Der Unterschied zwischen Selbstbehauptung und Selbsterkundung

Nachgestellte Emoticons als Vorbild für den Gesichtsausdruck bei Selfies, führen zu einer Demokratisierung des Gesichtsausdrucks und machen uns auf diese Weise gleich. Nicht im Sinne von auswechselbar, ununterscheidbar, sondern unabhängig von Stand, Nation, Milieu und sonstiger Dünkel. So verstehe ich die These des Kunsthistorikers Wolfgang Ulrich, zur Ausstellung „Ich bin hier. Von Rembrandt zum Selfie“ in Karlsruhe, in der SZ von Kia Vahland nacherzählt.

Der Unterschied zwischen Selbstbehauptung und Selbsterkundung, oder wie das Kia Vahland in ihrem Artikel präsziert: „Große Selbstporträts in der Kunst sind keine Ich-, sondern Menschheitsbilder.“

So ist es auch mit der Literatur. Es gibt die Bücher, die Texte, die etwas behaupten, und die, die aufrichtig sind, so aufrichtig, dass man sich als Leser aufgehoben fühlt, zu Hause, geborgen. Vielleicht sogar verstanden.

 

 

 

 

IV

Vielleicht besteht Kunst im Wesentlichen in der Entscheidung auf eindeutige Antworten, auf richtig und falsch, zu verzichten.

Wenn Anne Carson davon spricht, dass die Frage ist, was die Frage ist, wenn diejenigen, die die Odysee gelesen und verstanden haben, davon sprechen, dass es sich im wesentlichen um eine Reise zu sich selbst handelt, wie überhaupt jede große Literatur sich dieser Frage stellt, auf die es keine Antwort gibt, liegt möglicherweise darin die Antwort (die wir ja trotz allem brauchen), wie gut eine das aushält, dass es keine Antworten gibt. Wie gut man das hinbekommt, das was ist, erst einmal sein zu lassen, ohne sofort nach Lösungen zu suchen.

Weibliche Kunst

 

Wohin man auch sieht, Galerien, Rankings, Ausstellungen, Professorenstellen, Preise… Überall dominieren Männer, obwohl es mehr Frauen gibt, die Kunst studieren, mehr Frauen, die schreiben, Literatur studieren.

Langsam holen die Frauen auf. Aber die Betonung liegt eher auf dem langsam als auf dem Aufholen. Woran liegt das?

Die Diskussion darüber gibt es schon so lange, vermutlich jeder, der mit Kunst zu tun hat, hat sie auf die eine oder andere Art geführt. In eigener Sache kann ich mich z.B. an diese Diskussion erinnern.

Natürlich spielt da eine über 2.000 Jahre alte Tradition eine Rolle. Schließlich haben Frauen erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit die Möglichkeit im Kunstgeschehen mitzuspielen.

 

Andererseits führen gleiche Chancen nicht automatisch zu gleichen Ergebnissen. Frauen setzen andere Prioritäten, wählen andere Formate, bevorzugen Kooperation statt Wettkampf. Und sie wollen Sicherheit, ein Grund, warum viele ehemalige Kunststudentinnen Kuratorin oder Kunstlehrerin werden.

 

 

Vielleicht ist auch die Definition davon, was Erfolg ist, falsch.

Was wäre wenn Erfolg sich nicht auf erzielte Preise, die Anzahl von Einzelausstellungen und den Bekanntheitsgrad reduzieren würde, sondern so etwas wie eigene Zufriedenheit und menschliches Miteinander einschlöße?

Die Gewichtung würde mit großer Wahrscheinlichkeit anders ausfallen.

 

Sinn – Sinne

Macht der Tod alles sinnlos, oder ist die Begrenzung des Lebens die Grundvoraussetzung, um überhaupt etwas als sinnvoll zu erfahren?

Spielt das eine Rolle? Und was genau bedeutet überhaupt Sinn?

Meint es nicht in erster Linie sinnlich, mit den Sinnen erfahrbar und nicht diese Ausrichtung auf ein abstraktes Ergebnis?

Vielleicht ist es genau diese Rückführung auf das sinnliche Erleben, weg von den Ergebnissen (der Zielstrebigkeit), die das Wesen der Kunst ausmachen und so zugleich erfüllend und entlastend wirken.

Erfahrung statt Bedeutung. Vielleicht ist das der ganze Sinn.

Susan Sontag – Kunst und Antikunst

In „Über den Stil“ schreibt Susan Sontag: „Wenn es wahr ist, daß wir nicht urteilen können (moralisch, begrifflich), ohne damit zu verallgemeinern, dann trifft es ebenso zu, daß das Erleben des Kunstwerks und dessen, was im Kunstwerk repräsentiert wird, das Urteilsvermögen übersteigt – wenn auch das Werk selbst als Kunstwerk beurteilt werden kann.“

 

 

Dieser Satz, der zunächst wie eine Lösung für alles erscheint, bevor er weitere Fragen aufwirft (wie ich mir überhaupt ein nach allen Seiten abgesichertes Weltbild aus Zitaten basteln könnte, und oft auch versucht bin, genau das zu tun, wenn ich mir erlauben würde, auf das Nachdenken, auf den Eigensinn, zu verzichten.).

