Das Mädchen, das alle Geheimnisse kennt

In der Parallelstraße wohnt ein kleines Mädchen, das alle Geheimnisse der Welt kennt, und deshalb unglaublich einsam, traurig und müde ist. Jeden Tag versucht sie verzweifelt zu vergessen. Sie weiß nur dieses Eine nicht; dass das Vergessen ganz von allein geschieht, wenn sie erwachsen ist. Sie wird eine ernste erwachsene Frau sein, die immer noch einige Geheimnisse kennt. Mehr als die meisten Menschen. Sie wird eine unerklärliche Leidenschaft für Hütchenspieler haben. Aber ich habe nicht die geringste Ahnung, wie sie aussehen wird. Genau darin, liegt das Problem meines Schreibens.

Traum

Da war diese Frau, an die ich mich so klar erinnere, wie an einen Traum, die jederzeit bereit war, Verschwendung über uns, über die Zeit, über alles, was lebte, zu gießen. Sie lebte in einem Haus, in dem niemals irgendetwas beschnitten wurde. Alles sollte wuchern und blühen. Uferlos, grenzenlos. Nur ihr Kind, ein bemerkenswert zähes und widerständiges Mädchen, jätete manchmal das, was sie für Unkraut hielt. Dieses Kind hatte eine Fensterbank in der Küche für sich beansprucht, auf der es in kleinen Tontöpfen winzige Setzlinge pflanzte, die es Zorn, Mut, Zuversicht und Vergebung nannte. Es pflegte diese Pflänzchen möglicherweise besser und liebevoller als es selbst von seiner Mutter gepflegt worden war, die ihr jeden Tag den selben Teller vor die Nase setzte, einen Teller mit sieben Zwergen am Rand und einem Schneewittchen in der Mitte. Sie hasste diesen Teller ebenso sehr, wie sie den Apfelbaum draußen im Garten liebte. Jeden Tag harkte sie die Erde um diesen Baum herum, durchzog sie mit feinen Linien, bis es aussah als stände der Baum am Ende eines raffinierten Labyrinths, das allein sie durchschaute. Der Teller war aus feinstem, kostbaren Porzellan. Vielleicht das Wertvollste, was es gab in ihrem Haushalt. Eines Tages beschloss das Mädchen, den Teller in der Nähe des Baumes tief in der Erde zu vergraben. Sie stellte sich vor, wie dort unter der Erde mit Hilfe der Wurzeln ihres geliebten Baumes, alles verwandelt würde, die sieben Zwerge würden zu den sieben Fliegen auf dem Marmeladenbrot des tapferen Schneiderleins und Schneewittchen würde sich in einen Elefanten verwandeln, sie würde alles ernten, wenn es lange genug unter der Erde kompostiert worden war. Die Füße in der Luft, würde sie ihre Träume aus dem Boden pflücken.

Schon bald.

Das Mädchen mit den Zündhölzern

Wir hüteten unser Augenlicht, weil es nichts gab, was wir sonst hätten hüten können. Unser Kind war so hungrig wie wir. Allein, sie hatte die Hoffnung noch nicht verloren. So ging sie auch an diesem Wintertag mit bloßen Füßen hinaus, um Zündhölzer zu verkaufen. Ein Brand, den keine Tränen löschen können. Das ist es, was uns seither am Leben hält.

17. Februar

Ein auffallend hübsches Mädchen, blonde Haare unter der Mütze, ernst und sehr verletzlich, sitzt bei drei Frauen. Sie schweigt und scheint nicht zuletzt wegen ihrer Schönheit nicht dazu zu gehören. Früher hätte ich mir Geschichten über sie ausgedacht. Heute bin ich erleichtert, als ich sehe, wie sie in der Nase bohrt.

Null

Allein, die Null im Gepäck, stand der einbeinige Mann auf der Landstraße, sehnte sich nach dem Wind, vergriff sich beim Versuch einen Vogel mit seiner Schleuder zu treffen und gleichzeitig ein Mädchen im Blick zu behalten, wobei er nicht einmal wusste, warum er sie im Blick behalten wollte. Vorsicht und Rücksicht, nicht zu vergessen die Nachsicht und die Tatsache, dass beides nicht geht: Fragen und Antworten, aber auch keines ohne das andere. Sowohl als auch. Weder noch. Wir begrenzen die Aussicht und zentrieren den Blick.

 

Punkt Punkt Komma Strich

Ein unklarer Tag. Ein grauer Tag, der sich mit Mühe aus der Verlässlichkeit schält.

