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Ich schrieb mich ein in die Gesichter der Nachwelt (vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun). Die Erde ist ein Kreis, und es geht immerzu darum, zu verlieren. Jeder Verlust, ein Schritt auf das große Nichts zu, das es zu erreichen gilt.

Louise Bourgeois

Man ist allein geboren. Man stirbt allein. Der Sinn des Zeitraums dazwischen ist Vertrauen und Liebe. Deshalb ist der Kreis, geometrisch gesprochen eine Eins. alles kommt zu dir vom Gegenüber. Man muss in der Lage sein, das Gegenüber zu erreichen. Wenn nicht, ist man allein.

Offene Kreise

Offene Kreise
Offene Kreise

Wir lecken uns die Tropfen der Zeit von der Haut, ohne die Netze zu zerstören, die uns der Herbst ins Gesicht gewebt hat. Die Verknüpfung der Zeitlinien, Formen, freischwebenden Brüche…

Die Tage am Bahnhof verbringen (nicht die Nächte, Nachts ist der Bahnhof ein anderer Ort, eine vollkommen andere Geschichte), und immer wieder aufs Neue verblüfft sein, dass es das gibt, Ankunft und Abfahrt, Abschied und Wiedersehen, dass dieser Kreis, in dem es keine Enden gibt und alles ineinander übergeht, solche Punkte absondert.

Ein Mensch, der den Zug besteigt, ein anderer, der am Bahnsteig bleibt, nur mit den Augen folgt. Ein Fenster, das geöffnet wird, ein Arm, der gehoben wird, ein Lächeln, das aufrecht erhalten wird. Mühsam. Bis der Zug außer Sichtweite ist.

Und vielleicht, denke ich jetzt, besteht der große Kreis aus lauter kleinen Kreisen, die sich schließen.

Punkt

Eine seltsam, mich entwürdigende Zeit (die Welle, die nichts vom Wasser weiß).

Die Einbildungskraft der Naiven (was man verliert, wenn man Vernunft gewinnt; Verstand, Läuterung).

All diese (leeren) Begriffe, an denen ich festhalte (weil ich meine Ratlosigkeit darin verbergen kann).

Begegnungen und Gespräche, die abbrechen, noch ehe sie eigentlich begonnen haben (weil wir auch daran glauben: an Anfang und Ende und die Winkel der Zeit).

Die Ratlosigkeit, die ein Leben annimmt, weil die Zeit verrinnt und doch nichts vergeht. Weil die Verluste wachsen mit dem verminderten Abstand vom Tod.

Weil es nicht Anfang, noch Ende gibt. Nur Kreise, die sich zusammenziehen auf einen Punkt.

Räume

Ein Mann fährt im perfekten Einklang neben der Stadtbahn, während mich die Erinnerungen überfallen. Erinnerungen an Orte, an denen ich etwas Bedeutendes hätte schreiben können.

Der kleine Resopaltisch in der engen Küche meines so früh verwaisten Elternhauses. Ein Jahr hielt ich es dort aus, nach dem Tod meiner Mutter. Sobald ich das Haus verließ, den Unfallort vor Augen.

Das Zimmer in der ersten WG, Glühwürmchen vor dem Fenster und Hunde vor dem Bett, die zweite WG, in der zu viel Nähe in zu viel Hass umschlug. Das alte Sprossenfenster vor dem ich – immer frierend – mit einer Tasse Kaffee in der Hand die schönsten Sonnenaufgänge beobachtete. Das dunkle Schlauchzimmer in einer unangenehmen Untermietersituation.

Die erste Wohnung mit meinem Mann, in der mein Zimmer hallenbadblau war, weil ich den Mischton vor dem Streichen nicht getestet hatte. Die winzig kleine Dachgeschoßwohung in der Nähe der Uni, die wir danach hatten. Unsere schönste Wohnung, Altbau, stadtnah, aber furchtbar dunkel, zu keiner Tageszeit konnte ich ohne Licht am Schreibtisch arbeiten. Die sehr helle Wohnung mit der Mansarde, in der mein erster Sohn geboren wurde. Unser erstes Haus mit dem riesigen Garten und den grauenhaften Nachbarn, und jetzt dieses Haus, seit Jahren zum ersten Mal wieder ein eigenes Arbeitszimmer.

Aber immer noch sitze ich am liebsten in der Küche, warte auf die Herbstrosen, darauf, dass der Schnee fällt und wieder schmilzt, auf die ersten Krokusse, die Tulpen, die Blütenpracht des Sommers. Bis wieder Herbst wird und ein weiterer Kreis sich schließt.