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Was ist mit Grausamkeit? Es gibt sie zweifellos. Und sie ist eines dieser Phänomene, die mich fast reflexartig dazu bringen, zu denken: das sollte es nicht geben, so sollte es nicht sein. Mein Schutzmechanismus, um mich nicht damit auseinander setzen zu müssen. Im „wahren“ Leben.

Andererseits die Faszination für Bosch, Rembrandt, Goya, Frida Kahlo, Louise Bourgeois. Eine Faszination, die die sehr deutlich vorhandenen Grausamkeiten in ihren Werken nicht ausklammert, gar nicht ausklammern kann.

Misserfolg

Der Bürgermeister zitiert Bibelsprüche. Halb richtig und halb falsch. Aber er redet ohnehin so schnell, dass kaum etwas von dem, was er sagt, haften bleibt.

Nach seiner Rede werden der Raum und die Gäste sich erneut selbst überlassen. Ich sowieso. Inzwischen ist es 16.00 h. Um 15.30 h war meine Lesung angekündigt. Eine Lesung, für die ich mir im Vorfeld völlig überflüssigerweise Gedanken darum gemacht habe, wie ich meine Texte auf die ausgestellte Kunst abstimmen könnte. Dazu bin ich über 30 km mit dem Rad gefahren, nur um vor Ort festzustellen, dass ich zwar den Ausstellungsort besichtigen konnte, aber kein einziges der Kunstwerke, um die es gehen würde. Die Frau, mit der ich mich dort traf, hatte es offensichtlich nicht für erforderlich gehalten, mir das bei unserem vorausgegangenen Telefonat mitzuteilen. So wie es dann um 16.10 h niemand für erforderlich hielt, mich vorzustellen. „Jetzt gibt es eine Lesung. Hier kann man sitzen, die anderen können sich die Kunstwerke ansehen und mit den Künstlern ins   Gespräch kommen. Das war ziemlich originalgetreu der Ankündigungstext. Die Handvoll Menschen, die dann zur Lesung blieben, waren offenbar weniger an meinen Texten als an einer Sitzmöglichkeit interessiert. Ich versuchte es mit einem Monolog einer wütenden Frau, mit dem Dialog zwischen Rapunzel und Hans im Glück, aber ich drang nicht zum Publikum durch. Es gab kein Publikum, nur Leute, die noch eine Weile sitzen wollten, bis sie wieder herumschlendern würden. Nur weil ich vielleicht einen Menschen, der trotz allem und allem Anschein zum Trotz zuhören wollte, übersehen haben könnte, und weil der Text „Aus dem Gesicht geschnitten“ für mich nicht nur eine Hommage an Louise Bourgeois, sondern auch eine Geschichte darüber ist, warum wir Kunst machen und welche Macht Kunst entwickeln kann, habe ich auch diese Zeilen noch gelesen, bevor ich gedemütigt und ärgerlich aufgegeben habe.

Wahrheit

Die Suche (das Bohren) nach Wahrheit hielt mich am leben. Das Geheimnis meiner Angst. Was ist das für ein Geheimnis seit der Kindheit? Es hat mit Feindseligkeit zu tun – etwas stimmt mit mir nicht.

(Louise Bourgeois)

Entstehung eines Kunstwerks

1950 fand eine mehrtägige Podiumsdiskussion unter der Leitung von Robert Motherwell statt. Louise Bourgeois war dabei und stellte u.a. folgende Fragen zur Entstehung eines Kunstwerks:

Definition des Begriffs „Entstehung“ – Entstehungsprozess. Ist es der Prozess des passiven Geborenwerdens oder ein Prozess des Gebärens?

Was bewirkt,dass ein Kunstwerk geboren wird? Was ist der ursprüngliche Impuls? Was treibt den Künstler zur Arbeit? Die Flucht vor der Depression (um eine Leere auszufüllen)? Die Wiedergabe von Vertrauen oder Vergnügen? Das Verstehen und die Lösung eines formalen Problems, die Neuordnung der Welt?

(Louise Bourgeois)

Destruction of the Father Reconstruction of the Father – Louise Bourgeois

Gestern ist Destruction of the Father gekommen. Gleich der erste Satz ist aufschlussreich. Wie viele von uns hat Bourgeois keine leichte, vielmehr eine folgenschwere Kindheit erlebt. Aber sie bleibt nicht bei dieser Einsicht stehen, nicht dort, wo wir registrieren, welche Folgen bestimmte Umstände und Erlebnisse dieser Zeit noch heute für uns haben, sondern sie macht sich ihre Geschichte zu eigen, sie bedient sich ihrer magischen Kraft, die sich aus dem Dunkel und der Dramatik speisen. Nicht um (selbstmitleidig) dort zu verharren, sondern um hinaus zu gehen damit, hinaus aus sich selbst und hinaus in die Welt.

Ich heiße Louise Josephine Bourgeois. Ich wurde am 25. Dezember 1911 in Paris geboren. Der schöpferische Impuls für alle meine Arbeiten der letzten fünfzig Jahre, für alle meine Themen ist in meiner Kindheit zu suchen.

Meine Kindheit hat nie ihre magische Kraft, nie ihr geheimnisvolles Dunkel, nie ihre Dramatik verloren.

 

Netze

Missverständnisse, Erwartungen, Enttäuschungen. Das Netz, das aus vielen losen Fäden durch Zuwendung geknüpft wird.

Louise Bourgeois Spinne und dass wir (Frauen, Mütter, Künstlerinnen) vielleicht die Spinnen sind, die immer wieder versuchen, anzuknüpfen, die Löcher zu flicken, die abgerissenen losen Enden wieder zusammen zu führen. Oder ein anderes Bild: dass das Leben ein Puzzle ist, bei dem jedes Teil, jeder Splitter seinen Platz hat. Nur manchmal finden wir den Ort, an dem wir es einfügen müssen, einfach nicht. Dann bleibt diese Lücke, unsere Verzweiflung. Und dennoch ist alles da.

 

Misstrauen

Louise Bourgeois sagt, Kunst macht man nicht aus einer Absicht, oder weil man es will, weil man es vielleicht kann. Man macht die Kunstwerke, weil man muss. Weil es schlicht keine Alternative (und kein Nachdenken) gibt, außer genau das zu tun.

Ich empfinde diesen Zwang nicht. Oder er ist sehr tief vergraben unter meiner Angst, unter meinem Misstrauen mir selbst gegenüber.

Louise Bourgeois

Man ist allein geboren. Man stirbt allein. Der Sinn des Zeitraums dazwischen ist Vertrauen und Liebe. Deshalb ist der Kreis, geometrisch gesprochen eine Eins. alles kommt zu dir vom Gegenüber. Man muss in der Lage sein, das Gegenüber zu erreichen. Wenn nicht, ist man allein.