Auflösung

Ich bin das nicht passende Teil im Gesamtbild. Ich bin auserzählt. Gefangen in einer Lüge, von der ich hoffe, jemand löste sie auf, in bunte Fäden. Und dann.

Ich bin ein Platzhalter. Für den Verlust. Und die zugrunde gegangene Wut. Für die scharfen Kanten einer vermeintlich runden Welt. Für die Rückhaltlosigkeit der Trostsuchenden. Für das Austherapierte einer kranken Welt.

Alle Erklärungen sind Lügen

Alle Erklärungen sind Lügen. Beschwichtigungen, die uns beruhigen, einlullen sollen.

Als ich meine Diplomarbeit über das Sterben, über den Tod und die menschliche Konstruktion dieser Begriffe und Vorgänge schrieb, wusste ich jeden Tag weniger vom Tod, vergaß mit jeder Seite, die ich schrieb, dass ich sterblich bin.

Es war Soziologie. Es waren Zeitzeugnisse. Viele Notizen, und wenn ich Glück hatte, ab und zu ein paar Verbindungen, die sich aufdrängten.

Es waren Termine bei den Betreuern, der immer näher rückende Abgabetermin, mein Tischapparat in der Universität, und die Entscheidung für ein blassgelbes, oder eher beige-gelbes Deckblatt im Copyshop.

Später habe ich behauptet, der Tod habe mein Leben lang so eine große Rolle gespielt; mein kranker Vater, der starb als ich fünf war, der schleichende Selbstmord meiner Großmutter, der vollendet war, als ich gerade zehn Jahre alt geworden war, der plötzliche Unfalltod meiner Mutter zwölf Jahre später, mein Großvater, der sich zwei Jahre danach erhängte. Ich bildete mir selbst ein, dass ich all diese Todesfälle mit einer wissenschaftlichen Arbeit bewältigen wollte. Aber das ist Unsinn. Ich wollte sie vergessen, ich wollte sie wenigstens so weit von mir wegrücken, dass ich halbwegs normal, halbwegs unbeschwert leben konnte. Und irgendwie hat diese Lüge funktioniert. So gut, dass ich jetzt, zwei Jahrzehnte danach, erkennen kann, dass es eine Lüge war. Wie alle Erklärungen Lügen sind. Wie auch diese Behauptung eine Lüge ist. Und das einzige, was zählt ist der Unterschied zwischen den Lügen, die funktionieren, und den anderen, an die wir umso beständiger glauben, je weniger sie funktionieren.

Haltung und Lüge

Es geht so hin und her. Etwas, das nicht sie selbst ist, hält sie. Dabei möchte sie im Grunde nichts weiter als aufgehoben sein. Wenn sie ehrlich wäre, würde sie schreiben: ich weiß nicht, worum es in diesem Buch geht, wie es gemacht ist, welche Traditionen es verfolgt, und welchen es sich entgegenstellt, aber es hat mich mich vergessen lassen, für die Zeit des Lesens, es hat mich aufgehoben für ein paar Stunden, und dafür bin ich ihm dankbar. Und vielleicht auch der Autorin. In irgendeinem Verhältnis werden sie schon zueinander stehen, vielleicht so ähnlich wie Mutter und Kind, sie brauchen einander eine gewisse Zeit lang, und dann können sie unabhängig voneinander bestehen.

Aber natürlich schreibt sie solche Dinge nicht in ihren schlecht bezahlten Besprechungen, sondern bemüht sich, es „richtig“ zu machen. Keine Nacherzählungen, ein Vorwurf von Wolfgang Herrndorf, den sie nie vergessen hat (weder den Vorwurf, noch den Autor), und den sie las, als sie gerade angefangen hatte, Besprechungen zu schreiben. Sie versucht also, statt sich aufheben zu lassen, zu verstehen, wie die Fäden verknüpft sind, mit welchen sprachlichen Mitteln sich die Aussagen verbinden und entwickeln, versucht so zu tun, als wäre der Autor mehr als ein Gefäß, ein Medium, das sich bereit gestellt hat, um diesem Buch auf die Welt zu helfen, und als sei das Buch weniger als ein unverständliches Wunder mit der Macht ihre Kontrolle, Beherrschtheit und Grübelei, ihre Unsicherheit und Angst einfach auslöschen zu können, ihr für die kurze Zeit der Lektüre zu ermöglichen, das zu sein, was wir alle im Wesentlichen sind; ein unendlich kleines Partikelchen des allumfassenden Nichts, das eine zufällige Form angenommen hat.

Das heißt, sie lügt. Und Lügen können schön klingen, eine gewisse stilistische Eleganz entwickeln, und sogar hier und da die Wahrheit durchscheinen lassen. Aber sie ermüden. Sie sind anstrengend. Sie verlangen von derjenigen, die sie verbreitet, ständig auf der Hut zu sein, und sich zu verbiegen.

Das hat sie nun von ihren Lügen. Zwei oder drei Bandscheibenvorfälle, weil der Körper das irgendwann nicht mehr mitmachen will mit dem Verbiegen und streikt und ihr Schmerzen schickt, die sie jammern lassen. Aber als sie ihres Jammerns endlich müde geworden ist, zum Nachdenken bringen. So dass sie endlich erkennt, dass sie das Wort „endlich“ weitaus zu häufig gebraucht, und dass sie lügt, und ihr dieses Lügen nicht gut tut. Bestenfalls beginnt sie nicht nur nachzudenken, sondern versucht eine folgenschwere Entscheidung zu treffen, infolge derer alles gut wird.

