Isabelle Lehn – Frühlingserwachen – wieder keine Rezension

In der Volltext kürzlich einen schönen Artikel von Jan Wilm über Isabelle Lehn (und Eileen Myles, mit deren Buch ich allerdings sehr wenig anfangen konnte) gelesen, und neugierig geworden auf ein Buch, das Wilm zu diesen ziemlich wertvollen Überlegungen zum Scheitern bei Lehn gebracht hat: „Die entscheidende Dynamik des Romans ist eine Beckett´sche – das bessere Scheitern, no matter, try again, fail again, fail better. Es ist Isabelle nicht nur egal, dass sie scheitert. Ihr Scheitern ist eine Entscheidung fürs Scheitern – und die Entscheidung nimmt der Existenz-Kontingenz die schicksalhafte Kraft und macht aus Opfer Akteur.“

Das Buch wollte ich lesen. Und als ich es dann zu lesen anfing, die schöne, immer wieder erstaunliche Erkenntnis, dass auch andere das kennen: sich selbst müde sein.

Andererseits eine seltsame Erkenntnis, dass ich mich hier vor fast 20 Jahren wiederfinde, wie ich mich damit auseinanderzusetzen versuche, zu altern. Seit so langer Zeit schon. Und ich werde nicht fertig damit.

Aber darum geht es eigentlich nicht. Eher um solche Stellen:

„Ich bekomme auch graue Schamhaare. Es sieht wie angeschimmelt aus, es muss ein Irrtum sein, und ich fühle mich von meinem Körper betrogen. Es ist bloß Melanin, sage ich mir, und trotzdem fühlt es sich falsch an: der Gedanke, vielleicht doch noch ein Kind zu kriegen, irgendwann später, wenn das erste, was dieses Kind von der Welt sehen wird, das graue Schamhaar seiner schimmelnden Mutter ist.“

Ich meine, ja, das ist witzig. Und überspitzt, und trotzdem charakterisiert so eine Überlegung ja nicht nur die Figur, sondern ist etwas typisch weibliches. Weil, behaupte ich mal, ein Mann, selbst wenn er derjenige wäre, der die Kinder zur Welt bringen würde, sich niemals derartige Gedanken machen würde. Und wir Frauen müssten das doch auch nicht. Warum ist es dann trotzdem gar nicht abwegig, dass eine Frau so denkt?

Für eine Antwort kann man endlos lange wissenschaftliche Theorien heranziehen, oder sich ehrlich fragen. Sich einfach so, ohne wissenschaftliche oder sonstwie zitierfähige Quellen, dieser unbequemen Frage stellen. Humor macht es sicher weniger lamoryant. Weniger schmerzhaft nicht.

Bei Lehn klingt das so:

„Die Wahrheit über die Erfahrung als weiblicher Körper ist das damit verbundene Bewusstsein der Scham. […] Der Körper, der von mir erwartet wird, ist weder stumm noch zu laut, weder wütend noch traurig. […] Mein Körper, der an sich leidet und immerzu etwas vermisst.“

Erwartungen, Scham, Ungenügen, Mangelhaftigkeit. Als typisch weibliche Erfahrungen.

Und was eine Frau daraus machen kann.

Ehrlich zu sich selbst sein, und Kohärenz und Schönheit in das Scheitern bringen, ohne es (das Scheitern, das Versagen und nicht fertig werden) zu verbergen. Vielleicht ist es in allererster Linie das, worum es mir geht. Was mich befreien könnte. Mir so eine Grundehrlichkeit erarbeiten, die ja letztendlich auch Freiheit ist. Befreiung.

