Scham

Was meinen Texten, dem, was ich schreibe, fehlt, ist dieser Mehrwert, der z.B. in Anne Webers Buch „Ahnen“ darin besteht, sich sehr konstruktiv mit dem persönlichen Verhältnis zur Geschichte auseinander zu setzen. Mit den Grenzen dieser Auseinandersetzung.

Weber schreibt auch über Scham. Für mich sehr überraschend, von einer positiven Rolle von Scham. Sogar von Scham als etwas Wertvollem. Sie beschreibt, wie sich ihr Vater zu Besuch bei emigrierten jüdischen Freunden seines Großvaters, geschämt habe, nicht nur für den Nazi-Vater, sondern dafür, über all das, über die Geschichte, die unaussprechlichen Taten und seine Rolle dabei, nicht gesprochen zu haben. Sie schreibt: „Mehr als ein halbes Jahrhundert später schämt sich mein Vater dafür, dass er, über das Wesentliche schweigend, erklärungslos bei ihnen gesessen und sich vermutlich sogar hat bewirten lassen, und ich liebe und ehre ihn für diese Scham. Sie ist das Wertvollste, sage ich mir, was wir haben. Ihr Brennen überdauert die Jahrzehnte, es wird weitergereicht; nicht hochgehalten wie eine olympische Flamme, sondern leise einem anderen anvertraut. Ich bin meinem Vater dankbar dafür.“

Sie hat Recht, diese Scham gibt es. Und sie wird auf eine stille, schwer zu beschreibende Art weitergereicht. Das habe auch ich erlebt. Aber wertvoll finden kann ich diese Scham nur im Hinblick auf ihre unbedingte, und die Generationen überdauernde Notwendigkeit. Mit meinen Eltern, die das dritte Reich als junge Menschen erlebt haben, konnte ich nicht mehr über diese Zeit reden. Sie sind gestorben, bevor die Fragen in mir gereift waren. Ich weiß nur, dass meine Mutter mit ihren Eltern und Geschwistern aus Bartenstein im damaligen Ostpreußen geflohen sind, dass sie eine Zeitlang in Dänemark interniert war, und dann irgendwann hier angekommen ist, wo ihre Mutter bald starb, und der Vater Heimweh hatte.

Letztes Jahr bin ich bei dem letzten noch lebenden Bruder meines Vaters in F. gewesen, u.a. auch, um etwas in Erfahrung zu bringen über diese Zeit, über die Rolle meins Großvaters und Vaters. Mein Vater, so erzählte mir dieser Onkel, sei als die Mutter, also meine Großmutter, mit ihren Kindern, und dem damals noch ungeborenen Kind S., also ihm, nach Österreich umgesiedelt worden, weil hier in B. der Krieg zu nah, die Lage für eine Frau mit kleinen Kindern zu gefährlich geworden sei, eine große Hilfe für die Familie gewesen. Er habe wohl oder übel die Rolle des männlichen Familienoberhauptes übernommen, habe Brennholz und Essen organisiert, Mutter und Geschwister beschützt, so gut er konnte, denn willkommen waren sie dort, in Österreich, auf dem Land, nicht. Und ich habe vergessen, zu fragen, wer diese Umsiedlung veranlasst hat, wie es eigentlich dazu gekommen ist. Sicher auch aus Scham, aus einem unterschwelligen Gefühl, dass mich das alles nicht wirklich etwas anginge (auch wenn das noch einmal eine ganz andere Geschichte ist).

Der älteste Bruder, der nie wiederkehren sollte aus diesem Krieg, hat einen arischen Stammbaum angelegt, ich habe diesen, von ihm angefertigten Stammbaum gesehen, und (vor Scham?) darüber offenbar gleich wieder vergessen, was ich gesehen habe, denn ich erinnere mich tatsächlich an kein einziges Detail.

Eine andere Art von Scham habe ich erlebt, als ich das erste Mal mit meinen eigenen Kindern über Nazi Deutschland geredet habe. Nicht einmal die Familiengeschichte betreffend, es war eine allgemeine Scham, ein Schmerz, dass ich ihnen auch diesen Teil der Geschichte, nicht nur zumute, sondern vererbe. Dass auch sie, in der zweiten Generation derer, die diese Zeit überhaupt nicht mehr erlebt und gestaltet haben, eine Verantwortung für all das Unvorstellbare, das damals geschehen ist, übernehmen müssen.

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07. August

Alles was ich schreibe kommt mir zutiefst belanglos vor. Anderseits, was, außer Krieg und Frieden, ist schon von Belang? Es geht doch immer nur darum, wie Menschen einander das Leben zur Hölle machen und wie sie sich zu trösten versuchen.

