Passolini

Die Gefahr, sich unbeliebt zu machen, jagte mehr Angst ein als die alte Gefahr, die Wahrheit zu sagen. Überhaupt war die spezialisierte Kultur ihrer Zeit würdig: ihre innere Organisation war längst zu etwas definitiv Pragmatischem geworden: intellektuelle Produkte waren wie alle anderen: sie definierten sich durch Erfolg oder Mißerfolg […] Die einzige Wirklichkeit, die mit dem Rhythmus und der Atemlosigkeit der Wahrheit pulsierte, war die – erbarmungslose – Wirklichkeit der Produktion, der Sicherung des Geldwerts, der Erhaltung der alteingesessenen und für die neue Macht unabdingbaren Institutionen.

(Pier Paolo Passolini)

Kultur braucht Resonanzen

Eine Zeitlang habe ich hier für die lokale Presse geschrieben und eine kurze Weile war das auch eine gute Sache. Ich lernte Formate kennen, die ich vorher nicht beachtet hatte und setzte mich damit auseinander. Problematisch wurde es, als immer häufiger Veranstaltungen, die ich interessant und berichtenswert fand, generell abgelehnt wurden. Nicht relevant für die Zeitung. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Schließlich wurde die Kulturseite ganz gestrichen, das bisschen Kultur, über das man dann doch berichten musste wurde in die Lokalseiten ausgelagert, mit weniger Zeilen und noch weniger Bezahlung. Nach der Versammlung, in der all dies bekannt gegeben wurde, war der Unmut bei den freien Mitarbeitern sehr groß, und so wäre es vermutlich geblieben, Unmut, der irgendwann verflogen wäre oder auch nicht. Aber dass jetzt tatsächlich etwas Neues entstanden ist aus diesem Unmut, verdanken wir (die Gesellschafter von Resonanzen) und die Stadt Bielefeld in erster Linie Antje Doßmann, die ein Treffen anregte, ein Treffen derjenigen, die Lust hatten, sich zu überlegen, ob man diesem ausufernden Kulturdesinteresse nicht etwas entgegen setzen könnte. Nach fast einem Jahr, vielen vielen Treffen und Diskussionen, haben wir gestern unser neues Kulturportal für die Stadt präsentiert, und ich bin sehr stolz Teil dieser Bewegung zu sein.

Bestimmt werde ich weiterhin wenig hier schreiben, aber immer wieder gerne auf Artikel aufmerksam machen, die auf dieser Seite erscheinen. Wir freuen uns über jeden Besuch und jegliche Art von Unterstützung. Danke!

02. Juni

Es ist warm, aber nicht heiß. Man hört Motoren, die Autos, aber ohne die Abgase zu riechen. Ab und zu Stimmen, unterschiedliche Sprachen. Zwei Frauen in engen schwarzen Hosen, die dickere von ihnen mit rotem T-Shirt und gefärbten roten Haaren, stehen in der Sonne an der Haltestelle und halten sich ihre Handys entgegen. Währenddessen eine melodische, aber fremde Sprache, ich habe dem Klang nach einen arabisch aussehenden Mann erwartet, aber dann taucht eine Frau auf, Brille und Kopftuch, dunkle Haut, und kurz darauf hat die Straßenbahn alle verschluckt.

Außer der Frage, was uns zu dem macht, was wir sind. Was formt uns? Wie viel Einfluss haben wir selbst und wo sind wir ausgesetzt, ein Spielball der Verhältnisse, der Hormone, unserer Erziehung und Kultur?

Zeitung lesen

Eine Frau im hellen Kostüm, umringt von vielen dunkel gekleideten Männern, das ist das Foto, das mir entgegenspringt, sobald ich die Zeitung aus dem Briefkasten geholt habe.

Irgendwie habe ich das Gefühl, dieses Bild könnte einiges aussagen, über uns, unsere Zeit und Kultur. Ich komme nur gerade nicht darauf was.

Denn das ist ja wohl das Schlimmste

Während der Schulzeit wohnte eine meiner Freundinnen in der Nähe einer JVA. Ein Wort, das uns erschauern ließ, ein Gebäude das Trostlosigkeit verbreitete.

Was ist ein Gefängnis? Diese Frage habe ich mir bis vor kurzem nie gestellt. Unsere Klischees und kindlichen Vorstellungen. Dagegen die Fotos und Foucault.

