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Ich wache auf und salutiere vor der Angst. Die Schmerzen segeln fast behutsam durch den Körper.

Hände und Köpfe, die geschüttelt werden. Die fortwährende Beschäftigung mit sich selbst. Das ganze Leben ausgerichtet als Wettbewerb.

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Alter

Ist es so, dass das Alter den Körper beraubt, dass uns das Alter den Körper raubt (wie der Titel von Antije Krogs Gedichtband nahezulegen scheint)?

„mein körper verkörpert

mich“

schreibt sie.

15. Dezember

Während ich ein Interview mit Ulrike Draesner lese, (für die Subsong Besprechung, die schon lange überfällig ist), wird mir eine sehr willkommene Nebenwirkung der Knausgard Lektüre offenbar.

Meine ersten ernsthaften erwachsenen Schreibveruche, kommentierte S. mit der Einschätzung, dass das ein Niveau sei, das ich unmöglich durchhalten könne. Etwas, das mich damals entmutigt hat, weil ich es nicht verstanden habe. Heute begreife ich, er hatte Recht. Das sehr anspruchsvolle, hoch verdichtete und poetische, gehört ins Gedicht, in kurze Texte, nicht in einen langen fließenden Prosatext, wo es sowohl Leser als auch Autor überfordert.

 

Vor dem Fenster spricht C. geduldig mit dem kleinen Mädchen, das erst kürzlich in unsere Straße gezogen ist. Als wir selbst hier her zogen, war C. noch ein kleines Mädchen, ein Kind.

Ich selbst wäre gern wieder Anfang vierzig, Mitte dreißig. Schwieriger schon, mir vorzustellen, wieder 26 zu sein. Alles magische Alterstufen für mich. Wendepunkte. Aber ob ich wirklich noch einmal jung sein möchte? So ganz unerfahren anstrengend jung?

Mary Baumeister sagt in diesem Interview, dass ihr ihr Körper langsam lästig wird, und das wäre auch gut so, weil sonst ja niemand sterben wollte. Genau den Satz hat vor einigen Monaten meine Ärztin mir gegenüber gesagt.

Ab einem gewissen Alter wäre Leben also eine Einübung, ein Weg zu einem Einverständnis mit dem eigenen Tod.

Geburt

Ich sah mein Leben
aus mir herausstürzen
ohne im geringsten zu begreifen

jetzt war ich bereit
alle Fehler weiter zu vererben

Schuld auf mich zu laden
um die frisch entstandene Leere
in meinem Körper
zu füllen

Ein Ort der Trauer
von dem sich das Leben zurückzog
während du blühtest

Der eigene Tod – Péter Nádas

Während ich viel zu selten dazu komme in den Parallelgeschichten zu lesen, hat mich irgendetwas dazu veranlasst noch einmal „Der eigene Tod“ von Nádas zu lesen. Jetzt kommt es mir vor, als würde ich vieles wiedererkennen. Nicht nur die gefäßerweiternde nytroglyzerinhaltige Tablett unter der Zunge, die Frau Erna immer bei sich trägt und das verbrannte Fleisch, vielmehr die Bedeutung des Körpers, in dem zusammenläuft, was wir für gewöhnlich weder verstehen noch überblicken können.

 

Als hätte er diese Fähigkeit aus dem Nahtod – Erlebnis in die Literatur hinübergerettet, ins Leben mitgenommen: „Das Zurückblicken vereint unterschiedliche Perspektiven des Bewusstseins in sich.“

 

Diese Fähigkeit zur Vereinigung ist ja das, was die Parallelgeschichten ausmacht.

 

Parallelgeschichten (2)

Und wieder der Körper, sein Altern, sein Geruch, Krankheiten.

Aber auch die Schönheit eines fremden Körpers, die beruhigt.

Ganz massiv dann die Körper in der Saunaszene, drei Männerkörper. Textkörper und menschliche Körper und wo es trotz allem Verbindungen gibt zwischen beiden. Jedenfalls für Schriftsteller wie Nádas, die Bilder, Szenen, Architekturen für das Sprachlose finden.

Alle Geschichten hängen miteinander zusammen, auch dort, wo sie sich nicht direkt zu berühren scheinen, eher wie Parallelen nebeneinander herlaufen. Nádas spannt ein unglaublich detailliertes feinmaschiges und dennoch weites Netz, in dem jeder einzelne Faden die gleich Berechtigung und Notwendigkeit hat. Auf diese Weise, und das ist unter Umständen auch eine immanente Kritik an langen, schmerzhaften Phasen in der die ungarische Politik sich auf die eine und andere Weise von der Demokratie entfernt hatte, schreibt Nádas einen zutiefst demokratischen Roman. Länderübergreifend, zeitübergreifend, geschlechterübergreifend.

