Denken lernen

Aber man muss nicht allzu weit denken, um zu begreifen, dass Maler und Bildhauer in den wichtigen und charakterbildenden Jugendjahren nicht aus diesem Grund all ihre Zeit darauf verwendeten, andere Künstler zu kopieren oder rein mechanisch Modelle oder Gegenstände wiederzugeben. Das ist das Wichtige in der Kunst und der Literatur überhaupt, und es gibt nahezu niemanden, der es kann oder auch nur davon weiß, weil es nicht länger vermittelt wird. Heute glaubt man, Kunst sei mit Vernunft und Kritik verbunden, es gehe um Ideen, an den Kunstschulen wird Theorie gelehrt. Das ist ein Verfall, kein Fortschritt.

Karl Ove Knausgard, „Kämpfen“, S. 334

 

Sag alles ab! Plädoyers für den lebenslangen Generalstreik – Lesetagebuch

Während ich einige Beiträge aus dem vom Haus Bartleby herausgegebenen Buch „Sag alles ab“ las, machte ich mir Gedanken darüber, wie sehr ich eigentlich selbst funktioniere, und wo ich vielleicht auch „streiken“ könnte. Zunächst dachte ich, dass ich tatsächlich nur funktioniere, aber dann wurde mir klar, dass ich in einigen Punkten mittlerweile in ein klein bisschen weniger eingetreten bin. Nicht als Streik. Und sowieso in einem viel zu privilegierten Rahmen, um mitreden zu können, aber so weit weg von all dem eben auch nicht.

Meine Besprechungen z.B. Was war das für ein großartiges Gefühl und Geschenk, auf einmal wieder eigenes Geld zu verdienen. Noch dazu mit einer Arbeit, die ich liebte und von zu Hause aus erledigen konnte, bei freier Zeiteinteilung, also ohne mich jemals zwischen Arbeit und Dasein für die Kinder entscheiden zu müssen. Und dann wurde ich ehrgeizig, wollte die Grenze dessen, was ich steuerfrei dazu verdienen durfte, ausschöpfen, und schrieb nur noch Besprechungen. Ich las Bücher, die mich nicht wirklich interessierten. Ich las so lange und so viel, immerzu mit dem Ziel, eine Besprechung dazu zu schreiben, dass ich letztendlich die Lust am Lesen verlor. Ich konnte mich nicht mehr in einem Buch verlieren, konnte mich dem Lesen nicht mehr hingeben, ganz abgesehen davon, dass ich längst nichts eigenes mehr schrieb. Ich wollte dazugehören, zu den „angesehenen“, „richtigen“ Kritikern, wollte es richtig machen und gelesen werden. Ich wollte wenigstens auf dem Gebiet der Kritik (auch wenn der Stundenlohn niemals reichen würde, um auch nur ein Existenzminimum zu verdienen) Karriere machen. Das, so glaube ich, geht am ehesten mit Quantität. Selbstausbeutung. Das war der Grund, warum ich scheitern musste. Eine Weile hörte ich ganz auf, Besprechungen zu schreiben. Eine Pause, die notwendig war, um das Lesen wieder zu lernen. Ganz viel Selbstzweifel war notwendig, um meinen eigenen Anspruch zu suchen (ob ich ihn gefunden habe, weiß ich nicht, aber ich bin auf einem Weg, der zunehmend zu meinem Weg wird). Ich schreibe jetzt in vollem Bewusstsein, und entgegen der Regeln der klassischen Feuilleton Kritiken, subjektiv, schreibe von meinem Leseerlebnis. Wobei ich immer versuche, respektvoll zu bleiben, erst einmal zu versuchen, zu verstehen, was die Autorin vorhatte, bevor ich erzähle, was bei mir angekommen ist und warum. Ich versuche in einen Dialog zu treten mit dem Buch, das ich lese. Das muss nicht immer harmonisch sein, aber eben respektvoll. Respekt bedeutet für mich in diesem Fall die Mühe auf mich zu nehmen, den anderen zu verstehen, und das erfordert Zeit. Ich habe Quantität gegen Qualität getauscht, Zugriffszahlen und Geld gegen eine für mich lohnende Auseinandersetzung, das möglichst effiziente Funktionieren in fremdbestimmten Zusammenhängen gegen Selbstbestimmung.

