Die Schüchternheit der Novembersonne

Die Wiederholungen am Telefon

Die vorgebliche Begriffsstutzigkeit

Ein inwendiges Verschwinden

Verstreichen

Am Ende des Korridors wird eine Tür zugeschlagen

 

Der Regen spült die Ränder rund

Der Regen spült den Mond vom Himmel

Der Regen spült dem Himmel die Flausen aus dem Kopf

Der Regen

 

Er betritt das Gasthaus

Sein inwendiges Verschwinden

Bei Regenwetter am Telefon

Die nasskalten Häuser

Die regennassen Straßen

Die Einkehr zur Umkehr

Der einzige Gast

Das Telefon grün mit Wählscheibe

Der Kupferbart des Wirtes

Die Geräusche aus der Küche

Die Kellnerin mit der Heuschrecke in der Hand

Das Fahrtwasser das Regenwasser

Die nächtlichen Wolken

Abhandlungen über den Mond

 

Die Kellnerin am Telefon

Er kommt nicht

Ihr Kopfschütteln

Er kommt nicht

Ein inwendiges Verschwinden

Ein Regentag

Die Nacht die die Worte sorgfältig zerlegt

Bevor sie sie verschluckt

November

Der König erhebt sich und springt

In den November Nebel

In dem ich sitze und nach Erinnerungen suche

Sachen wie Tautropfen auf Spinnenweben

Und blanke Äste die aus dem Nebel plötzlich

Nach mir greifen. Statt dessen der Kalender

Mit den Jahrestagen und wie die

Feuchtigkeit die Schrift verwischt.

Wir kommen aus dem Wasser

Sagt der König

Er ist freundlich

Er verbeugt sich

Bevor er untertaucht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weiß

Striche, harte Schnitte

Durch den blauen Himmel ziehen

Mit unseren rostigen Wagenrädern

Rot bemalt unsere Wangen

Hohl und hungrig die gierigen Münder

Glaubten wir dem zu entgehen, was allen vorherbestimmt ist.

Die tagblaue Einsicht

Holte uns ein.

Im Nil badeten die Schnabeltiere

Komm schenk mir noch einmal ein

Vorbei ist kein Wort gegen das man sich auflehnen kann

Und deine Augen kein Ort

Zum verweilen

Der Mundschenk

Weißt du noch, wie ich dir von ihm erzählte

Du wolltest nicht zuhören

Du suchtest Trost

In tauben Ohren und vergessenen Gesten

Ich nahm es dir nicht übel

Und ging allein

Auf die Suche nach

Einem Stoff, der uns überleben könnte.

Ich fand den Schnee

Seine Stimme war weiß.

[500 Gramm]

 

eingeschlossen

eingeschlossen in den zauber
des abwehrenden blicks
wächst die angst
wie sieben zwerge um schneewittchens sarg
bewacht sie das wachsende land
in dem nach und nach
das immer gleiche bild
die sicht verstellt

 

Novemberwald

Die Fragen führen uns hinter das Licht
(hinter dem Licht ist der Wald
dort ist es dunkel und ach so bitter kalt
Der Wald voll finsterer Fragen
und ich im Fadenkreuz der Kiefern
Aber dann
Doch kein Schuss
Von Treffern ganz zu schweigen)
Guck mal
Die Vögel machen Morgengymnastik
sagt mein Sohn
Seine Stimme
Mein Blick
Und die Vögel
die nur wegen uns
nicht in den Süden ziehn

 

Ich bin Marita

 

Bei mir ist es anders

 

Ich trinke nicht um zu vergessen

 

Ich trinke um mich zu erinnern

 

Was Zeit bedeutet

 

Und damit ich mich fürchte

 

Vor dem Verlust der Angst

 

Nie ist das Erinnern so klar

 

Wie in diesen durstigen Momenten

 

Zwischen den Gläsern

 

Ich ziehe mich aus

 

Vor jedem und allen

 

Ich käme mir anderenfalls so unbekleidet vor

 

Wie sich der Schaum spiegelt in meinem Blick

 

Ich lasse mir Geschichten erzählen

 

Wer sie erzählt ist egal

 

So lange sie nur unglaubwürdig sind

 

Gesalzen mit diesem leichten Schwindel

 

Den man am deutlichsten in den verrauchten Gesichtern erkennt

 

Ich halte mich an die Angst

 

Das ist meine Richtschnur

 

An dieser Linie entlang trinke ich mir zu

 

Ich bin Marita

[03/2011 Lauter Niemand]

 

In der Stadt in der ich lebe

In der Stadt in der ich lebe

 

werden die Hunde sehr alt

 

Die Dichter schreiben mit Bleistift

 

und glauben an die Heilkraft der Wälder

 

Selten liest jemand mehr

 

als die Schlagzeilen

 

in den Gesichtern der Vorübergehenden

 

 

Einer gibt dir einen Namen

 

und ein anderer ruft ihn

 

als wenn er dich kennt

 

Ich bin die Frau mit der Hasenscharte

 

die die immer bei Rot über die Ampel geht

 

Ich hänge am Leben

 

das Leben hängt an einem rostigen Nagel

 

aber auch daraus kann man etwas machen

 

etwas das lacht

 

(zuerst gedruckt in 500 gramm Nr. 7)