Lass mich los

Eine weitreichende Deutung der Begegnung Marias mit dem auferstandenen Jesus gelesen. Er ruft sie, aber als sie ihn berühren will, weil sie denkt, jetzt ist endlich alles wieder wie früher, stößt er sie zurück, sagt: Lass mich los. Das ist es. Und das ist schmerzhaft. Aber der andere Teil ist, dass nach dem Loslassen, dem schmerzhaften Abschied nehmen, die Möglichkeit (und sogar die Forderung) nach einem Neuanfang steht, die Auferstehung, nicht nur des gekreuzigten Jesus, sondern auch der leeren, sohnlosen Mutter. Irgendwie hat mich das getröstet, es fühlte sich an, als würde mich jemand verstehen, als hätten die Mütter schon vor 2000 Jahren so gefühlt.

Lost memories

Lost memories, das stimmt schon, ist kein vollkommen treffender Titel. Für einige der Fotos schon, diejenigen, die ich auf Flohmärkten gefunden, oder geschenkt bekommen habe, aber für viele andere eben nicht. An denen hängen sehr viele Erinnerungen, die dazu führen, dass ich mich verloren fühle, weil es häufig Erinnerungen sind, die ich nicht länger teilen kann. Weil mir schmerzlich bewusst ist, dass diese Momente endgültig vorbei sind. Manche (die meisten) der Menschen auf den Fotos leben nicht mehr, und all das ist etwas, das ich verloren habe. Die Fotos machen mir bewusst, wie viel fehlt. Die Zuversicht, der Übermut, dieser absolute Glaube an alles, mit denen man die Kindheit überlebt, die ja auch immer wieder von Enttäuschungen, von Ohnmachtsgefühlen bestimmt ist (nur dass wir das gerne vergessen). Kindheit, das ist das Leben in der magischen Welt, die irgendwann verloren geht. Und wenig später reiht sich ein Verlust an den nächsten. Als ich die Reihe begonnen habe, habe ich geschrieben, dass mich die Erinnerungen faszinieren, die in diese Bilder eingeschlossen sind, und weder geteilt werden noch dort heraus können. Sie sind Teil meiner Geschichte. Eine Geschichte, die gerade schmerzhaft ist, aber auch schön. Weil es immer darum geht, loszulassen, um würdigen zu könne, was man hat.

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Redlichkeit und wie wenig das mit Reden zu tun hat. Ausdauer und Hoffnung, Festhalten und Loslassen, den Schmerz nicht nur aushalten, sondern durch ihn hindurchgehen, bis du dich selbst vergisst, bis da nur noch der Schmerz ist und gleichzeitig, trotz allem, die Freude, dich los geworden zu sein.

Fäden

Seltsam wie mir die Träume im Kopf zergehen. Die Gedanken wechselhaft, wie der heutige Himmel und immer wieder verliere ich den Faden, den ich doch fortspinnen will. Mein Fehler, ich halte ihn fest, statt los zu lassen, wie die Müllerstochter im Märchen, die ihre Unfähigkeit anerkennt und der Hilfe zuteil wird.

 

Hilfe von andern.

 

Also war das, was sie aus sich selbst heraus geschafft hatte, ihre „Leistung“, das Aufgeben, Loslassen und Zulassen?

 

Wie mich die Fragen drehen und wenden. Und ich schaue doch immer nur zurück. Als würde in der Undeutlichkeit der Herkunft der Faden sichtbar, an dem ich hänge, wie oft ich ihn auch verlieren mag. Lasse ich ihn los, entwickelt er mich, halte ich zu fest, nimmt er mir die Luft zum Atmen.