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Die alleinerziehende Nacht.

Wir vertrauen uns unseren Ängsten an. Verbiegen (verbieten?) uns unter der Angst, die wir uns auferlegt haben. Unsere Angst machte dem Leben Angst. Es traute sich nicht an uns heran. Ich starb ihm unter den Händen weg, überwacht vom Schmerz, meinem ständigen Begleiter.

Ich sammle jetzt Türgriffe

Ich saß auf dem Sofa, sah dem Regen zu und dachte daran, wie oft ich mich jetzt schon aus meinem Leben ausgeschlossen hatte, und immer wieder vor der Tür stand und reinwollte. (ich sammle jetzt Türgriffe. Hast du das gewusst?)
Ich stellte mir vor und dann ging ich durch diese Vorstellung hindurch, als sei es eine Wand. (Ich kann jetzt durch Wände gehen. Hast du das gewusst?) Ich stellte mir vor, wie ich mich mit mir an einen Tisch setze. Der Tisch dunkel und viereckig, aus Holz. Wie wir uns gegenübersitzen, uns kampflustig anschauen, wie jede von uns darauf wartet, dass die andere den Anfang macht, wie wir langsam müde werden und weicher. Und schließlich aufstehen, weil wir merken, dass keine von uns der anderen etwas zu sagen hat.

Warten

Du musst die Träume von den Bäumen pflücken, sagte ihr Vater. Aber du darfst sie nicht anschauen. Lege sie in einen gläsernen Sarg und begrabe sie unter dem Laub des Lebens.
Dann musst du warten, sagte er. Ein ganzes Leben lang haben wir dir beigebracht, wie Warten geht. Das Warten ist der einzige Weg, den jeder betreten kann.
Deine Mutter, sagte ihr Vater, die glaubt an Flügel, an Engel, an den Wind. Aber das sind nur andere Namen für das Warten, glaub mir.
Es ist wichtig, dass eine glaubt, wenn sie wartet. Dann verlieren die Träume die Farbe und ergeben ein Bild.

Empfänger unbekannt

Ich werde gehen, ohne mich von der Stelle zu bewegen. Vielleicht kann das nur ich. Oder es ist die normalste Sache der Welt. Alle machen es so. Nur ich, in meiner grenzenlosen Ignoranz und Blindheit, erkenne es nicht. Bemerke nichts davon. Sehe nur mich. Ohne etwas zu erkennen.

Mein Leben, das mir ständig sehnsüchtige Briefe schreibt, aber immer kommen sie ungelesen zurück. Empfänger unbekannt verzogen. Empfänger unbekannt.

Teil

Erst lebte er, dann starb er.

Erst sehnte er sich nach Beachtung, dann sehnte er sich nach Ruhe.

Erst war er weich und warm, dann wurde er alt und kalt.

Zwischen den Gegensätzen fand sein Leben statt.

Häufig versteckte er sich vor dem Leben. Manchmal fand es ihn dennoch. Und manchmal nicht.

Die Bäume wuchsen weiter, seine Kinder wurden dennoch geboren. Der Kreislauf begann von vorn. Und so sehr er sich auch weigerte, es hinzunehmen, anzuerkennen, zu sehen, – er war ein Teil davon.

Ein widerständiges Teil, ein fügsames Teil, ein spielendes, liebendes, verzweifeltes, sterbendes, unwichtiges, nicht weg zu denkendes Teil.

Der unausgefochtene Kampf

Ich, die versucht, sich vor dem Leben zu verbergen, indem sie nichts verlangt. A nice dead person. Und das Leben reagiert, der Körper, der den Geist besiegt, der unausgefochtene Kampf der Friedfertigkeit. Es gibt keine Reihenfolge, keine Ordnung. Cindy Sherman inszeniert das Alter, während Ilse Aichinger nie sterben, aber sehr lange schon (vielleicht von Anfang an) verschwinden wollte, immer kleiner werden, leichter auch, bis da nur noch ein Hauch ist, etwas Unerklärliches, das keine Spuren hinterlässt, und ganz sicher keine Narben. Stattdessen: der Dehnungsschmerz des Lebens, das immer (noch) weiter wächst, während es sich auf das Sterben vorbereitet, das mich schmerzhaft aus den Verstecken ausbuddelt, in denen ich versuche, mich zu verbergen.

23. November

Das Seltsame ist, wie sie bis dahin angenommen hatte, dass alles linear verläuft, dass das Leben so etwas ist, wie ein langer gerader Weg.

Weil es richtig und falsch gab, und eine stetige Zunahme an Weisheit, als Fähigkeit, alles richtig zu machen.

Tauschgeschäfte

Draußen war es grau. Drinnen waren diese Erinnerungen. Sie waren nicht willkommen. Sie waren auf dem Weg zu verschwinden, d.h. sie waren treue Begleiter. Lebenslang.
Zu den Erinnerungen trat dieser Satz. Nicht um sie auszulöschen, nicht einmal um sie zurückzudrängen. Um ihnen Gesellschaft zu leisten, damit sie sich wohl fühlten vielleicht. Der Satz kam aus einem Buch. Ich hatte ihn arglos gelesen, wie die meisten Sätze, die ich sofort vergaß. Besonders die, die ich mir merken wollte, weil ich mir etwas davon versprach, worüber ich später nachdenken wollte.
Dieser Satz blieb. Er handelte von der Vorstellung, tot zu sein. Davon, dass tot zu sein nicht bedeutet: die Welt ohne mich, sondern: ich ohne die Welt (und der Satz stand in einem Buch, das Olga Martynova geschrieben hat. Ein poetisches Buch, in dem trotzdem Taschentelefone und Emails und Weblogs vorkommen und das ich schon aufgrund dieser Tatsache erstaunlich fand)
Der Satz, den die Martynova losgeworden war, indem sie ihm einem „schlafwandlerisch und nie ganz nachvollziehbar“ redenden Maler angedichtet hatte, war nun also bei mir eingezogen und fühlte sich offenbar sehr wohl bei meinen gastfreundlichen Erinnerungen. Es fühlte sich so wohl, dass es hemmungslos Fragen stellte. Mir Fragen stellte. Die Erinnerungen sahen darüber hinweg. Weil sie über alles erhaben waren.
Wie das gehen sollte, die Welt ohne mich in meiner Vorstellung. Die Welt ohne meine Vorstellung. Die Erinnerung bedrängten solche Fragen nicht. Mich schon.
Dann kam der Alltag, der ging einfach weiter, ganz ohne meine Vorstellung und nachts kam der Traum. Ich hatte von Flohmärkten geträumt und vom Tod. Der Tod ein Tauschgeschäft, das auf einem Flohmarkt abgewickelt wird. Und das Leben ist vielleicht etwas ganz ähnliches.