Literaturkritik – Sandra Kegel in der Kunsthalle in Bielefeld

Natürlich war es naiv zu glauben, nur weil eine Kritikerin eingeladen ist, müsste es automatisch um die Kunst des Kritisierens gehen, um Literaturkritik und darum welches Werkzeug man dafür benötigt. Stattdessen ging es bei dem gestrigen Gespräch zwischen Kai Kaufmann und Sandra Kegel um die nun doch abgesagte Buchmesse, um Bücher als Wirtschaftsfaktor, um Zahlen und Trends, kaum einmal um Literatur an sich. Kegel selbst bewegte sich zwischen Bewunderung (oh, da geht schon wieder ein Starautor vorbei. Und Autor steht hier in der männlichen Form, weil sie so gut wie keine schreibende Frau erwähnt hat) und Überheblichkeit (diese bekannte und ermüdende Überheblichkeit des gedruckten Feuilletons, das allein die Kapazität und Autorität hat, einzuordnen, was das Siegel Literatur verdient, und was nicht). Vielleicht lag es aber gar nicht wirklich an ihr, sondern an der Art der Fragen. Wie soll jemand vom Inneren des Schreibens reden können, der es nur von außen betrachtet, als Geschäft, von dem letztendlich das eigene Auskommen abhängt?

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In einem ihrer Essays erwähnt Virginia Woolf, dass im Grunde der Schriftsteller den Kritiker bezahlen sollte, weil es kaum etwas Wertvolleres für ihn gibt, als jemand, der ein Buch gründlich und kritisch liest.

Aber geschieht das? Ist das der „Normalfall“ bei Besprechungen in der Tagespresse (in der Besprechungen ohnehin immer seltener werden), oder auf diversen Internetportalen?

Ich will nicht bestreiten, dass es diese Art von Kritik gibt, ich könnte Namen nennen, die für eine derartige wertvolle Kritik stehen, dennoch sind sie die Ausnahme. Was ich zu 80% geboten bekomme, sind Besprechungen, die sich weitaus mehr für den Kritiker, seine Erinnerungen und seine Sicht auf die Welt zu interessieren scheinen, als für das in Frage kommende Buch. Monologe statt Gesprächsbeiträge.

Literaturkritik

Nachdem ich eine Zeitlang viel zu viele Besprechungen in viel zu kurzer Zeit geschrieben habe, und dann tatsächlich so ausgelaugt war, dass das Lesen nur noch Arbeit war, folgte eine Zeit der unbewussten Totalverweigerung, ich las nur noch Bücher, die ich nicht besprechen musste und schob die Arbeit wochenlang vor mir her. Nachdem ich diese beiden Extreme nun überwunden habe, keimt die Hoffnung, ich werde möglicherweise in naher Zukunft ein gesundes Maß für mich finden.

Was bleibt sind die Zweifel, die immer wieder neu sich stellende Frage, was eigentlich die Aufgabe einer Besprechung ist, was sie leisten muss, was sie nicht leisten kann. Dazu hat Andreas Wolf auf Sichten und Ordnen kürzlich einen sehr lesenswerten Artikel geschrieben, in dem er die „Ränder der Texte“ preist, und im wesentlichen daran erinnert, dass es keine richtigen und falschen Auslegungen eines Textes gibt und, was für mich persönlich noch wichtiger ist, dass Literatur als Gespräch zu verstehen ist, jeder Text die Einladung zu einem Dialog darstellt. Dass man nicht mit jedem reden möchte, ist verständlich, aber eben nur eine persönliche Entscheidung, kein Urteil.

Manifeste der Merkwürdigkeit

 

Ich bin einer dieser merkwürdigen Menschen, die nebenberuflich Gedichte besprechen, über die sich Björn Kuhligk in seinem Beitrag zu „Manifeste für eine Literatur der Zukunft“ wundert.

Dabei weiß ich so wenig wie er, was ein Gedicht ist.

Merkwürdigerweise halte ich genau dieses Nichtwissen für eine Grundbedingung, um über Gedichte zu schreiben.

Ich schreibe, um etwas herauszufinden, nicht um ein Wissen oder irgendwelche Wertmaßstäbe abzugleichen an Lyrikbänden oder Romanen. Außer vielleicht diese Haltung, also die Frage, ob derjenige der schreibt, aus eben diesem Grund schreibt. Denn das ist ganz sicher eines meiner größten und am tiefsten verankerten Vorurteile, dass sich Literatur nur lohnt, wenn sie aus einer Neugier heraus entsteht, aus dem Wunsch, etwas herauszufinden, zu verstehen.

Für mich ist Literatur ein Dialog, und wie gut dieser Dialog gelingt, hängt immer von zwei Seiten ab, von dem, was geschrieben wurde und von dem, der es liest. Ich versuche nicht mehr, aber auch nicht weniger, als meinen Teil zu einem gelingenden Dialog beizutragen. Dafür muss ich nicht wissen, was oder wer der jeweils andere ist, ich muss nur verstehen wollen, was der Text mir sagen will und warum das funktioniert, oder auch nicht.

P.S.: Gerade habe ich meinen Fehler bei der Widergabe des Titel´s der Neuen Rundschau Ausgabe bemerkt und korrigiert. Ich hatte geschrieben: Manifeste für eine Zukunft der Literatur, vermutlich weil mir das besser gefallen hätte, es die Beiträge, die mich am meisten ansprechen, handeln genau davon.