Ein Streifen Licht

Aussterben war schließlich das einfachste, was ich tun konnte. Mich von den schlichten, schlichtenden Worten zurückziehen ins Schweigen. Dort ist es dunkel und warm. Manchmal öffnet jemand die Tür einen Spalt breit und ich fürchte mich vor dem einfallenden Licht, den unbehausten Geräuschen. Manchmal fürchte ich mich, wenn niemand die Tür öffnet und nicht einmal unter der Tür ein winziger Streifen Licht sichtbar wird. Und das Schweigen sich mit einem Mal so eng um mich legt, dass ich nicht mehr atmen kann. Als wolle es mich fressen. Ein Spiel, das gefährlich ist, wenn man es allein spielt. Also versuche ich Umrisse zu erkennen. Dort die Wand, an der der Spiegel hängt, hier das Bett und da die Tür, die sich irgendwann wieder öffnen wird. Als könnte ich sie nicht selbst öffnen. Aber vielleicht kann ich das wirklich nicht.

Wenn ich mich ein wenig beruhigt habe, lege ich mich auf das Bett, starre an die Decke, oder schließe die Augen. Wichtig ist, Geduld zu haben und sich nicht zu rühren. Dann erscheint die Motte mit dem Krückstock. Manchmal trägt sie einen roten Hut. Meistens ist sie barhäuptig und immer sehr gebrechlich. Als sie das erste Mal erschien, habe ich mich gefürchtet. Aber sie hat mir erklärt, dass ich ohnehin ein sehr schreckhafter Mensch sei, gefangen in den engen Grenzen dessen, was ich mir vorzustellen erlaube. Eigentlich, meine die Motte, und schwang ihren Stock, bestünde ich vorwiegend aus Verboten. Verboten – Vorboten, sagte sie, und begann zu kichern. Ich verstand nicht, was sie meinte. Ihre Art zu reden war so ungewöhnlich. Sie beschrieb in auffällig gewundenen Worten, wie die Welt auch sein könnte. Manchmal nachdem sie mir, den Stock schwingend, einen ihrer Vorträge gehalten hatte, träumte ich von diesen Möglichkeitsräumen.

 

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Die wenig geöffneten Augen, und wie das Licht hinein fällt. Fällt und fällt, ohne jemals anzukommen, bevor es dumpf aufschlägt auf einem Boden, der alles schluckt und nichts reflektiert

Lichtmuster

Die unterschiedlichen, über das ganze Haus verteilten, Lichtquellen. Die Unfähigkeit, Einzelheiten so zusammen zu fügen, dass sie einen Sinn ergeben, ein Muster. Eine von diesen überlebensnotwendigen Geschichten. Stattdessen einfach weitermachen. Wenig später das „einfach“ streichen und nur noch weitermachen.

Eine Altarkerze anzünden, aber längst keinen Wunsch mehr haben, den man mit der neu entzündeten Flamme verbinden könnte. Nur eine weitere Lichtquelle. In einem anderen Haus.

Glaube

Das Licht malte Kreuze in die Zimmer, wie in den minimalistischen japanischen Kirchen. Es gab die Augen der Kinder. Und niemanden mehr, der sie ansah. Es gab die Trauer. Und keine Möglichkeit, sie zu teilen.

Keine Augenblicke, keine Wut, nur diesen tauben Schmerz und das Versprechen, er werde ewig bleiben.

Alte Schattenbilder, neue Schattenbilder.

Das Beste, was du erreichen kannst, ist eine gewisse Ähnlichkeit.

Und dann der Moment. Das Messer.

Wenn keiner dir glaubt.

 

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Sebastião Salgado: „Schwarz-weiß ist eine Abstraktion, es erlaubt mir die Konzentration auf das, was ich Würde nenne, auf das Essenzielle.“

 

Ein Satz, den ich nur halb verstehe. Ästhetisch leuchtet mir das völlig ein, Abstraktion, keine Ablenkung durch Farben, nur Formen, Licht und Schatten. Aber wenn es um Würde geht, um das Essenzielle (was ist das Essenzielle?), sind da nicht gerade die Grautöne wichtig? Macht da eine reine Abstraktion nicht alles kaputt?

 

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Woher kommt diese Faszination für Rembrandt, für die alten Meister? Das Licht und die Feinheit der Züge. Der Eindruck, dass es beständig dunkel ist auf diesen Bildern, el Greco, Rembrandt, der Hintergrund, die Kleidung. Ganz anders als bei Bosch mit seinen albtraumhaften Gestalten, die sich im Licht baden, in Helligkeit ausbreiten. Was liegt bei den einen im Dunklen, was wird bei den anderen ins Licht gesetzt?

Licht und Wasser. Die Unfähigkeit meines Denkens so leuchtend und durchsichtig zu werden.