Hier bricht das Denken ab.

In meine Träume mischt sich das merkwürdige Leben der Duras. Vor dem Fenster hängt ein Kissenbezug. Langeweile treibt durch den Tag.

Verschiedene Ansätze zu einer fernmündlichen Verbesserung. Im übrigen (zu streichende Füllworte) … Punkt, Punkt, Komma Strich. Fertig ist das Mondgesicht eines nur noch auszumalenden Lebens.

Feine Falten durchziehen ihr Gesicht. Haben ein Liniennetz darauf gezeichnet. (ich habe ein zerstörtes Gesicht, hat die Duras geschrieben, da sprach sie schon lange von sich in der dritten Person).

Wir benehmen uns atemlos.

Es sind längst keine Ausrutscher mehr, wenn meine Geschichten nicht beginnen, etwas zu erzählen. Sie verlaufen sich im Irgendwo, zwischen (fehlender) Fantasie und Beliebigkeit.

Ein Mädchen, das in Saudi Arabien für ihren Traum kämpft, Fahrrad fahren zu dürfen, ein Hochhaus in dem die Bewohner ohne Fahrstuhl zurecht kommen müssen, und mein schmales Talent, auf dem ich die Worte balancieren lasse.

Nur so

„Nur so“, sagte das Mädchen, „einfach nur so“. Sie sah aus wie eine, die meint, was sie sagt. Der Mann sah sich ihre Hände an. Er liebte ihre Hände. Besonders wenn sie die weißen wollenen Fäustlinge trug. Sie ließen sie so unschuldig aussehen.
„Warte hier“, sagte das Mädchen, „es wird nicht lange dauern.“
Sie entriss dem jungen Mann ihre Hände und lief zur Tür. Der Mann stand da mit hängenden Armen, verloren. Sie hätte ihm wenigstens ihre Handschuhe dalassen können, fand er. Er blieb stehen. Genau dort, wo das Mädchen ihn verlassen hatte. Nicht einen Millimeter hatte er sich bewegt, als sich die Tür wieder öffnete und das Mädchen vor ihm stand. Ihren Wangen waren rot.
„Was hast du gemacht?“, fragte er sie.
„Geredet“, sagte sie, „nur geredet.“
Ihre Handschuhe steckten in ihren Manteltaschen.
„Worüber?“, fragte der Mann.
„Komm, gehen wir Kaffee trinken“, sagte das Mädchen und hüpfte dem Mann voran.
„Sieh doch, es schneit!, sagte sie.
Kurz bevor der Mann sie einholte, lief sie wieder voraus, breitete die Arme aus, legte den Kopf in den Nacken und drehte sich im Kreis. Die Schneeflocken landeten vorsichtig auf ihrem Mantel, ließen sich behutsam auf ihren dunklen Haaren nieder, verfingen sich in ihren Wimpern.
Sie sahen sich nur bei Schnee. Wenn der Schnee unter den Füßen knirschte und den Verkehr lahmlegte, rief sie ihn an.
„Komm“, rief sie in den Hörer, „lass uns spazieren gehen“.
Und ihm blieb keine Zeit, seine Handschuhe zu suchen. Sobald er ihre Stimme gehört hatte, konnte er an nichts mehr denken. Er flog ihr entgegen, die Kälte spürte er nicht.
Ihre Augen waren blau und klar. Er sah sein lächerliches Spiegelbild im Glanz ihrer Augen. Unbeholfen und tölpelhaft kam er sich vor. Ein Schauer durchlief ihn. Seine Haare stellten sich auf, alle Muskeln zogen sich zusammen, um dieser Welle von Kälte zu trotzen. Dann ergriff er ihre Hände und konnte sich an nichts erinnern, außer, dass er sie liebte.

Das Haus

  

Man erzählt sich mancherlei. Von Brandstiftung ist die Rede, von einem Unfall, von Eifersucht, aber auch von Selbstmord.

Das Haus jedenfalls ist bis auf die Grundfeste abgebrannt. Es gibt keine Zeugen. Niemanden, der etwas bemerkt hat, nur das Mädchen, das nun verschwunden ist, und das vorher hier gelebt hat.

Allein.

Verlassen.

Vermutlich unglücklich.

Krank.

Aber das sind Spekulationen.

Dafür gibt es keine Beweise.

Und wenn es Beweise gegeben haben sollte, sind sie jetzt mit ihr verbrannt.