Literatur und Kritik

Ich muss (und möchte) noch einmal darauf zurückkommen, auf das Thema der Literaturkritik, was sie ausmacht, was sie besser machen könnte. Maßgeblich zwei Bücher haben mich dazu veranlasst. Von einem längst verstorbenen „lachendem Philospophen“, Egon Friedell und von einem sehr lebendigen Dichter und Herausgeber, Bertram Reinecke.

Reinecke stellt die Frage nach dem Handwerk in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Was ist denn eigentlich das Handwerk beim Verse schmieden, wie unterscheidet sich dieser, zumeist undefiniert gebrauchte Begriff „Handwerk“ von der „eigenen Stimme“ und lässt sich Handwerk lernen?

Das Handwerk kann man lernen, die eigene Stimme nicht.“ Mit dieser Aussage beginnt Reineckes Essay. Um dann zu zeigen, dass die eigene Stimme immer auf anderen Stimmen aufbaut, dass das Neuartige eines Stils schlicht nur erkennbar ist, wenn man die Traditionen, die Vorbilder kennt. Das Handwerk, in Form einer Kenntnis des Gegenstandes in dem man einen eigenen Stil entwickeln möchte, ist also vielleicht nicht Voraussetzung für die Ausbildung einer eigenen Stimme, aber dafür, sie zu erkennen und darüber zu sprechen.

Friedell beklagt in einem 1911 in der Schaubühne erschienen Artikel, Kritikern, gleich ob es sich dabei um Germanisten oder Journalisten handle, gehe jegliche Sachlichkeit ab. „Beide haben zu wenig Ehrfurcht vor ihrem Objekt; indem sie es beide beschwatzen, statt es zu beobachten. […] Eine komplette Beschreibung einer Sache ist an sich schon der klarste und deutlichste Kommentar dieser Sache.“

Genau an dieser Stelle setzt Bertram Reinecke in seinem Essay „Gruppendynamik“ ein, es geht ihm neben der Frage nach dem Handwerk um eine Auseinandersetzung mit den Prozessen, die in Schreibgruppen stattfinden, aber wie Reinecke selbst schreibt, „es gibt in Schreibgruppen keine geheimnisvollen Instruktionen. Es passiert nichts, was anstößiger wäre als anderswo im literarischen Gespräch“. Also lassen sich die zunächst auf Schreibgruppen bezogenen Äußerungen getrost auf eine schriftliche Auseinandersetzung mit Literatur ausweiten. Der Abschnitt von dem ich denke, er schließt an Friedells oben zitierte Überlegungen an, ist „Beschreibungssprache“ übertitelt, und Reinecke erklärt dort, welche Rolle, die Wahl der Begriffe auf die Auseinandersetzung mit Literatur hat. „Man entgeht Vorurteilen nicht durch bloßen Entschluss oder indem man glaubt, man habe eben keine. […] Eine möglichst neutrale Beschreibungssprache macht Texte so erst richtig sichtbar.“

Der Kritiker hält sich an das Positive des Kunstwerks, an das Plus, an das, was darin anders ist. In seinen Mängeln und Impotenzen deckt sich nämlich der Künstler mit allen übrigen Menschen: Hierüber zu reden ist also völlig uninteressant und überflüssig. Kritiker, die sich vorwiegend auf diese Seite der Mängel und Fehler verlegen, sind ebendeshalb immer so langweilig und belanglos. Was einer nicht kann, das wissen wir schon von allein: Im Nichtskönnen sind wir ja selber erste Fachleute.“ (Friedell)

