Die Rückseite des Glücks

Die Wurzeln, das Wissen, die Liebe. Wer man ist, und wie man sich ein Leben lang hinter Fakten versteckt.

Ich verstecke mich in einem Koffer, den andere für mich gepackt haben. Aber eingerichtet habe ich mich selbst in all dieser Falschheit.

Glücklich zu sein ist so schwer. Weil es das Glück nur vor dem Hintergrund des Unglücks, des Verlustes gibt. Du hast Kinder, liebst sie über alles, was dich nicht davor bewahrt, Fehler zu machen. Sie gehen lassen zu müssen. Und plötzlich tun diese kostbaren Erinnerungen weh, gerade weil sie so einzigartig und unwiederholbar sind.

Wir sind traurig, weil wir einmal glücklich gewesen sind.

Kunst

“Kunst ist nicht Reinheit, sie ist Reinigung. Kunst ist nicht Freiheit, sie ist Befreiung (…) sie ist nicht Unschuld, sondern Unschuldigwerden. Vielleicht sind deshalb Ausstellungen von Kinderzeichnungen, so schön sie sein mögen, nicht eigentlich Kunstausstellungen. Und deshalb wäre es, wenn die Kinder malen wie Picasso, vielleicht gerechter, Picasso zu preisen als die Kinder. Das Kind ist unschuldig, Picasso ist unschuldig geworden.“

(Clarice Lispector)

Romeo

Die Zeit schloss mich ein. Wie die Dornen und der Schlaf Dornröschen in ihrem Schloss. Unter dem Fenster fremdes Lachen, dabei sollte Romeo dort stehen. Jeder hat einen Romeo verdient und jeder hat verdient, dass einer seine Geschichte aufschreibt, so wie Shakespeare es getan hätte.

Wir aber schaukeln auf und ab auf den Lianen unserer Vernunft. Kommt Schlaf, kommt Rat. Bleibt er aus, versumpft alles in Niedergeschlagenheit. Wir haben unsere Kinder geschlagen. Heute reden wir von Baustellen. Dass wir etwas aufgebaut haben, damit unsere Kinder es besser haben, wenn sie später ihre eigenen Kinder schlagen. Erst auf dem Sterbebett, während der letzten Atemzüge, erkennen wir, es hätte genügt, wir selbst zu sein. Zu uns zu stehen, wäre mehr gewesen. So waren wir Eingeschlossene der Zeit, unfähig einmal auszutreten aus all dem Haben und Sollen, um einfach zu sein. Wie der kleine Junge am Fenster, der still und selbstvergessen, nur für sich, einfach nur tanzt.

Sprachlosigkeit

Die Zweifel. Und wie man sie täglich überwindet.

Die Vergangenheit beginnt sie aufzufressen, zu verzehren. Bis sie merkt, es gibt eine Vergangenheit, die nichts bedeutet, die lediglich eine Geschichte ist, und eine andere, Vergangenheit, die weh tut.

Es gibt Schichten von Vergangenheit, so wie es gute und schlechte Schmerzen gibt. Was es nicht gibt für sie ist Schmerzfreiheit, Zeitlosigkeit.

Die Vergangenheit ist jetzt, ist ein Teil ihrer Zellen, ihrer Gegenwart. Ein lebender Umkreis um eine leere Mitte. Die letzten warmen Tage des Jahres. Eine Menge unnütze (überflüssige) Informationen, und andere, bedeutende, Botschaften, die sie nicht entschlüsseln kann. Die Geschichte, die ihr Körper über sie erzählt, und die andere Geschichte, die der Verstand erzählt. Und sie selbst ist das, was von diesem Widerstreit sichtbar wird. An die Oberfläche dringt. Also für jeden etwas anderes. Viele unterschiedliche Geschichten. Und doch heißt Individuum das Unteilbare. Krank, alt, verständnislos. Sie sieht ein, dass das nicht teilbar ist. Dass es sich auflösen muss in eine Vielzahl von Geschichten, die nie (?) etwas mit ihr zu tun haben, oder nur zufällig, sondern mit demjenigen, der sie sich ausdenkt, sie glaubt. Sie vielleicht sogar für die einzig mögliche Wahrheit hält. Die Sprache und ihre Sprengkraft.

