Stolpern, Scheitern, weitergehen…

Irgendwann habe ich angefangen zu glauben, ich hätte meine Zähne verloren. Ich fing an nur noch diesen Brei aus Verständlichkeit zu kochen. Und je mehr ich verstand, um so mehr fürchtete ich mich vor unverständlichen Resten. Das, was Literatur schließlich ausmacht. Ich verlernte meine Zähne zu benutzen und verlor den Geschmack an allem, was ich nicht mehr durchdringen konnte, vor lauter Verstand, Verstehen. Weil dieses Verstehen lähmt, weil es dich festhält auf einem Standpunkt, den jede Frage, jede unbedachte Bewegung ins Wanken bringen könnte, zum Einsturz.

Und dann kam dieses Experiment. Express. Und ich war gezwungen, mich wieder zu bewegen. Das war mühsam und anstrengend, am Anfang bin ich ständig gestolpert. Aber ich glaube, es lohnt sich. Ich werde versuchen weiter zu gehen.

 

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Immer wieder diese Frage, was Literatur ist, wo sie sich befindet, wie sie in Zeit und Raum wahrgenommen wird und sich selbst verortet. Scheinbar ist da gerade ein großes Bedürfnis, sich selbst zu vergewissern.

Ein Bedürfnis, das ich vielleicht etwas zu gut nachvollziehen kann. Das der Boden ist, auf dem meine Schwierigkeiten und Unsicherheiten gedeihen. Dieses unbewusste Schwanken zwischen dem Wunsch, dazu zu gehören, und dem Wunsch, endlich nicht mehr dazuzugehören zu wollen. Denn ich bin ja wirklich in nichts eingebunden, aber mir fehlt auch das Selbstbewusstsein von einem Ort, der außerhalb liegt, zu sprechen. Ich bin keine Dichterin, ich bin keine Literaturwissenschaftlerin, ich habe keine Poetologie, nur meine Neugier und die Liebe zur Sprache. Und leider (diese Art von Überfluss): meine Unsicherheit.

 

Bücher besprechen

Vielleicht ist es das, was mich so müde macht; dass ich immer noch denke, es müsste ein „Fertigwerden“ geben. Auf einmal weiß man, was das ist: ein Gedicht. Auf einmal, weiß man, wie Sprache funktioniert, was Literaturkritik soll und kann. Als käme man irgendwann zu dieser einen alles erklärenden allgemeingültigen Antwort.

Dabei ist es ja – zum Glück – ganz anders. Man lernt nicht aus, weil sich alles ständig verändert, weil jede Antwort nur vorläufig sein kann, jeder Text eine neue Herausforderung ist, der man sich stellen muss, alles andere ist eine Kapitulation. Weil es kein Ankommen gibt, höchstens Pausen im Unterwegssein. Und das ist gut so, sogar sehr gut. Auch wenn es manchmal furchtbar müde macht.

Zwischen Begreifen und Beschränkung – Die Zukunft der Literatur

Anlässlich ihres 50jährigen Bestehens fragte die Literaturzeitschrift Text und Kritik nach der Zukunft der Literatur.

Gerhard Falkners Antwort ist eine Warnung.

Eine Warnung vor dem Primat der ökonomischen Verwertbarkeit.
Wie soll sich etwas entfalten, fragt er, das von vornherein „nützlich“, wirtschaftlich sein muss?
Derartige Bedingungen begünstigen eine „Literaturimitation“, d.h. es wird Literatur hergestellt, die sich eignet, Anträge zu stellen, alle und alles bleibt tunlichst an der Oberfläche, denn „sie wollen nicht wissen, was sie tun.“
Um dieses Nicht wissen wollen geht es im Kern. Als Folge einer verkümmernden Literaturproduktion und als etwas, das mit dieser Art von Literatur und deren Verbreitung einhergeht.
Literatur wird in erster Linie als Kommunikation betrieben, als Tauschware gegen Aufmerksamkeit und vor allem Zugehörigkeit in einem wirtschaftlich funktionierenden Betrieb. Naturgemäß passt der „innere Monolog“, der „bis vor zwei oder drei Jahrzehnten die Energiequelle der Literatur schlechthin“ war, nicht länger in so ein Konzept.
„Das Internet“, schreibt Falkner, „stellvertretend für das ganze gigantische Mediengebilde, ist die Zeit, die der Literatur verloren gegangen ist.“
Es leuchtet ein, dass in dieser Atmosphäre kein Platz ist für die „Wiedererfindung des Selbst in einem Zeit-Raum, der in aller Absicht nicht der Effektnützlichkeit von Geld-, Sozial- oder Muskelwerten dient“ (Ulrike Draesner im selben Band).
Reflektion findet kaum mehr statt. „Das Spiel mit dem eigenen verebbt“ (Falkner). Die „Kommunikationsnarkose“ lässt den inneren Monolog langsam aber sicher absterben.