Ismet Prcic – Scherben

Einige Rezensenten schreiben von den postmodernen Erzähltechniken, derer sich Prcic bedient, oder davon, dass am Ende seines Romanes wenig Geheimnisvolles bleibt. Ich habe „Scherben“ anders gelesen. Als den Bericht eines vom Krieg zutiefst geschädigten Ichs, das, um zu überleben, versucht, die Scherben irgendwie zusammen zu setzen. Ein verstörendes Buch. Gewaltig und traurig schön.

Kriegsbilder

Irgendwann im Wartezimmer ist mir der erste Artikel über Kriegsberichterstatter in die Hände gefallen, es ging um zwei Männer deren Leben ihr Beruf ruiniert hatte, beide litten unter posttraumatischen Belastungsstörungen aufgrund der Erlebnisse, die sie während ihrer Reportagen gemacht hatten, beide waren mehrfach lebensgefährlich verletzt worden. Wenig später las ich in einem Magazin die Geschichte einer Kriegsfotografin, die während ihrer Reportagen ein Auge verlor und nur mit Alkohol weitermachen konnte. Dann sah ich „Das Leiden anderer betrachten“ von Susan Sontag und las es.

Wozu gibt es Kriegsfotos? Warum setzen sich Menschen dieser Gefahr aus? Und: bewirken diese Fotos etwas? Das waren meine Fragen.

Virginia Wolff konnte in ihrem Essay Drei Guineen (1936/37) noch die Überzeugung vertreten, dass sich über „das Ansehen von Bildern“ eine gemeinsame Basis finden lasse, eine Grundlage, von der aus man ohne große „Verständigungsschwierigkeiten“ argumentieren kann. Kriegsfotografien hielt sie demnach für ein probates Mittel zum Einverständnis darüber zu kommen, dass Krieg „eine Abscheulichkeit, eine Barbarei [ist], Krieg muss verhindert werden.“

Kann man das heute noch glauben? Kann überhaupt noch jemand daran glauben, dass sich Kriege auf lange Sicht verhindern lassen?

Eine weitere Tatsache, auf die Wolff in ihrem Essay hinweist ist die Feststellung, dass die „Kriegsmaschine männlich“ ist. Welche Schlüsse kann man daraus ziehen? Inwiefern ist das von Bedeutung und wie hängt es mit der Frage der Fotografien zusammen?

Susan Sontag bezeichnet Kriegsfotografien als Rhetorik: „Sie insistieren. Sie vereinfachen. Sie agitieren. Sie erzeugen die Illusion des Konsensus.“ Zwischen Mann und Frau, Freund und Feind, Sieger und Besiegten.

Natürlich, denke ich, muss sichtbar gemacht werden, was in einem Krieg geschieht. Mir fällt ein anderes Buch ein, „Die Schreie der Verwundeten“ von Henning Ritter, in dem er u.a. von Henri Dunant, dem Gründer des Roten Kreuzes berichtet. Mitleid kann es nur geben, wenn die „Schreie der Verwundeten“ wahrgenommen werden, das ist Dunants Überzeugung und sein Beweggrund, die Schlacht von Solferino besonders aus Sicht der Verwundeten und Leidenden zu schildern. Bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung seines Berichtes, findet die erste Rot-Kreuz Konferenz statt.

Sontag geht von einer anderen Tatsache aus: „Wo es um das Betrachten des Leidens anderer geht“, schreibt sie, „sollten wir kein „wir“ als selbstverständlich voraussetzen. Statt also „aufzuklären“, sichtbar zu machen, was vormals verborgen blieb, bestärken die Bilder in erster Linie die Meinung und Haltung, die der Betrachter bereits vor der Ansicht der Fotos hatte. Jemand, der den Krieg verabscheut, sieht sich durch die Greuel und das Leiden auf den Fotografien bestätigt, jemand, der voller Hass auf eine anderer Nation oder Volksgruppe ist, nährt seinen Hass durch Bilder von Verwundeten des eigenen Volkes.

Worauf es ankommt, ist also die Interpretation der Fotos, mittels Bildunterschriften, die Täter und Opfer kenntlich machen. Oder, um einen Schritt zurückzugehen, die Entscheidung, welche Bilder, welche Grausamkeiten gezeigt werden.

Das ist die Seite derjenigen, die die Macht über die Bilder ausüben. Als Betrachter wiederum, gerät man schnell in die Rolle eines Voyeuers.