Und noch einmal Lehn:

„Dabei glaube ich an den Verstand. Ich glaube an den freien Willen, die Kraft der Gedanken, die Selbstheilungskräfte des Körpers durch Achtsamkeit, an die Gnade der späten Geburt, ich glaube an unverdiente Privilegierung und sogar daran, ein gutes Leben zu führen. Aber ich glaube auch an Stoffwechselstörungen. Ich glaube an Biochemie, Serotoninmangel und erhöhte Entzündungswerte, an Schlafmangel und Reizüberflutung, ich glaube an Erschöpfungszustände. Alkohol und Nikotin, an Penetration und die Sehnsucht nach Selbstaufgabe. Ich glaube an die Würde des Scheiterns, an die Komik des Leids, ich glaube an die Schamlosigkeit, an die Stärke der Schwäche, die Wirksamkeit von Psychopharmaka und an das Recht darauf, mir helfen zu lassen.“

Ich bin durchaus nicht immer einer Meinung mit der Isabelle Lehn aus Frühlingserwachen, aber ich mag diese Art zu schreiben, dieses teilweise essayistische. Die Verbindung von wissenschaftlichen Zitaten und Tagesnachrichten mit persönlichen Erfahrungen, Erlebnissen, Bekenntnissen.

Im Grunde genommen leide ich immer noch unter diesem Irrglauben, es gäbe richtig und falsch, und richtig bedeutet alles zu berücksichtigen und so allein durch Fleiß und Einsicht zur ultima ratio zu gelangen. Nicht durch Auseinandersetzung und Kompromisse.

Die Auseinandersetzung lese ich lieber als sie selbst zu praktizieren, vielleicht auch im Glauben, ich könnte es durch das Lesen der richtigen Bücher lernen. Ein Glaube, der mich schon sehr lange begleitet. Und den ich auch gar nicht aufgeben will.

Wie dem auch sei, in Lehns Frühlingserwachen sind mir die Stellen an denen die Protagonistin über ihren Körper spricht wichtig. Da ist auf einmal die Freundin, die ich eigentlich nie hatte. Die über diese Blutmassen spricht, die während der Menstruation aus einer herausfließen, über die Bauchkrämpfe und all die peinlichen Situationen, wenn Frau die Kleidung durchgeblutet hat, wenn man Nachts von einem Schwall Blut geweckt wird, den kein Tampon aufsaugen zu können scheint. Als meine Freundinnen und ich das erste Mal die Regel bekamen, sprach man höchstens verschlüsselt und verschämt von der „Tante aus Bad Rothenfelde, die zu Besuch war“. Und auch später fühlte ich mich immer allein mit dem Gefühl alle drei Wochen mindestens 5 Tage ziemlich eingeschränkt zu sein, in dem was ich tun konnte, immer ängstlich darauf bedacht, nicht irgendwo Blutflecken zu hinterlassen.

Glücklich meine Tage zu bekommen, war ich nur dann, wenn ich befürchtete, schwanger zu sein. Eine der schönsten Nebenwirkungen der dann einige Jahre später sehr gewollten Schwangerschaft war das Ausbleiben der Regel.

Die Frauen in meiner Umgebung, die überhaupt über so etwas sprachen, fanden es unbegreiflicherweise schön zu bluten. Sie fühlten sich gut oder sogar noch besser. Also musste das Problem eindeutig bei mir liegen. Ich hatte es nicht im Griff. Ich hatte eine falsche Einstellung zu meinem Körper.

Erst kürzlich erzählte mir eine Freundin, sie wolle gar nicht wissen, ob sie schon in der Menopause sei (aus irgendeinem verhütungstechnischen Grund blutet sie nie). Sie möchte sich lieber weiter als „richtige“ (sic!) Frau fühlen. Und jetzt habe ich dank Isabelle Lehn (und Liv Strömquist. Dazu bald mehr) wenigstens einige für mich außerordentlich befreiende Sätze, die mich glauben lassen, dass vielleicht gar nicht ich es bin, die falsch ist. Dass der Fehler an einer ganz anderen Stelle zu suchen ist.

Ich habe jetzt zugegebenerweise sehr viel mehr über mich als über Isabelle Lehns Buch geschrieben. Über das Buch selbst kann man hier und hier und hier nachlesen oder hören. Oder noch besser: gleich das Buch selbst lesen.