Wie der junge Mann von dem sie gelesen hat, der jahrelang, Jahrzehnte lang?, unter einer Gluten Unverträglichkeit gelitten hatte, bis er sich erinnerte, wie er als Kind Nudeln gegessen hatte, während seine Eltern heftig stritten. Der Teller war leer. Wenige Tage später trennten sich die Eltern. Und peng, mit dieser Erinnerung, war er wieder gesund. Nudeln so viel er wollte.

Also muss sie (endlich) lernen, sich verletzlich zu machen, um aufrecht zu gehen und immer häufiger Momente zu erleben, in denen sie sich aufgehoben fühlt?

Dreh dich nicht um

Alles ändert sich. Selbst du. Selbst dein Denken, dem an allen möglichen Stellen die Enden abgeschnitten werden. Etwas richtet sich auf, du selbst aber bleibst liegen. Tödlich getroffen, weil dir keiner schenkt, was du dir selbst nicht geben kannst.
Die Zeit, hat man dir früher erzählt, heilt alle Wunden. Dass sie es tut, indem sie neue reißt, macht den Satz nicht zu einer Lüge. Dreh dich nicht um. Was hinter dir liegt, holst du nie mehr ein.

 

(49)

Die Zeichen sind falsch gewählt und minütlich kommen neue hinzu.

Der Graben, der sich auf seine Tiefe beruft, auf die Ferne von etwas, das hinter mir liegt. Eingeschlossen in Wunden, die durch einen einzigen Buchstaben zu Wundern werden. Aber es ist ein Buchstabe, der sich wie der Stein, den Sisyphos immer wieder den Berg hinaufrollt, widersetzt, d.h. eigenen Gesetzen folgt und du, mit deiner Unfähigkeit, deine eigene Stimme zu lieben, egal, ob sie schreit oder schreibt, machst immerzu alles zu einer Lüge.

(47)

Ich bin so durchschnittlich, dass es schwer auszuhalten ist, ich betrüge alle ein bisschen, statt einen großen Verrat zu begehen, ich verstecke die Wahrheit sorgsam, weil mir der Mut fehlt, eine richtig große Lüge in die Welt zu setzen.

Sansibar (45)

Die Zeiten haben sich geändert

 

Denkt Sansibar

 

Wenn ich früher eine Kerze angezündet habe

 

Tanzte mein Schatten

 

Heute sehe ich nur zu

 

Wie das Wachs auf die Tischplatte tropft

 

Und denke an meine Schwester

 

Ihre lächerliche Art

 

Die Augen aufzureißen

 

Jedes Mal wenn sie sagt

 

Unsere Mutter ist tot

 

Als gäbe es Wahrheiten die feststehen

 

Und nicht nur all die Lügen

 

Die wir gepflanzt haben

 

Rund um unser Haus

 

Damit es blühen kann im Sommer

 

Und im Winter geschützt ist

 

Vor Eis und Sturm

(500 Gramm Ausgabe 8)

 

Das Manifest – Der Künstler sollte nicht lügen

Der Künstler sollte weder sich selbst noch andere belügen, lautet die erste These in Marina Abramovic Manifest.

Das ist ein sehr einfacher Satz und er ist alles andere als neu, du sollst nicht lügen, steht schon in der Bibel. Andererseits steht er hier in einem anderen, neuen Zusammenhang, es geht nicht um das zwischenmenschliche Miteinander (jedenfalls nicht nur), sondern um Kunst. Wie kann ein Künstler sich belügen, auf welche Art und Weise tut er das, sich gegenüber und in Bezug auf andere?

Indem er Grenzen anerkennt, die keine sind, indem er zwar sein Leben zu kontrollieren versucht, nicht aber seine Kunst, indem er tut, was man (wobei mit diesem „man“ in erster Linie der Kunstbetrieb gemeint ist) verlangt. Und unbewusst tun das sehr viele „Künstler“ möchte ich behaupten. Wer von ihnen hat schon wirklich dieses Feuer, diese Energie, ständig in sich selbst zu forschen, nach dem Thema zu suchen, was wirklich „dran“ ist? Was dabei heraus kommt, kann schön sein, auch interessant, so wie Lügen auch schön sein können, interessant und sogar gerechtfertigt. Aber eine große Wahrheit bergen diese Kunstwerke eben nicht.

Erinnerungen

Die Zügellosigkeit der Zeit. Die Sprachlosigkeit der Tage. Das Wort Singvogel. Und was damit verbunden ist. Verbindlich. Einfaltslos.

Ich besuchte ein Museum. Ohne zu wissen, dass ich wieder nach ihr suchte. Nach der kleinen Frau.

Erst muss man der Versuchung erliegen, dann kann man herausfinden, aus dem eigenen Labyrinth.

Nenne mich bei meinem Namen.

Die Bedeutungen und die Spuren, die sie hinterlassen.

Sanfte Stimmen, die harte Worte aussprechen. Schneiden. Wunden im Erinnerungsvermögen.

Alles, was er berührte, verwandelte sich in eine Erinnerung. Erinnerungen sind Lügen.