Unterstützt wird dieser Prozess von der Literaturkritik, die ebenfalls Marktzwängen unterliegt. Feuilletons werden kaputt gespart und verkommen zu Werbeplattformen des marktkonformen Literaturbetriebs. Nicht zuletzt weil Zeit und Geld fehlt, um anspruchsvolle Literatur angemessen besprechen zu können. „Jeder Kritiker muss komplexe Literatur quasi auf „eigene Kosten“ besprechen, und die Kluft zwischen Aufwand und Ertrag wird immer unsinniger.“

„Literatur schenkt uns Zeit, unser eigenes Leben zu begreifen“, schreibt Ulrike Draesner, und die Zukunft der Literatur wird entscheidend davon abhängen, für welche Werte wir uns einsetzen, bzw. wer vor lauter Wirtschaftszwängen und Funktionieren noch den Mut findet, das eigene Leben und die eigene Beschränktheit zu begreifen.

Manifeste der Merkwürdigkeit

 

Ich bin einer dieser merkwürdigen Menschen, die nebenberuflich Gedichte besprechen, über die sich Björn Kuhligk in seinem Beitrag zu „Manifeste für eine Literatur der Zukunft“ wundert.

Dabei weiß ich so wenig wie er, was ein Gedicht ist.

Merkwürdigerweise halte ich genau dieses Nichtwissen für eine Grundbedingung, um über Gedichte zu schreiben.

Ich schreibe, um etwas herauszufinden, nicht um ein Wissen oder irgendwelche Wertmaßstäbe abzugleichen an Lyrikbänden oder Romanen. Außer vielleicht diese Haltung, also die Frage, ob derjenige der schreibt, aus eben diesem Grund schreibt. Denn das ist ganz sicher eines meiner größten und am tiefsten verankerten Vorurteile, dass sich Literatur nur lohnt, wenn sie aus einer Neugier heraus entsteht, aus dem Wunsch, etwas herauszufinden, zu verstehen.

Für mich ist Literatur ein Dialog, und wie gut dieser Dialog gelingt, hängt immer von zwei Seiten ab, von dem, was geschrieben wurde und von dem, der es liest. Ich versuche nicht mehr, aber auch nicht weniger, als meinen Teil zu einem gelingenden Dialog beizutragen. Dafür muss ich nicht wissen, was oder wer der jeweils andere ist, ich muss nur verstehen wollen, was der Text mir sagen will und warum das funktioniert, oder auch nicht.

P.S.: Gerade habe ich meinen Fehler bei der Widergabe des Titel´s der Neuen Rundschau Ausgabe bemerkt und korrigiert. Ich hatte geschrieben: Manifeste für eine Zukunft der Literatur, vermutlich weil mir das besser gefallen hätte, es die Beiträge, die mich am meisten ansprechen, handeln genau davon. 

 

 

 

 

03. März

Über Nacht sind wir groß geworden

wir singen: wir waren klein“ …

Diese Zeilen aus einem Gedicht von Fouad El-Auwad, das ich gestern morgen gelesen habe, begleiteten mich durch den ganzen Tag. Schmerzlich schön. Wobei das „schön“ sich in diesem Fall nur darauf bezieht, dass jemand Worte gefunden hat für den Schmerz, unter dem ich gerade in der letzten Zeit wieder so sehr leide. Verlust. Verlust der Kinder, der eigenen Jugend, Gesundheit, Perspektiven. Vor lauter fehlender Zukunft keine Gegenwart mehr.

Dumm, aber momentan unheilbar. Nur unterbrechbar, durch schöne Momente und Literatur. 

Ulrike Draesner

Ulrike Draesner am 13.02. im ZiF Bielefeld
Ulrike Draesner am 13.02. im ZiF Bielefeld

Gestern abend bei der Veranstaltung mit Ulrike Draesner im ZiF mal wieder begriffen, dass Konkurrenzdenken in der Literatur lediglich ein Zeichen von Eitelkeit ist, während es eigentlich darum geht zu verstehen, was Sprache kann, wie Literatur als Erkenntnisinstrument funktioniert. Oder wie Didion es ausdrückt, dass wir einander Geschichten erzählen, um zu leben.

24. Januar

Die Literatur ist im Grunde genommen wie diese Sehnsucht nach einem den eigenen Horizont erweiternden Gespräch, aber hier wie dort ist es viel häufiger, dass lediglich längst Bekanntes endlos wiedergekäut wird. Häufig genug mit einem unangenehm überzogenen Selbstbewusstsein. Schwer zu entscheiden, wo die Grenze verläuft zwischen dem, was notwendig ist, um überhaupt gehört zu werden und dieser irritierend zur Schau gestellten Selbstliebe.

Vielleicht weil ich von dem einen zu wenig habe, erscheint mir das andere schnell zu viel.