Was ich nicht schreibe…

wenn ich für die Kulturberichterstattung schreibe:

Dass bei der Lesung von Norbert Scheuer eine Frau neben mir saß, die in der Wartezeit, bis die Lesung begann, eifrig im Roman „Winterbienen“ las, sich plötzlich mit empörtem Blick mir zuwandte und auf Kai Kauffmann (Moderator des Abends) weisend, sagte: „Der sieht ja ganz anders aus“, auf das Autorenfoto im Buch zeigend, „so sieht der doch wirklich nicht aus!“

Und wie um den Schreck der Verwechslung zu verarbeiten, während der Lesung auf der Rückseite des Veranstaltungszettels, Portrait um Portrait vom echten Norbert Scheuer anfertigte.

Saša Stanišić (und Tilman Rammstedt) in Bielefeld

 

Zu seiner ausverkauften Lesung in Bielefeld hatte Sasa Stanisic Tilmann Rammstedt mitgebracht. Oder jedenfalls seine Kommentare zu und Ratschläge bezüglich Bielefeld. So schützte eine von Rammstedts SMS Stanisic davor im „bösen“ (Rammstedt) Knigge einzukehren, und stattdessen zu beobachten, wie ein Mann mitgebrachte Trauben schälte und in sein Weinglas gab. Oder kurz, wie das eben so ist, wenn ein Nichtort zeitweise der Standort ist.

Wie dem auch sei, Stanisic hat diesen Ort jedenfalls einen Abend lang bereichert. Denn seine Lesung war eine von den Lesungen, die ein echter Zugewinn sind. Das lag nicht nur an seinem sehr professionellen Vortrag, bei dem er mit seinen Gesten die eigenen Worte dirigierte, sondern ganz besonders an der Art und Weise, wie er nach der Lesung auf die Fragen einging.

Natürlich wurde er nach seinem ersten Buch „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ gefragt, und wie es denn komme, dass dieses Buch „Vor dem Fest“ so anders sei, in Deutschland spiele und auch gar nichts mehr mit dem Krieg, mit Flucht und Vertreibung, nicht einmal mit der verlorenen Heimat zu tun habe.

Sein erstes Buch, erzählt Stanisic daraufhin, habe er aus einem inneren Archiv geschöpft, die Geschichten erzählt und aufgeschrieben, die sich in seine Träume schlichen und die Tage bedrückten. Schon nachdem das Buch beendet war, habe er ein ganz anderes Buch schreiben wollen, aus einer beobachtenden Perspektive. Und dann war da noch das Thema des Verschwindens. Vor vier Jahren habe er ein kleines Dorf in Bosnien besucht, in dem nur noch dreizehn Menschen lebten, und das einen engen Bezug zu seiner eigenen Familiengeschichte hat. Dieses verschwindende bosnische Dorf wurde das Vorbild für ein Dorf in Deutschland, das Stanisic mit Worten erschaffen und dennoch in der Realität verorten wollte. Auf diese Weise ist Fürstenfelde entstanden, ein Dorf mit einer ganz eigenen Mythologie, zusammengestellt aus alten Archiven der Uckermark und Geschichten aus Bosnien, ein Dorf, das eine Brücke zwischen den Nationen baut, weil es seine Wurzeln in zwei unterschiedlichen Kulturkreisen hat.

Stanisic jedenfalls ist wie seine Bücher: sprachgewaltig, humorvoll und liebenswert.

 

 

Nächsten Freitag schon was vor?

Wer die Geschichte „Regen“  zusammen mit anderen Geschichten die in Bielefeld spielen, hören möchte, unterbrochen von guter Livemusik vom Gitarrenduo Gitarrissiomo (Manfred Matulla und Mark Scheel), der ist herzlich eingeladen am 18. November um 20.oo h, in die Auto-Kultur- Werkstatt in der Teichstr. 32  zu kommen. Dort stellt die Bielefelder Autorengruppe ihr Buch: „Flüsse ausgraben – literarisches Treibgut aus Bielefeld“ vor. Das Buch ist illustriert mit Fotos von Oliver Meyer.

Mehr Informationen hier.