Und dann die „Beweismacht“ der Fotos. Im Gegensatz zu Gemälden galten Fotos und gelten immer noch, als Beweise. Was aber beweisen Fotos ohne die jeweiligen Überschriften, Untertitelungen? Wie gut kann sich die „Wahrheit“ des Fotos gegen die der Worte, die es einordnen, behaupten?

Inzwischen ist bekannt, dass viele der berühmt gewordenen Kriegsfotografien gestellt waren. Das bekannteste (wenn auch friedliche) Beispiel für die Aufregung der Betrachter, wenn sich herausstellt, dass ein Foto gestellt ist, ist Doisneaus Foto der Liebenden vor dem Hôtel de ville. Sontag schreibt dazu: „Besonders heftig ist unsere Bestürzung, wenn sich Fotos als arrangiert erweisen, die intime Höhepunkte festzuhalten scheinen, vor allem solche der Liebe und des Todes.“

Erst seit dem Vietnamkrieg, so Sontag, könne sich der Betrachter einigermaßen sicher sein, daß keines der bekannt gewordenen Fotos gestellt war.

Eine ganz andere Frage ist die, was die Anwesenheit von Kriegsreportern in einem Krisengebiet bewirkt. Sontag berichtet von einem Foto, das 1968 von Eddie Adams aufgenommen wurde, bei dem der Chef der südvietnamesischen Polizei, General Loan einen Verdächtigen nur deshalb auf offener Straße erschießt, weil ein Fotograf anwesend war.

Inwiefern machen wir uns mitschuldig an solchen Taten, wenn wir Kriegsfotos, Kriegsberichte ansehen?

Andererseits rücken Fotos und Berichte vom Krieg das Geschehen näher, bewahren vor dem Vergessen.

Wer den Fortbestand der Erinnerung sichern will, der hat es unweigerlich mit der Aufgabe zu tun, die Erinnerung ständig zu erneuern, ständig neue Erinnerungen zu schaffen – vor allem mit Hilfe eindringlicher Fotos“, schreibt Susan Sontag.

Wie wirken die Bilder auf uns, abgesehen davon, dass sie uns zu Voyeueren machen, welche Gefühle rufen sie hervor? Abscheu? Mitleid? Ignoranz? Haben die Bilder eine Botschaft für uns?

Sontag stellt dazu folgende These auf: „Solange wir Mitgefühl empfinden, kommen wir uns nicht wie Komplizen dessen vor, wodurch das Leiden verursacht wurde. Unser Mitgefühl beteuert unsere Unschuld und unsere Ohnmacht.“ Das heißt diese Fotos beeinflussen unsere Wahrnehmung von Krisen. Je mehr Fotos, desto größer die Wahrnehmung. Andererseits ist es gerade die Überflutung mit Bildern, die uns abstumpfen lässt.

Ich finde keine eindeutigen Antworten auf die Fragen, auch nach der Lektüre von Sontags Essay nicht. Aber vielleicht ist es wichtiger, dass die Fotografien Fragen aufwerfen, als allzu einfache Antworten zu liefern.

Das große Heft – Agota Kristof

Nachdem Agota Kristof im Juli letzten Jahres gestorben war, schrieb Sybille Berg einen wütenden Artikel über die mangelnde Aufmerksamkeit, die diese große und wichtige Schriftstellerin ein Leben lang erfahren hatte. Ich weiß nicht, ob dieser Artikel notwendig war oder nur zu spät kam, ob er mehr mit Frau Berg als mit Agota Kristof zu tun hatte, oder ob er genau den faulen Kern des Literaturbetriebs getroffen hat, aber ich bin mir sicher, dass Das große Heft ein Stück sehr große Literatur ist.

Zwei Jungen, Zwillinge, etwa zehn Jahre alt, werden von ihrer Mutter der Großmutter anvertraut, weil das Leben in der „großen Stadt“ zu gefährlich wird, und die Lebensmittel aufgrund der Kriegsfolgen bedrohlich knapp geworden sind. Widerwillig nimmt die Großmutter die Enkel auf. Nicht nur sie, sondern alle Dorfbewohner spotten über die Kinder und quälen sie. Anfangs leiden die Jungen unter den Schlägen, dem Heimweh und der Trennung von der Mutter. Später unterziehen sie sich Übungen, die sie gefühllos gegen Schmerzen machen sollen. Was sie während der Zeit bei der Großmutter, der sie nach einem zweiten Schlaganfall Sterbehilfe leisten, erleben, notieren sie in dem Großen Heft, bis sie sich schließlich trennen und einer der Brüder mit Hilfe des Vaters über die Grenze flieht, während der andere Bruder im Haus der Großmutter zurückbleibt.