Das Unverständliche in einem Text nicht nur zu erkennen, sondern anzuerkennen, setzt die Bereitschaft voraus, sich selbst, sein eigene Selbstverständnis in Frage zu stellen. Oder, wie Reinecke es ausdrückt: „Verständlichkeit ist immer eine Relation zwischen Text und Leser.“

Die „parteiische“, „subjektive“ Kritik ist die objektivste, sie ist die einzige objektive. Die Forderung, „unparteiisch“ zu sein, ist gleich der Forderung, sich für eine Sache nicht zu interessieren. Der einzige Zugang zu einer Sache ist aber gerade das „vorurteilsvolle“ Interesse. (Friedell)

Hier scheint ein Widerspruch zu Reinecke vorzuliegen, der ja gerade vor (unbemerkten) Vorurteilen warnt und eine „neutrale Beschreibungssprache“ verlangt. Ich glaube aber der Widerspruch ist nur scheinbar vorhanden. Denn natürlich kann eine nutzbringende Auseinandersetzung nur subjektiv sein, die Frage ist vielmehr, ob der Schreibende sich diese Subjektivität bewusst macht, sie auch schreibend dem Leser bewusst macht, oder ob sich die Subjektivität als Autorität gibt und objektiven Wahrheitsanspruch erhebt.

Und noch eine Sache, ich glaube, das was den meisten, auch meinen, Besprechungen fehlt, ist die Kraft, die Leidenschaft. Mir gelingt so etwas nur, wenn ich wirklich völlig überwältigt bin, wenn ich sinnlich reagiere und nicht mit einen notwendig beschränkten Verstand.

Friedells Aufsatz schließt mit den Worten: „Und der Kritiker? Der hat gar nicht die Aufgabe, höhnisch auf diese Mängel hinzuweisen oder sie gar noch zu unterstreichen. Sondern, o nein: – er hat zu sagen: Dies ist unausgeführt und verwischt – Grund genug für mich, es auszuführen; dies ist dunkel – bravo! Ich will es hell machen; dies ist dubios – nun, ich will ihm eine solide Unterlage geben.

Das nämlich ist seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit.“

Während Betram Reineckes Essay folgende Schlussworte enthält: „Die Sprache ist aber ein umso mächtigeres Instrument, je mehr wir eingestehen, dass der Riesenraum des Gedichtes, sein legendärer Ruf, nur dann fortbesteht, wenn wir unsere Lesekonventionen bewusst pflegen, ausbauen und uns darüber kritisch verständigen, auch wenn all das eben etwas Konventionelles ist. Wir müssen uns auf das Klein-Klein ihrer Verfahren und Stilzüge einlassen, Zeit mit ihr verbringen. Der Weg zu ihr lässt sich weder durch Weltklugheit oder allgemeine Instruktionen noch durch Mutterwitz oder Intuition entschieden abkürzen. Wir können uns schamhaft über diesen Umstand betrügen, die eigene Stimme beschwörend das Handwerk verachten und Schreibschüler als Sündenböcke in die Wüste schicken. Dann kehrt die Scham freilich immer wieder zurück. Die Liebe aber macht schön…“

Vielleicht sollte eine Besprechung damit anfangen, sich zu fragen, wo und warum ein Text meine Wirklichkeit berührt, oder, wo das nicht der Fall ist, die Frage zu stellen, was es mir so schwer macht, mich auf ihn einzulassen.

Das Handwerk des Kritikers läge also darin, eine Sprache zu finden, die derartige Überlegungen nachvollziehbar macht, statt den Anspruch auf Objektivität zu erheben.

