Frau sein

Ich scheine nur noch biografische Bücher zu lesen. Oder meinetwegen Autofiktionen. Angefangen hat es vielleicht mit Helene Cixous Homère. Und jetzt in letzter Zeit: David Wagners vergesslicher Riese, Maggie Nelsons Rote Stellen, Frank Witzels Inniger Schiffbruch, und – gerade ausgelesen – Mely Kiyaks Frausein.

Und nach diesem Buch dämmert mir ein wenig, warum ausgerechnet diese Bücher zu mir kommen, es geht um die Erkenntnis, die Kiyaks Buch eindrücklich vermittelt: Überhaupt ist Frau sein ein eindrucksvolles Dokument, wie wirklich bedeutende Literatur von einer schmerzhaft aufrichtigen Selbstbefragung lebt. Von dem Wagnis, den sicheren Boden aus Gewissheiten und Übereinkünften radikal subjektiv zu befragen. Um herauszufinden, wer man wirklich ist, jenseits von Erwartungen und Zuschreibungen. Der schwere, voraussetzungsvolle Weg zur einer befreiten und tiefen Wahrnehmung seiner selbst. Als Frau.

Es soll Sterne regnen

Tatsächlich wäre ohne Fixpoetry, ohne diese sich ständig weiterentwickelnde, immer wieder kritisch und bei aller Kritik begeistert und engagiert und sowohl der Literatur als auch denen, die sie machen,  zugewandten Seite einiges anders verlaufen in meinem Leben. Ich selbst hätte mir niemals zugetraut Besprechungen zu schreiben, aber Julietta Fix hat mir diese Chance gegeben und jetzt schreibe ich seit vielen Jahren mit nicht nachlassender Begeisterung.

Aber Fixpoetry ist so viel mehr. Wen habe ich nicht alles entdeckt dank dieses Ortes, der offen ist für alles und die Augen öffnet für all das, was es auch noch gibt in der großen und zunehmend unübersichtlichen literarischen Welt.

Ich möchte mir nicht vorstellen müssen, wie diese Plattform verschwindet, ich möchte vielmehr sehen, wie die Entwicklung weitergeht. Am liebsten sehen, wie die Entwicklung weitergehen könnte, wenn die Sorge um finanzielle Unterstützung wegfallen würde.

Wenn jeder von uns, der hier liest und von der unermüdlichen Arbeit Juliettas und ihres Teams profitiert, wenigstens ein Sternchen  spenden  würde, und ich wage zu behaupten, dass jeder das finanziell stemmen kann, dann hätte Fixpoetry nicht nur die Lippenbekenntnisse und Leserinnenzahlen als Rückhalt, sondern wenigstens ein wenig Geld, um sich auf das konzentrieren zu können, was diesen Ort so wertvoll macht: unabhängig und neugierig über Literatur zu reden.

Ich bin ab heute ein Stern. Bitte macht mit!

Was ist Literatur?

Marlene Streeruwitz definiert Literatur als „Schreibung“ statt als Beschreibung von Welt. Der Versuch einer Konstruktion (oder Revolution?). Sie schreibt: „Ein Modell der Welt in Sprache“. Und: „Die in der Sprache hergestellte Figur von Welt hat die Fähigkeit, sich zwischen den Blick auf die Welt zu schieben. […] Literatur ist damit der Kampf gegen die Endlichkeit im Bericht über die Not, leben zu müssen.“

Über Kanonbildung und Literaturpäpste sagt sie: „Das ist kein interessierter Blick. Das ist ein Blick der Interessenslagen.“

„Literatur ist immer schon Beschädigtheit, Unvollkommenheit, Verzweiflung. Unerträglichkeit […] Sie verschafft der Bedürftigkeit und dem Begehren Zeit.“

Sie schreibt dies in der Neuen Rundschau 2019/1: „Jenseits von Raum und Zeit. Phantastische Literatur im 21. Jahrhundert.“ Der gesamte Text ist hier.

