knirschte und den Verkehr lahmlegte, rief sie ihn an.
„Komm“, rief sie in den Hörer, „lass uns spazieren gehen“.
Und ihm blieb keine Zeit, seine Handschuhe zu suchen. Sobald er ihre Stimme gehört hatte, konnte er an nichts mehr denken. Er flog ihr entgegen, die Kälte spürte er nicht.
Ihre Augen waren blau und klar. Er sah sein lächerliches Spiegelbild im Glanz ihrer Augen. Unbeholfen und tölpelhaft kam er sich vor. Ein Schauer durchlief ihn. Seine Haare stellten sich auf, alle Muskeln zogen sich zusammen, um dieser Welle von Kälte zu trotzen. Dann ergriff er ihre Hände und konnte sich an nichts erinnern, außer, dass er sie liebte.