Im großen Heft der Brüder beschreibt Agota Kristof ihre eigene Poetologie:

„Um zu entscheiden, ob es „Gut“ oder „Nicht gut“ ist, haben wir eine sehr einfache Regel: Der Aufsatz muß wahr sein. Wir müssen beschreiben, was ist, was wir sehen, was wir hören, was wir machen.

Zum Beispiel ist es verboten zu schreiben: „Großmutter sieht wie eine Hexe aus“, aber es ist erlaubt zu schreiben: „Die Leute nennen Großmutter eine Hexe.“

Es ist verboten zu schreiben: „Die kleine Stadt ist schön“, denn die kleine Stadt kann für uns schön und für jemand anderes häßlich sein“ […]

Die Wörter, die die Gefühle definieren, sind sehr unbestimmt, es ist besser, man vermeidet sie und hält sich an die Beschreibung der Dinge, der Menschen und von sich selbst, d.h. an die getreue Beschreibung der Tatsachen.“

Da klingt das Gebot von Ilse Aichinger, sich selbst ständig zu mißtrauen an. Und darüber hinaus entsteht aus dieser Poetik ein grausam schönes Stück Literatur.

Es ist keine richtige „Gemeinsamkeit“, die die Brüder miteinander erleben, vielmehr ein einander Ergänzen, die Möglichkeit, sich in zwei Hälften aufzuteilen, um so pragmatisch wie unter den gegebenen Umständen notwendig, handeln zu können, um bei allen selbst anerzogenen Grausamkeiten, (die keine Grausamkeiten sind, niemand genießt sie) ihre Würde zu behalten.

Im Laufe der Zeit, werden die Kinder zu Mördern, und was bezüglich dieser Entwicklung mit mir als Leserin geschieht, ist erschreckend. Ich empfinde kaum Mitleid mit den Opfern, vielmehr Verständnis für die Morde, die Grausamkeiten, sie scheinen vollkommen folgerichtig.

So leicht veränderbar ist also Moral. Töten ist abscheulich, aber diese Kinder scheinen moralisch so integer, dass ihre Art zu handeln nicht erschreckend, auch nicht verachtenswert erscheint.

Letztendlich handelt dieses Buch von einer Verrohung, die mir beim Lesen selbst widerfährt, und macht damit eindringlicher als Heldenepen oder Opfergeschichten deutlich, was Krieg eigentlich bedeutet.

Eine alte Geschichte

Ich frage mich. Was stelle ich in Frage, wenn ich Fragen stelle?

Immer soll alles sehr schnell gehen. Das nennt man Ungeduld. Oder Flüchtigkeit.

Ich flüchte. Ich flüchte vor meinem Leben. Verstecke mich im Schmerz. Heute ist er heiß und brennend. Früher schrieb ich Gedichte. Ich wusste nicht, was das heißt. Es geschah und ich ließ es zu. Jetzt ist der Himmel grau, der Krieg wieder nicht nur überall, sondern auch in den Medien.

Der Tag wird kommen und wieder gehen. Ich schreibe, aber ich meine es nicht so. Immer trauere ich der Vergangenheit hinterher. Die vielen ersten Male. Und wie weh es tut, sich daran zu erinnern.

Es ist immer das erste Mal, schreibt Pessoa und daran glauben zu können, müsste die wirkliche Heilung sein. Heilung von den Gebrechen der Zeit.

Dann reißt der Faden.

1995

Bei Osaka und Kobe bebt die Erde. Die letzen Blauhelm Soldaten verlassen Somalia. Der Krieg geht weiter. Bei Giftanschlägen in der U-Bahn Tokyos sterben 12 Menschen. Türkische Truppen überschreiten die Grenzen zum Irak, um gegen Mitglieder der PKK vorzugehen. Das Schegener Abkommen macht die Binnengrenzen durchlässiger.

Die Frau beendet das WG Leben, um mit Mann und Hund zusammenzuleben.

Bei einem Bombenanschlag in Oklahoma City sterben 168 Menschen, 400 weitere werden verletzt. Greenpeace besetzt die Brent Spar. Christo verhüllt den Reichstag. Beim Massaker von Srebenica werden 40.000 muslimische Zivilisten vertrieben. Die Bundeswehr schickt Soldaten ins ehemalige Jugoslawien. Heiner Müller stirbt. Seamus Heany bekommt den Literaturnobelpreis. Im Kino läuft Sieben.