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Ich hätte sie fragen können, ob sie tatsächlich so langweilig ist, wie es scheint. Warum sie sich die Haare färbt, statt zu ihrem körperlichen Verfall zu stehen, und warum sie es nicht persönlich genommen hat, als ich gesagt habe, angesichts so viel großartiger Literatur um mich herum, hätte ich aufgehört eigene mittelmäßige Werke zu verfassen.

Zur Notwendigkeit eines reinen Frauenpreises

Literaturzeitschriften, Literaturpreise, Kritikerstimmen, überall dominieren Männer. Selbst in der neu gegründeten Lyrikkritik Akademie gibt es mehr männliche Dozenten als weibliche, die Grundlagentexte, die bislang behandelt wurden: Männer, die über Männer reden. Ganz klar: wir haben es mit einem strukturellen Problem zu tun.

Genau deshalb brauchen wir so etwas wie den von Fixpoetry ausgeschriebenen Gertrud Kolmar Preis. Um neue Strukturen zu schaffen. Einen großen Dank an Julietta Fix für ihren unermüdlichen Einsatz neue Räume und Strukturen zu schaffen, um das Reden über Literatur noch reichhaltiger und weiter zu machen.

 

26. 08. 2018

Manchmal muss irgendetwas mich daran erinnern, wie unglaublich wertvoll mir Literatur ist. Sätze, die nicht einfach etwas behaupten, die nicht vorgeben, Wahrheiten und Fakten auszubreiten, sondern sich in den Dienst des Zweifels und der Ambivalenz stellen. Die damit Leerstellen öffnen, Abgründe. Aber auch die Möglichkeit, zu träumen, selbst zu denken. Weil nichts feststeht, außer der Bewegung. Durch Denken und Lesen.

Solche Sätze, wie sie in Tristan Marquardts „parzival lexikon“ nachzulesen sind:

„nur gleiche möglichkeiten führen zu anderen ergebnissen.“

oder:

„was ich erfinde, sagt der erzähler, ist, wie ich das,was ich vorfinde, erzähle, eine geschichte, wie passiert, was passiert.“

 

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Kerstin Eckstein
Kerstin Eckstein

Was, wenn die Sätze denken? Eigenständig und mit dieser Art von Unabhängigkeit, um die ich mich so lange schon erfolglos bemühe? Wenn die Sätze sowohl klug als auch unbeschwert sind? Und weitere Sätze mit einer fraglosen Selbstverständlichkeit nach sich ziehen, ungeachtet dessen, was derjenige, der sie schreibt, preisgeben möchte. Wenn sie ihm rücksichtslos die eigene Eitelkeit austreiben?

Und wenn niemand diese Sätze liest, verlieren sie dann ihre Gültigkeit? Oder ermöglichen sie überhaupt erst den Gedanken an Gleichgültigkeit? Was wenn die Sätze selbstbewusst denken und alles in Frage stellen, ohne sich um Antworten zu bemühen? Diese Art von Antworten, die beruhigen sollen und besänftigen.

Entsteht dann große Literatur?

12. Januar

Die Lichter der Stadt. Der Raum der Nähe. Wie das eine verblasst, während das andere verschwindet, und was bleibt, ist der Raum der Literatur, der scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten bietet, weil er sich sogar dann noch verändert, wenn etwas festgeschrieben steht.

Stolpern, Scheitern, weitergehen…

Irgendwann habe ich angefangen zu glauben, ich hätte meine Zähne verloren. Ich fing an nur noch diesen Brei aus Verständlichkeit zu kochen. Und je mehr ich verstand, um so mehr fürchtete ich mich vor unverständlichen Resten. Das, was Literatur schließlich ausmacht. Ich verlernte meine Zähne zu benutzen und verlor den Geschmack an allem, was ich nicht mehr durchdringen konnte, vor lauter Verstand, Verstehen. Weil dieses Verstehen lähmt, weil es dich festhält auf einem Standpunkt, den jede Frage, jede unbedachte Bewegung ins Wanken bringen könnte, zum Einsturz.

Und dann kam dieses Experiment. Express. Und ich war gezwungen, mich wieder zu bewegen. Das war mühsam und anstrengend, am Anfang bin ich ständig gestolpert. Aber ich glaube, es lohnt sich. Ich werde versuchen weiter zu gehen.