Kritik und Literatur

Im 21. Jahrhundert beschäftigt sich sowieso kaum noch jemand mit Literatur. Es gibt viele Schriftsteller, aber wenig Literatur. Die Schriftsteller sind zu Handwerkern geworden, und die Leser zu Käufern. Was gut verkauft wird, ist gesund. Was nicht verkauft wird, ist krank, bedrohlich und hat zu verschwinden.“ (Edo Popovic)

Möglicherweise lässt sich die Frage nie endgültig klären, für mich. Aber ich versuche mir stückweise mehr Klarheit darüber zu verschaffen, was ich eigentlich tue, wenn ich Besprechungen schreibe, was das für mich bedeutet.

Vor einiger Zeit gab es hier anlässlich eines Eintrags zu Kunst und Antikunst von Susan Sontag eine fruchtbare Diskussion, die nachgewirkt hat und weiter wirkt. Dazu kam kürzlich ein Essay von Harald Hartung, in dem er sich mit dem gegenwärtigen Stand der Literaturkritik auseinander setzt. Darin führt er z.B. an, dass Kritik einmal als Scheidekunst verstanden worden ist, als Instrument der kritischen Aufklärung. Er zitiert auch Benjamin:

Wer nicht Partei ergreifen kann, der hat zu schweigen.“

Und Hartung selbst konstatiert: „[…] das Problem ist die Kapitulation der Kritik vor dem Begriff der Qualiät.“

Wobei Qualität wieder so eine Wertung ist, die Hanna z.B. ablehnt, mit guten Argumenten und gutem Recht. Die ich aber beim Schreiben von Besprechungen nicht vernachlässigen will und kann. Allerdings eine „verantwortungsvolle“ Bewertung, so wie Susanne das definiert hat.

Für jede Position lassen sich schließlich sowohl Zitate als auch Argumente finden, und das ist nur ein weiterer Beleg dafür, dass Literaturkritik vornehmlich eins ist: subjektiv.

Kritik, Zeitgeist und die Notwendigkeit sich im eigenen Zweifel souverän zu geben

Jetzt habe ich zwei Bücher, in die ich vielleicht nicht große, aber doch Erwartungen gesetzt hatte, die enttäuscht wurden, verrissen. Hätte ich sie nicht zu rezensieren gehabt, ich hätte sie nicht zu Ende gelesen. In der Rezension steckt somit meine Rache für die Last, etwas zu Ende zu bringen, von dem ich längst wusste, dass es nichts mit mir zu tun hat. Alles, was ich geschrieben habe, meine ich wirklich so, ich habe Belege dafür, ich habe versucht, mein Urteil nachvollziehbar zu machen. Trotzdem war ich ungerecht. Ich habe die Bücher nicht gewürdigt, als das, was sie sein wollten, was sie vermutlich auch sind. Literatur, die dem Zeitgeist entspricht, die viele andere Menschen unterhält. Die somit ihr gutes Recht hat.

Vielleicht hätte ich die Form von Inhalt trennen sollen, oder vielleicht war gerade das das Ärgerliche, das, was eine Besprechung (und das Lesen) für mich so ausweglos gemacht hat; dass Form und Inhalt nicht zu trennen waren. Denn insofern erfüllten die Bücher die Anforderung an „gute Literatur“, die Sprache korrespondierte mit dem Inhalt, mit dem was transportiert werden sollte. Warum kann (und will) ich mich nicht darauf beschränken, Inhalt und Form wiederzugeben, ohne wertend einzugreifen? Wertend, bereits beim Lesen. Es gelingt mir nicht, mich herauszuhalten, meine Erwartungen, die ich an Literatur habe, zurück zu stellen, um vorurteilsfrei an das jeweilige Buch herangehen zu können.

Das und die Notwendigkeit, sich zu beschränken, einen Punkt auszuwählen, an dem man sich abarbeitet, dabei eine Souveränität beanspruchen (behaupten), die ich mir eigentlich nicht zugestehe. Ich nehme mir ein Recht, ohne daran zu glauben, dass ich es verdient habe. Und muss mir das Recht zugestehen, mich zu irren. Mir ein Recht auf Irrtum einräumen.