 

 

Das Kunstwerk läßt uns etwas Einmaliges sehen und begreifen, nicht aber bewerten und verallgemeinern. Dieser Akt des Begreifens, der von Wollust begleitet ist, ist der einzige vertretbare Zweck und die einzige überzeugende Rechtfertigung des Kunstwerkes.“

 

 

In diesem Zitat also die Begründung, warum etwas, das nicht bewertet werden kann, weil es das Urteilsvermögen übersteigt, sehr wohl als Kunstwerk begriffen werden kann. Begriffen auch im Sinne von definiert, also kategorisiert, also benannt, also bewertet. Nämlich indem man dem Werk die Frage stellt, ob es das leistet, ob es den Betrachter, den Leser, etwas Einmaliges sehen und begreifen lässt, oder ob es sich im Allgemeinen verliert. Ob es also einen Schritt über etwas zu beurteilendes hinausgeht und ergreift, ganz subjektiv und einmalig. Über jegliches Objektivität hinausgehend. Sie sprengend.

 

Baldur Greiner : Annegret Soltau – Ich war total suchend

„Je beschissener die Kindheit, desto besser die Kunst,“ lautet eine der sehr direkten und schlagwortartigen Aussagen Marina Abramovic. Schenkt man dieser Sichtweise Glauben, hatte Annegret Soltau von Anfang an sehr gute Voraussetzungen Künstlerin zu werden. Den Weg, auf dem sie tatsächlich zu einer der bedeutendsten Gegenwartskünstlerinnen geworden ist, erzählt Baldur Greiner in den biografischen Aufzeichnungen Annegret Soltaus „Ich war total suchend.“

Adolf Hölzel – Anbetung 1908

Wenn Adolf Hölzel über Bilder sprach, bezog er sich immer zuerst auf die Komposition. Auf diese Weise konnte er sehr unterschiedliche Ansätze vereinen. Während Adolf Hölzel als Wegbereiter der Moderne gilt und als einer der ersten Maler abstrakt malte, mag ein Bild wie Anbetung von 1908 verwundern. Denn schon 1905 entstand das erste abstrakte Werk Hölzels  „Komposition in rot I“.

Und dann ein ikonenhaft, religiös behaftetes Bild wie Anbetung. Drei Frauen, ein Kind, vier Heiligenscheine.

Eine außergewöhnliche, harmonische Stimmung wolle er herstellen, die den Betrachter der Umwelt entrückt, sagt Hölzel über dieses Werk.

Anbetung, Adolf Hölzel, 1908.  Bildquelle
Anbetung, Adolf Hölzel, 1908.
Bildquelle

Marina Abramovic. Das Manifest. Dritte These

 

Lange habe ich nichts mehr zu Marina Abramovic geschrieben. Ich könnte sagen, andere Projekte und nicht zuletzt der Alltag mit all seinen Erfordernissen hielten mich davon ab. Aber natürlich wäre das nur die halbe Wahrheit.

 

Ziemlich zu Anfang meiner Beschäftigung mit Abramovic, nachdem ich diesen wunderbaren Film „The Artist is present“ gesehen hatte, habe ich in irgendeinem Videoclip im Netz Abramovic Manifest gefunden und mir alle Punkte daraus abgeschrieben, mit dem Willen sie nach und nach, Punkt für Punkt abzuarbeiten.

 

Dass gerade der dritte Punkt des Manifestes so lange brauchte, um formuliert und angegangen zu werden, scheint mir kein Zufall zu sein.

 

 

 

Keine Kompromisse bezüglich des eigenen Lebens und des Kunstmarktes

 

 

 

heißt dieser dritte Satz. Und wieder ist es diese Art Satz, die auf den ersten Blick so einleuchtend und klar und einfach erscheint, während in Wirklichkeit außerordentlich komplex ist, was an Anforderungen und Konsequenzen dahinter steckt.

 

 

 

Geht das überhaupt, ein Leben ohne Kompromisse?

 

Auf den Kunstmarkt bezogen mag das noch angehen, dann hat man es mit einem souveränen Künstler zu tun, dem die eigenen Ideen wichtiger sind als öffentliche Anerkennung, der seine Qualitätskriterien selbst und weitesgehend unabhängig vom jeweiligen Markt setzt und verfolgt. Aber auf das eigene Leben bezogen?

 

In diesem weiten Rahmen gelingt das wohl wirklich nur, wenn man eine Entscheidung voll und ganz fällt, wenn man, wie Abramovic sagt, ich lebe die Kunst, ich mache meine Auffassung von Kunst, von Performance, zu meinem Leben, nicht nur zu einem Ziel, zu einem Aspekt, sondern tatsächlich zum zentralen Inhalt. Dafür hat sie Beziehungen geopfert, dafür hat sie auf Kinder verzichtet. Sie hat einen hohen Preis bezahlt. Einen Preis, den ich niemals bereit gewesen wäre zu zahlen. Andererseits habe ich auch niemals so sehr an mich und meine „Kunst“ geglaubt.

 

Es gibt eben nie wirklich beides. Wieder dieser Feigenbaum aus der Glasglocke von Sylvia Plath, wenn man sich nicht entscheiden kann (und Entscheidung meint immer Verzicht), verhungert man unter dem Baum voller Feigen, ohne eine einzige Möglichkeit ausprobiert zu haben.