Entzauberung

Früher gab es auch keine leitenden Fragen, kein größeres Selbstbewusstsein, keinen unbedingten Glauben an mein Talent. Aber es gab die Leidenschaft und die Liebe zur Poesie. Die Verzauberung all derer, die Poesie zustande brachten, statt der Entzauberung des Betriebs.

Das neue Knausgard Buch ist da. Der letzte Teil, und damit all die Interviews, Berichte von der Lesereise. Frankfurt, Berlin, München. Und ich erinnere mich, wie ich nach längerem Widerstand schließlich mit dem dritten Teil angefangen habe, „Spielen“, und was für ein befreiendes, Mut machendes Gefühl es war, diese so ganz andere (sehr einfache, scheinbar aufrichtige, intime und unverstellte) Art von Literatur zu lesen, während ich mir einen Platz unter den Intellektuellen im Literaturbetrieb erarbeitet hatte. Während ich da, ständig überfordert, am Rand agierte, und sich von besprochenem Buch zu besprechenden Buch, alles zunehmend falsch anfühlte. Ich fehl am Platz, eine, die nur so tut als ob, aber keinen Mut hat, die Maske abzulegen.

Nachdenken über Form

Wenn Form mit Festhalten, mit Bewegungslosigkeit assoziiert wird, kann ich verstehen, dass man sie ablehnt, sie fürchtet.

Andererseits, was wäre das Leben ohne Form? Die Gedanken, Empfindungen, Ängste, was würden sie aus uns machen, in welcher Weise würden sie sich unseres Lebens bemächtigen, es vereinnahmen, wenn wir nicht die Möglichkeit hätten, demm allen eine Form zu geben. Eine Form die einem gegenübertritt, der man selbst gegenübertreten kann, wie etwas Fremden, etwas eigenem. Etwas, mit dem man sich auseinander setzen, das man vielleicht sogar verändern kann.

Und natürlich fällt mir dazu ein Zitat aus „Alles hat seine Zeit“ ein.

„Bekanntermaßen können die Engel jede beliebige Form annehmen. Weniger bekannt ist hingegen, dass die Form, die sie annehmen, für sie auch eine Bedrohung darstellt. Halten sie zu lange an ihr fest, beginnt die Form sie zu prägen, und falls sie die Warnsignale nicht erkennen, wird die Form sie schließlich vollends vereinnahmen.“

Womit der Kreis sich schließt, weil Form hier wieder zu einer Bedrohung, zu etwas Einengendem wird.

Wie überall und immer wieder im Leben, ist es auch hier die Frage der Balance, immer wieder muss das Gleichgewicht neu austariert werden.

Knausgard

Hypnotisierende Genauigkeit bescheinigt Mikael Krogerus in seinem lesenswerten Artikel in der Freitag Karl Ove Knausgard, der dort zitiert wird: „sich nichts vormachen, dort bleiben, wo man wirklich ist. Ich wollte so tief im Kleinen verschwinden, dass sich die großen Linien auflösen. Ich schrieb über Windeln wie Joyce über Dublin.“

Abgesehen davon, dass auch ich süchtig bin nach Knausgards Büchern, dass ich nicht aufhören kann zu lesen, wenn ich einmal angefangen habe, ist das, was er mit diesen Büchern tut, beängstigend. Erschreckend. Knausgard liefert jeden, der ihm über den Weg gelaufen ist, der Öffentlichkeit aus. Er macht nicht Halt vor seinen Kindern, nicht vor seiner Frau, vor niemandem, der ihm vertraut hat, der gar keine andere Wahl hatte, als ihm zu vertrauen, sich auszuliefern. Ich weiß nicht, ob ihm egal ist, was er dadurch, durch sein Schreiben, in ihren Leben anrichtet. Ich glaube nicht, dass es ihm egal ist, aber er kann offenbar nicht anders handeln. Es ist ein Zwang, dem nachzugeben ihn nicht einmal für die Zeit der Niederschrift glücklich macht. Ist das Ehrlichkeit, Provokation, Rücksichtslosigkeit? Unverantwortlich, oder eine ganz andere, schwer zu erfassende, Art von Verantwortung?

Ich bekomme eine Ahnung davon, wie es ist, wenn man blindlings Dinge tut, sich treiben lässt, von denen man erst hinterher, nach und nach ermessen kann, welches Ausmaß sie haben, was man damit angerichtet hat.