Parallelgeschichten (1)

In der Taschenbuchausgabe von Nádas Parallelgeschichten wird der Spiegel zitiert: „Ein Meisterwerk, das Worte für etwas findet, das keine Sprache hat: Sexualität.“ So dumm die meisten Klappentexte sind, fällt mir dieser wieder ein, während ich die ersten Seiten lese, von diesem leicht hysterischen Studenten, der bei seinem Morgenlauf die Leiche im Tierpark gefunden hat.

Der feinfühlige Polizist, der ihn mit nebensächlichen Fragen zum Schweigen bringt. Diese Beobachtungen, wie ohnmächtig man dem eigenen Körper gegenüber ist, wie dieser Körper, mit dem man sich selten eins fühlt, einen verrät und beschämt.

Vielleicht ist es sogar das, worum es in erster Linie geht in diesem Roman, um die unterschiedlichen Geschichten, die sich in einem Menschen abspielen. Die Geschichten des Körpers, der sich nicht mehr kontrollieren lässt. Der einen unübersehbaren Widerspruch zum alles kontrollierenden Geist darstellt. Und wie Nádas Parallen dazu findet, in einer anderen Zeit, in einem anderen Land, in eben dieser Geschichte, die parallel dazu erzählt wird, in Ungarn, Jahrzehnte zuvor:

Zum Beispiel gab es zwischen dem sogenannten Arbeitszimmer und dem sogenannten Esszimmer eine pièce de dégager, eine Art Durchgangszimmer, einstmals das Rauchzimmer, in dem sie nur einen antiken chinesischen Teppich gelassen hatte. Allerdings hing von der Decke ein riesiger barocker Lüster. Die beiden Gegenstände passten weder zueinander noch zu dem relativ kleinen Raum, hatten auch keine wirkliche Funktion, trotzdem wirkten sie nicht peinlich. Sie kamen miteinander aus, starrten sich aus unüberbrückbarer Distanz an, hatten nichts miteinander gemein, verkörperten nur unterschiedliche Weltanschauungen. Das entsprach völlig dem Zeitgeist.“

Wie Nádas mich dazu bringt, das nicht einfach als eine Beschreibung von Räumlichkeiten zu lesen, sondern als Entsprechung zu diesem Leib-Seele Dualismus, ist großartig.

Ich hatte das Buch ja bereits kurz nach seinem Erscheinen gelesen. Allerdings nur mittels eines geliehen Exemplars, 40 Euro für ein Buch waren einfach nicht drin, jetzt, als Taschenbuch kostet es die Hälfte, und natürlich ist es das Doppelte und viel mehr wert, aber manchmal ist einfach das Geld knapp, und die Möglichkeit es zu lesen gab es ja auch ohne diese Ausgabe, um so glücklicher war ich, als ich das Buch jetzt für 20 Euro als Taschenbuch kaufen konnte. Wie sehr ich dieses Buch schon damals geliebt habe, fällt mir erst jetzt, beim zweiten Lesen auf. Sofort fühle ich mich wieder zu Hause in der großbürgerlichen Wohnung in Budapest in der Gyöngyvér ein Fremdkörper ist.

Dieser Name; ein Teil Perle, der andere Blut, Schneewittchen und Aschenputtel, aber mit gebräunter Haut und einer Leidenschaft für den Gesang. Und der Mann, der sie nicht gerettet hat und sie auch nicht retten will, ist kein Prinz, aber trotz allem ein Sohn. Das alles weiß ich zu diesem Zeitpunkt aber lediglich dank der früheren Lektüre, zunächst lese ich die Geschichte des Hauses, in dem sich die Wohnung befindet, in der Gyöngyvér mit Agó, seiner Mutter, seinem Cousin und der Hausangestellten und ihrem vierjährigen Sohn, weniger lebt als geduldet wird.

Kein Wunder, dass von Architektur die Rede ist, weil dieser Roman eine perfekte Architektur hat, eine, die man nur mit äußerster Konzentration und frühestens beim zweiten Lesen entdeckt, wie sich der zerfallene Dachstuhl wiederfindet in der Geschichte von den plündernden Truppen zum Beispiel.