Zwei Bücher und ein Zitat, bestimmen mein Bild über Gefängnisse, das bedrückende Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“ von Liao Yiwu, „Strafen und Überwachen“ von Michel Foucault und der Satz, den Eva-Lotte in Kalle Blomquist sagt; „denn das ist ja wohl das Schlimmste von allem, nicht rausgehen zu können, wenn man will.“ Und die Erinnerung an Berlin Alexanderplatz und Franz Biberkopf, der aus dem Tegel kommt und doch nicht aus dem Gefängnis entlassen wird. Die Zeit hatte alles verändert, diejenigen, die damals in den Gefängnissen saßen und die Freiheit fürchteten, weil man vielleicht nirgendwo so gut wie in einem Gefängnis erfahren kann, was Freiheit ist, dass eben nicht alles leere Worte sind und trotzdem ist das einzige, das wirklich zählt die Hoffnung und darum ist es so wichtig, sich davor zu schützen, diejenigen, die das damals begriffen hatten, waren längst tot, aber diese Tatsache nicht. Diese Art Wahrheit war nicht totzukriegen. Nicht mit den sich verändernden Jahreszahlen, nicht mit neuen Kleidern und anderen Staatsgrenzen. Das sind die Gedanken, die sich eine meiner Protagonistinen macht, während sie sich in Berlin in der Nähe der Strafanstalt Tegel aufhält.

Gitter und Hände, die sich durch Gitter strecken, oder vielmehr, bei ernsthafter Gefängnisfotografie, also keine Filmstils, nichts nachgestelltes, leere Gänge, leere Zellen. Undifferenziert kalt, leer, abgeschieden. Sie scheinen nichts wiederzugeben, außer der Architektur. Licht, Platz und Zeit sind knapp bei Aufnahmen im Gefängnis, hinzu kommt die ständige Anwesenheit des Wachpersonals, das Verbot die Häftlinge zu zeigen. „der verborgene Körper“ – als wäre es schon ein Stück unrechtmäßige Freiheit, wenn das Bild eines Gefangenen nach draußen dringt.

Der Körper, schreibt Michel Foucault, in Überwachen und Strafen, sei im 19. Jahrhundert weitgehend als Zielscheibe staatlicher Repression verschwunden. Die Marter analysiert Foucault als ritualisierte Strafliturgie, als Demonstration von Macht bei gleichzeitigem Ausgleich des durch die Straftat entstandenen Ungleichgewichts. Als könnte, indem der Täter die Tat am eigenen Körper erleidet, eine Wiedergutmachung erfolgen, etwas ausgelöscht werden, das gar nicht hätte geschehen dürfen. Die Strafe verliert ihren sinnlichen Charakter und wird abstrakt. Zur Feststellung der Schuld und der inszenierten Auslöschung des Täters kommt die Frage nach der Einordnung und den Motiven der Tat. Der Wandel im Strafsystem setzt ein, als die Annahme, ein Mensch, den man ständig vor Augen hat, wie er den Rest seines Lebens damit zubringen muss, wiedergutzumachen, was er verbrochen hat, sei nachhaltiger wirksam und lehrreich für das Volk, als dessen Tod. Die Inhaftierung selbst wurde nicht als Strafe gesehen. Das Gefängnis diente allein dazu, sich der Verbrecher zu versichern, nicht sie zu strafen. Die Idee der Auslöschung der Straftat wird ersetzt durch die Umerziehung des Täters, durch den Versuch den „homo oeconomicus“ wiederherzustellen, durch Inhaftierung mit verordneter und entlohnter Arbeit.

Im Panoptikum findet das Gefängnis schließlich sein architektonisches Prinzip der Überwachung, ein Prinzip, das auf die Gesellschaft übergreift. Die polizeiliche Überwachung macht alles sichtbar, während sie selbst unsichtbar bleibt.

Die Einfachheit der Freiheitsberaubung stützt das Selbstverständnis des Gefängnisses. Sieht man die Freiheit als allgemeines Gut an, das unter den Menschen gleich verteilt ist, betrifft die Freiheitsberaubung alle gleichermaßen und ist somit weniger egalitär als eine Geldbuße. Allerdings geht es dem Gefängnis nicht um die Separierung an sich, sondern um die Umerziehung durch Arbeit, um, wie Foucault schreibt: „(…) individuelle Unterwerfung und ihre Anpassung an den Produktionsapparat.“

Dabei stellt man bereits im 19. Jahrhundert fest, dass die Gefängnisse nichts zur Verminderung der Kriminalität beitragen. Die Haft fördert den Rückfall. Foucault zeigt, wie sich von einem Jahrhundert zum andern dieselben Vorschläge und Grundsätze wiederholen. Das Strafsystem produziert eine geschlossene, abgesonderte und für die Gemeinschaft nützliche Gesetzwidrigkeit.

Bleibt die Frage, was das für eine Gesellschaft ist, der Gesetzwidrigkeit nützt und die seit über hundert Jahren keine Alternative zum wirkungslosen Apparat des Gefängnisses findet.