Eigenarten

Meine Kinder sprechen kaum noch mit mir. Wir haben jetzt exakt die Situation hier, die ich aus Filmen schon lange als „Hotel Mama“ kenne. Ich wasche, putze, koche und bin im übrigen unsichtbar. Es ist nicht so, dass mich das alles überrascht, es kommt auch nicht wirklich plötzlich. Schön ist es trotzdem nicht.

Es ist eine andere Art der Unsichtbarkeit als die, die ich letzten Freitag wieder auf einer Gemeinschaftslesung erlebt habe. Anders, aber in einigen Facetten doch sehr ähnlich. Alles andere ist wichtiger, interessanter als ich. Am Freitag waren das die anderen Texte. Dabei war ich wirklich gut. Inzwischen habe ich mir angewöhnt auch etwas zu den einzelnen Gedichten zu sagen, ich bin nicht aufgeregt, ich kann sogar manchmal fast lustig sein. Wie gesagt, ich war ganz gut. Sansibar ja sowieso. Der kann ja gar nicht anders. Aber irgendwie hat es keiner gemerkt. Ich habe mich mit meinen Kollegen unterhalten, bis jemand aus dem Publikum zu ihnen kam, um ihnen zu sagen, wie grandios, lustig, unterhaltsam etc. pp. ihr Beitrag gewesen ist, und ich das Feld räumte, um zu einer anderen Kollegin zu gehen, die ihr begeistertes Publikum gerade verlassen hatte. Manchmal denke ich nach solchen Ereignissen, ich sollte doch wieder Prosa schreiben, denn da liegt ja mein Anfang. Ich habe lange nur Prosa geschrieben und bin erst relativ spät zur Lyrik gekommen. Aber zum Glück geht das vorbei. Etwas schreiben von dem man annimmt, dass es dem Publikum gefällt, also ehrlich; dann kann ich es auch gleich bleiben lassen. Oder Texterin werden, im Auftrag Geburtstagsgedichte schreiben oder so etwas.

Und außerdem ist das ja auch nicht die ganze Wahrheit. Die ganze Wahrheit über diesen Abend, aber eben nicht die ganze Wahrheit über meine Lesungen. Ende April z.B. habe ich vor relativ wenig Publikum aus Sansibar gelesen und daraus hat sich eine Einladung zu einer Lesung ergeben, die morgen stattfinden wird. Wir gefallen eben nicht jedem, Sansibar und ich. Und das ist auch gut so.

Sünje lewejohann – als ich noch ein tier war

Ein sehr besonderes, sehr beeindruckendes Buch. Bereits „die idiotische wucht deiner wimpern“ war ein Gedichtband, der ganz eigen war, auf eine sehr anregende Weise. Daher habe ich mich deswegen gefreut auf Sünje Lewejohanns neuen Band. Und dann kamen diese Gedichte mit Krallen und Zähnen und Fell, und vor allem mit einer sagenhaften zärtlichen Wucht, die mich schon beim letzten Band begeistert hat. Aber dieses Mal erzählen die Gedichte ein Drama in drei Akten, Drama einer (schwierigen) Liebe, Drama einer Krankheit (Depression), Drama von Ichverlust und Heilung.

Dabei sind die Gedichte Protokolle der Gegenwart, nüchtern und hart und gleichzeitig (also wirklich gleichzeitig!) Beschwörungen voller Magie. Als Beispiel vielleicht dieses Gedicht:

DER FUCHS BIN JETZT ICH

der winter beginnt in den fenstern und

zieht dann langsam zu uns hinein.

er kommt von den kahlen apfelbäumen

im garten unter denen im sommer

der fuchs gerufen hat. dieser

seltsame, kehlige schrei.

ich wünschte, ich könnte

vergessen, wie ich hier gelandet bin.

ich wünschte, ich könnte in eine

tiefe ohnmacht fallen und in ihr

alt werden.

ich überspringe ganze tage.

du hast mal gesagt, es sei einer

der heißesten sommer gewesen.

jetzt weht die kälte mitten durchs haus

und weckt uns früh.

ich nenne unsere schlechten tage

die dunklen tage

ich stehe am küchenfenster, blicke über das feld.

ich kann den schrei noch immer hören.

abrakadabra. der fuchs bin jetzt ich.

„ALS ICH NOCH EIN TIER WAR“

Ich könnte noch zahlreiche weitere Gedichte zitieren, eigentlich jedes. Kein einziges lässt mich kalt!

Die Schüchternheit der Novembersonne

Die Wiederholungen am Telefon

Die vorgebliche Begriffsstutzigkeit

Ein inwendiges Verschwinden

Verstreichen

Am Ende des Korridors wird eine Tür zugeschlagen

 

Der Regen spült die Ränder rund

Der Regen spült den Mond vom Himmel

Der Regen spült dem Himmel die Flausen aus dem Kopf

Der Regen

 

Er betritt das Gasthaus

Sein inwendiges Verschwinden

Bei Regenwetter am Telefon

Die nasskalten Häuser

Die regennassen Straßen

Die Einkehr zur Umkehr

Der einzige Gast

Das Telefon grün mit Wählscheibe

Der Kupferbart des Wirtes

Die Geräusche aus der Küche

Die Kellnerin mit der Heuschrecke in der Hand

Das Fahrtwasser das Regenwasser

Die nächtlichen Wolken

Abhandlungen über den Mond

 

Die Kellnerin am Telefon

Er kommt nicht

Ihr Kopfschütteln

Er kommt nicht

Ein inwendiges Verschwinden

Ein Regentag

Die Nacht die die Worte sorgfältig zerlegt

Bevor sie sie verschluckt

November

Der König erhebt sich und springt

In den November Nebel

In dem ich sitze und nach Erinnerungen suche

Sachen wie Tautropfen auf Spinnenweben

Und blanke Äste die aus dem Nebel plötzlich

Nach mir greifen. Statt dessen der Kalender

Mit den Jahrestagen und wie die

Feuchtigkeit die Schrift verwischt.

Wir kommen aus dem Wasser

Sagt der König

Er ist freundlich

Er verbeugt sich

Bevor er untertaucht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiß

Striche, harte Schnitte

Durch den blauen Himmel ziehen

Mit unseren rostigen Wagenrädern

Rot bemalt unsere Wangen

Hohl und hungrig die gierigen Münder

Glaubten wir dem zu entgehen, was allen vorherbestimmt ist.

Die tagblaue Einsicht

Holte uns ein.

Im Nil badeten die Schnabeltiere

Komm schenk mir noch einmal ein

Vorbei ist kein Wort gegen das man sich auflehnen kann

Und deine Augen kein Ort

Zum verweilen

Der Mundschenk

Weißt du noch, wie ich dir von ihm erzählte

Du wolltest nicht zuhören

Du suchtest Trost

In tauben Ohren und vergessenen Gesten

Ich nahm es dir nicht übel

Und ging allein

Auf die Suche nach

Einem Stoff, der uns überleben könnte.

Ich fand den Schnee

Seine Stimme war weiß.

[500 Gramm]

 

eingeschlossen

eingeschlossen in den zauber
des abwehrenden blicks
wächst die angst
wie sieben zwerge um schneewittchens sarg
bewacht sie das wachsende land
in dem nach und nach
das immer gleiche bild
die sicht verstellt