Ihre Kinder kennen sie nicht anders als mit einem Stapel Bücher auf dem Arm. Oder mit einem Stift in der Hand. Die Mütter in den Büchern, die sie vorgelesen bekommen, gehen ins Büro, stehen mit einem Kochlöffel in der Hand in der Küche, trinken mit Freundinnen Kaffee, telefonieren, treiben Sport. Sie nie. Sie liest und schreibt. Sie ist immer da. Und immer allein.

Sie ist eine Zumutung. Unbeständig in ihrer Bewegungslosigkeit.

Immer wenn sie einen Versuch macht, aufzubrechen, in die Welt zu gehen, die Bücher und den Stift gegen Handlungen, Bewegungen, Welt, einzutauschen, hält eine neue Krankheit sie zurück. Fesselt sie ans Bett, macht ihre Pläne zunichte. Sie beschwert sich nicht, jammert nicht. Sie bleibt, klaglos. Nicht präsent, aber anwesend.

Die Kinder leiden. Gemeinsam mit ihr oder stellvertretend. Wünschen sich weg, wünschen sie weg. Spüren, wie sie das schlechte Gewissen zurückhält.

Forderungen, die nie ausgesprochen werden.

Später werden sie sagen: es war die Sprachlosigkeit, die uns zusammen gehalten hat, und mit einem traurigen Lächeln hinzufügen: Bei einer derart sprachverliebten Mutter.

Glaube

Das Licht malte Kreuze in die Zimmer, wie in den minimalistischen japanischen Kirchen. Es gab die Augen der Kinder. Und niemanden mehr, der sie ansah. Es gab die Trauer. Und keine Möglichkeit, sie zu teilen.

Keine Augenblicke, keine Wut, nur diesen tauben Schmerz und das Versprechen, er werde ewig bleiben.

Alte Schattenbilder, neue Schattenbilder.

Das Beste, was du erreichen kannst, ist eine gewisse Ähnlichkeit.

Und dann der Moment. Das Messer.

Wenn keiner dir glaubt.

 

(36)

Briefe an das Leben schreiben, an ein sich veränderndes und gleichzeitig beunruhigend starr bleibendes Ich. Der letzte Sommer. Bevor zum ersten Mal das Unfassbare geschah. Wir haben unsere Leben. Und die Gefangenschaft in Vorstellungen. Die wir schreibend befreien könnten. Hätten wir den Mut und die Ausdauer.

Beim Kaffeetrinken in der Stehcafeteria erzählte der Prof, dass er seinen Hund im überheizten Auto verenden ließ. Während die sehr schöne, sehr charismatische Studentin von ihrem Praktikum im Hamburger Strafvollzug berichtete.

Danach geschah einige Jahre lang nichts. Keine auf Papier aufgezeichneten Schwingen, keine plötzlichen Todesfälle, keine aufregenden Bekanntschaften. Keine Krankheiten und Liebesdramen. Stattdessen Alltag. Umzüge, die ganz normale Geldnot. Der ungeteilte Kinderwunsch.

Sie bezogen eine kleine Wohnung mit zwei sehr kleinen und einem mittelgroßen Zimmer und malten die Wände bunt an. Einmal übernachtete B. mit ihrem Freund dort. Danach brach der Kontakt ab.

Die Parks und Wälder. Die unerträglichen Kopfschmerzen. Jemand, der all die Zeit, trotz allem, bei mir geblieben ist. Der Hund und unsere Spaziergänge. Der Tischapparat. Die Mensa. Aber das war schon wieder eine andere Wohnung. Und ich nur noch ein bisschen jung. Längst an der Schwelle endgültig erwachsen zu werden. Was sehr schwierig ist, ohne Kinder zu haben.

11. Mai

Barfuß in der Küche stehen, Frikadellen kneten. Das Vater-Mutter-Kind-Spiel von früher. Nur das es jetzt echt ist. Die Kinder echte Kinder, das Essen echtes Essen. Und das Spiel?