Les Indes galantes

Zärtlichkeit und Wut, gestern und heute geben einander die Hand. Bilden einen Körper, der tanzt. (und vielleicht sind wir genau das; in Körpern gefangene Zärtlichkeiten, die mit der Wut kämpfen).

(13)

Ich wache auf und salutiere vor der Angst. Die Schmerzen segeln fast behutsam durch den Körper.

Hände und Köpfe, die geschüttelt werden. Die fortwährende Beschäftigung mit sich selbst. Das ganze Leben ausgerichtet als Wettbewerb.

Alter

Ist es so, dass das Alter den Körper beraubt, dass uns das Alter den Körper raubt (wie der Titel von Antije Krogs Gedichtband nahezulegen scheint)?

„mein körper verkörpert

mich“

schreibt sie.

15. Dezember

Während ich ein Interview mit Ulrike Draesner lese, (für die Subsong Besprechung, die schon lange überfällig ist), wird mir eine sehr willkommene Nebenwirkung der Knausgard Lektüre offenbar.

Meine ersten ernsthaften erwachsenen Schreibveruche, kommentierte S. mit der Einschätzung, dass das ein Niveau sei, das ich unmöglich durchhalten könne. Etwas, das mich damals entmutigt hat, weil ich es nicht verstanden habe. Heute begreife ich, er hatte Recht. Das sehr anspruchsvolle, hoch verdichtete und poetische, gehört ins Gedicht, in kurze Texte, nicht in einen langen fließenden Prosatext, wo es sowohl Leser als auch Autor überfordert.

 

Vor dem Fenster spricht C. geduldig mit dem kleinen Mädchen, das erst kürzlich in unsere Straße gezogen ist. Als wir selbst hier her zogen, war C. noch ein kleines Mädchen, ein Kind.

Ich selbst wäre gern wieder Anfang vierzig, Mitte dreißig. Schwieriger schon, mir vorzustellen, wieder 26 zu sein. Alles magische Alterstufen für mich. Wendepunkte. Aber ob ich wirklich noch einmal jung sein möchte? So ganz unerfahren anstrengend jung?

Mary Baumeister sagt in diesem Interview, dass ihr ihr Körper langsam lästig wird, und das wäre auch gut so, weil sonst ja niemand sterben wollte. Genau den Satz hat vor einigen Monaten meine Ärztin mir gegenüber gesagt.

Ab einem gewissen Alter wäre Leben also eine Einübung, ein Weg zu einem Einverständnis mit dem eigenen Tod.

Geburt

Ich sah mein Leben
aus mir herausstürzen
ohne im geringsten zu begreifen

jetzt war ich bereit
alle Fehler weiter zu vererben

Schuld auf mich zu laden
um die frisch entstandene Leere
in meinem Körper
zu füllen

Ein Ort der Trauer
von dem sich das Leben zurückzog
während du blühtest

Der eigene Tod – Péter Nádas

Während ich viel zu selten dazu komme in den Parallelgeschichten zu lesen, hat mich irgendetwas dazu veranlasst noch einmal „Der eigene Tod“ von Nádas zu lesen. Jetzt kommt es mir vor, als würde ich vieles wiedererkennen. Nicht nur die gefäßerweiternde nytroglyzerinhaltige Tablett unter der Zunge, die Frau Erna immer bei sich trägt und das verbrannte Fleisch, vielmehr die Bedeutung des Körpers, in dem zusammenläuft, was wir für gewöhnlich weder verstehen noch überblicken können.

 

Als hätte er diese Fähigkeit aus dem Nahtod – Erlebnis in die Literatur hinübergerettet, ins Leben mitgenommen: „Das Zurückblicken vereint unterschiedliche Perspektiven des Bewusstseins in sich.“

 

Diese Fähigkeit zur Vereinigung ist ja das, was die Parallelgeschichten ausmacht.