Und doch hat er weiter gemacht. Nicht nur weiter geschrieben, sondern auf genau diese Art und Weise weiter geschrieben.

Und wenn ich mich davon dermaßen gefangen nehmen lasse, wenn ich mich davon ermutigen lasse, mich wieder finde, an manchen Stellen verstanden fühle, kann das alles nicht darüber hinweg täuschen, dass es auch ein gutes Stück Voyeurismus ist, das mit Knausgards Büchern bedient wird. Nicht nur die Sehnsucht danach, kompromisslos aufrichtig zu sein und auf nichts und niemanden Rücksicht zu nehmen, sich etwas zu überlassen, über das man keine Kontrolle hat.

Ein kurzer Rausch und die ausufernden, schmerzhaften, nicht absehbaren Folgen.

01. April

Blitze, Regen, Sonne, Hagel, Schnee. Seit drei Tagen geht das schon so. Als würde sich das Wetter bemüßigt fühlen, mein Gefühlschaos wieder zu geben.

Nachdem ich zum ersten Mal Knausgard gelesen habe, wurde mir immer deutlicher, dass ich mir insbesondere in den letzten Jahren, regelrecht verboten habe, diese Art Bücher zu lesen, die mir Spaß machen, ohne mich intellektuell allzu sehr zu fordern. Bücher, die einfach Geschichten erzählen, die von Menschen erzählen, von ihren Verletzungen. Ganz einfach und deutlich. Ganz und gar nicht experimentell, ohne den Zugriff oder Rückgriff auf die Art von Philosophie, die mich immer wieder an die Grenzen meines Denk- und Vorstellungsvermögens bringt.

Was natürlich nicht heißt, dass diese Art Bücher, die Grenzen angehen, die experimentieren, weniger Wert sind, sie passten nur nicht zu mir. All diese Bücher, in denen sich Dichter um ihre Poetologie, um die Lage der Dichtung und ihre Bedeutung Gedanken machen, überfordern mich, sprechen aus und von einer Welt, zu der ich verzweifelt Zugang gesucht habe, ohne zu ahnen, dass ich mich dort nie wohl fühlen würde.

Erinnerungen

Knausgard geht ja tatsächlich noch einmal zurück, versucht nicht nur zu verstehen, was ihm widerfahren ist, wie er geworden ist, was er nun ist, sondern er durchlebt das alles noch einmal, einschließlich der Peinlichkeit, die darin liegt, es mit diesem Abstand zu sehen, aus dieser „reifen“ Perspektive.

Ich war so alt wie P. jetzt, als ich den Unfall hatte, vielleicht etwas jünger. Dabei habe ich mich viel kindlicher in Erinnerung. Der Besuch, der im Krankenhaus um mein Bett herumstand, während ich auf der Bettpfanne saß, und vor Peinlichkeit starb, ohne die geringste Idee, wie ich aus dieser Situation herauskommen könnte. Raudi, der Stofftierhund, den ich geschenkt bekam, jemand (A.?), der mir Pommes und Currywurst ins Krankenhaus brachte, wie ich mir das gewünscht hatte. Kein Rap, kein Smartphone, keine Youtube Videos. Stattdessen lautmalerische Textmitschriften der Beatles Lieder und hart erkämpfte Verabredungen

18. Dezember

Natürlich beschreibt Knausgard auch das Elternsein mit einer unerhörten Aufrichtigkeit. Diese zwei Seiten; die unendlich liebevollen Gedanken und die eigenen Grenzen, die im alltäglichen Umgang so schnell erreicht sind.

Es ist eine Sache, die Widersprüchlichkeiten auszuhalten, die unser Leben durchziehen. Bestimmen. Eine andere, sie auszusprechen. Aufzuschreiben. Und noch einmal etwas ganz anderes, sich wirklich tief in sie hinein zu begeben.

Ich habe damals beides nicht ausgehalten, nicht die Kinder abzugeben, in eine Kita, zu einer Tagesmutter, und nicht, sie den ganzen Tag zu versorgen, zu umsorgen, für sie da zu sein. Drei Jahre lang. Dann kam der unvermeidliche Kindergarten. Unvermeidlich für beide Seiten. Für mich genauso wie für sie. Und trotzdem war es natürlich ein Verrat. Und auch das war beiden Seiten bewusst.

