Umdrehen

Eine Verschwiegenheit lag in der Luft, verschloss Fenster und Türen vor dem Geflüster, das sich sehr langsam, sehr vollständig über alles legte, was bewegungslos war. Die Vögel flohen vor dem Geflüster in den Bäumen, die nächtlichen Schatten standen unruhig vor den geschlossenen Fenstern.

Am See, am kleinen Weiler am Dorfrand, dort wo letztes Jahr ein Mann von dem niemand viel mehr als den Namen wissen wollte, ins Wasser gegangen war, stand sie, flocht ihre Zöpfe, wartete darauf, dass die Wolken den Mond freigaben.

Wartete vielleicht auf Erlösung, auf das Schweigen der inneren Stimmen. Im schwarzen Wasser spiegelte sich ihr Gesicht. In jeder Falte eine Erinnerung und niemand außer ihr, der sich besinnt. Ihr Gesicht war unterteilt in mehrere Schichten, Geschichten, in denen sie mehr oder weniger eine Rolle gespielt hatte. Vergangene Geschichten, die nie vollständig vergehen. Tut es weh, wenn du dich umdrehst?

Was für eine Frage. Natürlich tut es weh.

Niemals hätte sie sich umgedreht, dumm und schmerzunempfindlich wie Lots Frau, wie Orpheus.

[Matrix 33-34, 2013]

 

Erinnerung

 

Erinnerung, mein nicht selbst gewähltes Thema. Ich wollte ja etwas über Heimat herausfinden. Was Heimat ist, wo dieser Ort liegt und wie unterschiedlich er sich anfühlen kann.

Die Hinweise, dass erinnern und Heimat nicht unbedingt zwei wirklich getrennte Dinge sein müssen, gab es schon früh. Schon bei der Lektüre von Valeria Luisellis Essays. Dieser Satz, dass es vielleicht nur zwei Orte gibt, an denen der Mensch wirklich zu Hause ist: Kindheit und Grab. Und dazwischen die Erinnerung. Die Vorstellung und die Erinnerung. Das Anglichen und Abgleichen. Rückschau.

Es gibt sehr eindringliche Geschichten über die Gefahr des Zurückblickens, Orpheus verliert Eurydike durch den Blick zurück, Lots Frau erstarrt zur Salzsäule. Die Geschichten leuchten mir ein. Ich begreife, dass sie etwas Weiterreichendes ausdrücken, dass sie etwas mit mir zu tun haben.

Was in diesen Geschichten fehlt, ist der Hinweis darauf, wie man es verhindert, wie man es schafft, diesem Impuls zu widerstehen, sich allen Warnungen zum Trotz umzudrehen, zurück zu blicken.