Zimmer

Und dann liegt man in benachbarten Zimmern, getrennt von der Zeit, verbunden durch Liebe, die manchmal keine Nähe verträgt, keine Worte findet, und auch das Schweigen tut weh. Das Fenster ist geöffnet. Es sind die letzten Tage im Mai. Und ich würde gerne jeden Tag ein Jahr zurück reisen, immer jünger werden, immer unerfahrener. Schließlich wieder ein Kind sein, merken, es ist nicht das Paradies, in das ich zurückkehre, und endlich verschwinden im dämmrig roten Licht eines Mutterleibs.

Verlieren und Finden, Ohnmacht und Liebe

Ich frage mich, wie ich immerzu von mir selbst schreiben kann, vom Verlieren und Finden und wieder verlieren, wenn kurz zuvor 49 Menschen in einem Club erschossen wurden, wenn kurz danach ein Polizist und seine Frau ermordet werden, und ein traumatisiertes dreijähriges Kind zurückbleibt. Wenn wieder wenig später, Jo Cox, die für Toleranz und Gerechtigkeit kämpfte, auf offener Straße ermordet wird. Warum es mir nicht gelingt, wütend zu werden, verzweifelt meinetwegen. Aber es reicht nur zur Resignation. Dazu im Kleinen weiter zu machen. Dem Hass, dem Terror, der Angst und der Hilflosigkeit immer wieder Liebe entgegen zu setzen. Und, so egoistisch und infam es auch ist, dankbar sein dafür, dass es meine Familie nicht getroffen hat.

Geburt

Zum Tag meiner Geburt habe ich meine Mutter begleitet. Wir kämpften von unterschiedlichen Richtungen, während sich das Licht brach, schworen wir einander nicht aufzugeben. Die Hoffnung nicht zu verlieren, die Zuversicht. Ich versprach ihr: durch mich wirst du geboren. Sie versprach mir, ich werde dich niemals verlassen, du wirst kaum einen Unterschied fühlen. Und die Natur und die Menschen um uns herum waren unermüdlich bei ihren Bestrebungen, uns zu trennen. Du wirst ihn endlich ansehen können, sagten sie ihr, ihn im Arm halten, aber meine Mutter wusste, sie vertrieb uns beide aus dem Paradies, wir waren auf dem Weg von der Vorstellung in die Wirklichkeit. Unumkehrbar dieser Weg. Und so lag ich wenig später blutverschmiert auf ihrem Bauch, während sie schon in diesem Moment die Schmerzen vergessen hatte und zögerlich versuchte an sich zu glauben. Zu glauben, die Liebe mit der mein Anblick sie überschwemmte, würde schon genügen, um nicht alles verkehrt zu machen. Würde die Angst überwinden können und die Unsicherheit.

Meine Mutter

Meine Mutter, die, so wird mir jetzt klar, von Anfang an damit beschäftigt war, zu verschwinden, zu sterben, die sich immer nur auf das Vergehen der Tage konzentriert hat, wie ein Gefangener, der die Tage abstreicht. Die behauptete, uns zu lieben, für uns da zu sein. Und vielleicht glaubte sie wirklich auf das Sterben zu verzichten, zu warten, bis es irgendwann von selbst eintreten würde, und bis dahin die notwendigen Arbeiten mechanisch auszuführen, würde genügen. Zu kochen, zu waschen, unsere Nasen zu putzen, wäre Liebe genug.

 

Vielleicht hat sie Angst vor dem Sterben gehabt, vielleicht ein schlechtes Gewissen, den selbstauferlegten Zwang, immer für uns da zu sein. Jedenfalls hat es lange gedauert, bis sie es wagte, bis sie manchmal, wenn ihr alles zu viel wurde, sagte: geht jetzt bitte. Lasst mich allein. Mit diesem schmerzverzerrten Gesicht, weil sie wusste, dass sie nichts schlechter erträgt, als allein zu sein.

(34)

Was wir aufgeben, wenn wir aufhören, mit Steinen zu sprechen, ist die Leichtigkeit, die Möglichkeit alles zu sein und zu tun, weil wir uns nicht von unserem Verstand auf dem Boden festhalten lassen. Weil wir den Gedanken nicht erlauben, dass sie uns die Flügel stutzen. Was wir immer noch haben, auch wenn wir nicht mehr mit Steinen sprechen können, ist unsere Liebe, die jeden Stein zu einem Lebewesen machen kann.

 

Fliessen

Ich verlerne zu sprechen. Aber ich beobachte. Ich sehe:

 

Auf diesem Bild: der Rücken noch gesund, die Haare lang, schwarz, aber hinter der Stirn schon der Kummer um all die gerade noch Lebendigen. Das Auswachsen der Kindheit, in einem langen stetigen Fluss des für immer Unbegreifbaren.

 

Wir schlagen Brücken, oder wir brechen ab. Einige von uns ertrinken: In ihrem Gewissen. In ihrem Überfluss. In ihrer unerwiderten Liebe.

 

Die Zeit heilt Wunden, indem sie neue reißt.

 

(12)

Sie begann sich zu verlieren, an die Vernunft. Alles wollte ihr Verstand erklären, bevor sie die Möglichkeit hatte, es zu empfinden. Wenn sie sich zu wehren versuchte, schickte der Geist ihr Erinnerungen. Sie sollten ihr zeigen, was sie verloren hatte, wie viel sie versäumt hatte, und in wie vielen Fällen sie jämmerlich versagt hatte.

Manchmal wurde sie aufmüpfig und fragte: Was ist Versagen? Etwas Unausgesprochenes? Ein Bild, auf dem man nichts erkennt? Eine Liebe, die man nicht einmal zurückweist, weil sie einen gar nicht erst erreicht? Eine Nachricht, die sich selbst auslöscht, bevor sie über die albern schmerzhafte Selbstbezogenheit hinausgehen kann?

Jeder Buchstabe ist ein Schritt zu auf deinen Tod, mahnte der Verstand, und sie glaubte (und fühlte!) es selbst nicht, wenn sie antwortete: Aber jeder dieser Schritte heißt Leben, selbst der letzte noch. Erst nach den Schritten, dem Atem, ist Tod.

19. Januar

Unsere blassen Gesichter in der Bahn, gespiegelt von anderen durchscheinend weißen Gesichtern.

Ein Kind steigt mit seinen kurzen Beinen tapfer die hohen Stufen des Ausstiegs herab. Keiner hat es eilig. Zwei Frauen lächeln einander erleichtert zu, als das Kind die große Aufgabe ohne Zwischenfall bewältigt hat.

Es ist wahr, wirklich aufregend und bereichernd ist das Schreiben nur, wenn ich zu Beginn keine Ahnung habe, was am Ende auf dem Papier stehen wird.

 

Worüber kann ich reden, welche Fragen stellen, wenn ich glaube, dass am Ende nichts bleibt? Und ich mich nicht einmal freuen kann, wenn mein eigenes Buch in meiner Lieblingsbuchhandlung im Regal steht? Wenn alles nur vorläufig ist, weil jeder Moment der Gegenwart mich mit der Vergangenheit konfrontiert.

Dieses unerträgliche Paradox, dass die Liebe zu meinen Kindern von Anfang an bedeutet, sie zu befähigen, ohne mich zu überleben, zurecht zu kommen, glücklich zu sein.

 

Irgendwann werde ich aufhören, Tagebuch zu schreiben, um wieder Geschichten zu verfassen. Eine in der irgendwann diese Worte fallen: „Zwing mich nicht, glücklich zu sein. Ich habe kein Talent dazu.“