„Putzen, Waschen, Essen kochen, spülen, einkaufen, mit den Kindern auf dem Spielplatz tollen, sie hereinholen und ausziehen, sie baden, sie beaufsichtigen, bis sie ins Bett müssen, sie zu Bett bringen, Kleider zum Trocknen aufhängen, Kleider zusammenfalten und in Schränke legen, aufräumen, Tische, Stühle und Schränke abwischen. Es ist ein Kampf, und auch wenn er nicht heroisch ist, wird er doch gegen eine Übermacht ausgefochten, […]“

Bei Ulrike Draesner klingt das so:

„putzen staubsaugen rotz abwischen geschürftes knie/bauch streicheln zum einschlafen oder wenn er wehtut/ein bettlied singen vorlesen die beine spreizen empfänglich/ und tröstlich sein die wäsche in die trommel stopfen/ schamhaare aus dem abfluß fischen zum zehnten mal/ den klodeckel schließen die gesamten becher der familie/ auf der spülmaschine abgestellt in die maschine räumen/ fluchen aber unhörbar an die erziehung des mannes […]“

Und beides trifft nicht nur meine Lebenswelt, sondern vermutlich die von 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung. Man nennt es Alltag. Nicht weiter erwähnenswert. Nichts desto weniger: ein Kampf.

 

17. Dezember

Mit ziemlicher Sicherheit bezieht sich Knausgard auf dieses Bild Rembrandts, wenn er schreibt: „[…] dieses eine Bild in der National Gallery ist einen Hauch klassisch realistischer und wirklichkeitsnäher gemalt, steht dem Ausdruck des jungen Rembrandt näher. Was das Bild jedoch darstellt, ist der Alte. Es ist das Alter. […] Doch die Augen sind klar, wenn auch nicht jung, so doch außerhalb der Zeit stehend, die dieses Gesicht ansonsten prägt.“

Natürlich muss ich sofort an Peter Kurzeck denken, der ein großer Verehrer Rembrandts war, immer wieder taucht Rembrandt in seinen Büchern auf. Und die Sache mit den Augen erinnert mich an dieses Video, das ich im Heinz Nixdorf Museum gesehen habe, in dem ein Mensch im Zeitraffer gealtert ist, und wie ich da dachte, dass es eigentlich nur die Augen sind, die mich erkennen lassen, dass es derselbe Mensch ist, alle Altersstufen hindurch. Knausgard geht noch weiter, er behauptet: „Das im Menschen, was die Zeit nicht anrührt und woher das Licht in den Augen kommt“, sei eben die „Seele“.

Ich habe es natürlich nicht durchgehalten, „Sterben“ erst in Berlin anzufangen, erst wenn die ausstehenden Arbeiten erledigt sind. Und ich könnte jetzt noch seitenlang schreiben, über diese Lektüre, darüber wie er den Kampf beschreibt, der das Leben ist, von dem vielleicht nur die Augen unberührt bleiben. Aber das verschiebe ich auf morgen.

14. Dezember

Gestern während der langen Autofahrt zum Auswärtsspiel der Jungs vollkommen überrascht, wie viel Farbe die Natur Mitte Dezember noch aufbieten kann, gelbe Felder, rotes Laub, grüne Rasenflächen, und natürlich das unvermeidliche Grau.

 

Morgens, noch vor der Fahrt, die letzten Seiten von „Spielen“ gelesen.

Neben all dem, was völlig zu Recht in den Besprechungen über Knausgard erwähnt wird, ist es seine Geduld mit sich selbst, die mich beruhigt und die Tatsache, dass er sich nicht beurteilt, nur mit einer bewundernswert mutigen Aufrichtigkeit beschreibt, die mich so für ihn einnimmt, die mich so in einem Buch verschwinden lassen, wie mir das schon sehr lange nicht mehr beim Lesen passiert ist.

Das Schönste ist aber, dass Knausgard mir Mut macht, auszusteigen, nicht mehr dem hinterher zu laufen, was ich so lange als richtungsweisend angesehen habe, gerade weil ich dem Ganzen intellektuell nicht gewachsen bin. Dieses Dazugehörenwollen endlich aufgeben zu können.