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Häufig, wenn sie da steht, und ihre Leistungen, die weder besser noch schlechter sind, als die der anderen, nicht verteidigen kann, fragt sie sich, warum das nirgendwo gelehrt wird, zu sich zu stehen, Selbstbewusstsein, oder so ein selten benutzter Begriff wie „Würde“. Oder hat nur sie niemanden gehabt, der ihr das beigebracht hat? Hat sie die Lektionen einfach nicht verstanden?

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Sie fürchtet sich. Sie will gefallen. Aber sie spürt, wie ihr das immer weniger gelingt. Es ist nicht möglich, anderen zu gefallen, solange man sich selbst nicht gefällt, dieser Satz geht ihr durch den Kopf, ohne wirklich in ihr Bewusstsein zu dringen.

 

Wenn ich schreibe bin ich bei den Menschen, nicht im Gefängnis,

schreibt der seit Jahrzehnten zu Unrecht Inhaftierte. Was fängt man an mit Sätzen, die man versteht, ohne sie zu begreifen?

 

Auf einmal wird ihr Herz weit, sie spürt ihr Blut pulsieren. Sie sieht den blauen Himmel, spürt die klare kalte Luft und für einen kurzen Moment spürt sie wirklich, dass nichts fehlt, dass alles in Überfülle vorhanden ist. Es ist nur ihr Denken, das die maßlose Freude und Lebenslust begrenzt, zusammenstutzt, und zu etwas Unbedeutendem werden lässt. Zu einer Leere, die nur durch Leistung gefüllt werden kann.

Fäden

Seltsam wie mir die Träume im Kopf zergehen. Die Gedanken wechselhaft, wie der heutige Himmel und immer wieder verliere ich den Faden, den ich doch fortspinnen will. Mein Fehler, ich halte ihn fest, statt los zu lassen, wie die Müllerstochter im Märchen, die ihre Unfähigkeit anerkennt und der Hilfe zuteil wird.

 

Hilfe von andern.

 

Also war das, was sie aus sich selbst heraus geschafft hatte, ihre „Leistung“, das Aufgeben, Loslassen und Zulassen?

 

Wie mich die Fragen drehen und wenden. Und ich schaue doch immer nur zurück. Als würde in der Undeutlichkeit der Herkunft der Faden sichtbar, an dem ich hänge, wie oft ich ihn auch verlieren mag. Lasse ich ihn los, entwickelt er mich, halte ich zu fest, nimmt er mir die Luft zum Atmen.