M is for mother

Wie macht man das, fragt das Kind- wie wächst man über sich hinaus? Und wo ist man dann? Im Himmel? Bei Sonne und Mond? Und wo bleibt das, worüber man hinaus gewachsen ist?

Lass es gut sein, sagt die Mutter und schließt müde die Tür.

25. Dezember

Ich glaube diese Sache mit der Kreuzigung nicht so wörtlich, habe ich zu M. gesagt, und dann hatte ich nicht den Mut, zu sagen, wie ich es meine. Dass wir (jeder einzelne von uns mit seiner Angst und Negativität) Jesus immer wieder ans Kreuz nagelt. Und dass ebenso jeder von uns das Potential hat, ihn wieder auferstehen zu lassen.

Weihnachten ist, wenn jeder erkennt, dass er selbst das Kind in der Krippe ist, wie U. es gesagt hat. Oder S, die sagt: das sind alles wir.

Denken. Vor. Stellen

Rot gemusterte Stiefel und ein Kind, das seine eigene Kindheit versäumt hat. Meine Freundlichkeit, Fremdartigkeit, Gefühlsduseligkeit vor die Tür gebeten. Und vor dem Fenster steht der Schmerz und spielt (hässlich und schief) in der verkümmernden Hoffnung, endlich wahrgenommen zu werden.

Wir aber. Liegen am Rand der Verzweiflung. Und denken. Das genügt.

Der Schuh

Der Mann hatte seinen Schuh verloren, und das Kind hatte sich gefreut.

Aus seiner Freude, etwas Wasser, einigen Kieselsteinen und Blättern, sowie seiner unschlagbaren (überbordend, sagte der Vater, unheilvoll die Mutter) Fantasie, hatte das Kind ein Aquarium aus dem verlustig gegangenen Schuh gemacht. Es hatte den Schuh verzaubert, wie es selbst sagte. Die Mutter nannte den Zauber „entsetzlicher Dreck“, der Vater „ein wenig übertrieben“, und der Mann, der im dunklen Anzug mit einem noch dunkleren Blick vor der Tür stand, nannte ihn „mein verlorener Schuh“.

 

Das Kind

Vielleicht bin ich verwechselt worden, dachte das Kind, und seine Mutter erzählte ihm Geschichten des eigenen Fremdseins als Kind unter den Geschwistern, um ihm nah zu sein, um Gemeinschaft zu schaffen. Von der Überwindung des Fremdseins, davon, wie es geht ein Zuhause zu finden, eine Heimat, einen Platz und Menschen zu denen man gehört, davon erzählte sie nie. Dem Kind ist das nie aufgefallen. Oder vielleicht hat es das sehr wohl bemerkt, nur nicht mit dem Bewusstsein mit dem man Fragen stellt, und Widersprüche oder Bedürfnisse ausspricht, erfasst, aber mit dem Unbewussten. So dass es diese Tatsache jetzt, viele, viele Jahre später, zu Papier bringen kann. Immer noch mit der Frage beschäftigt, wer es ist.

Grausamkeit

Natürlich ist es nicht so einfach. Es ist nicht so, dass jemand daher kommt und sagt: Fürchte dich nicht, du bist in Sicherheit, und auf einmal überkommt dich eine überwältigende Ruhe und Gelassenheit, so dass du plötzlich ruhig, besonnen, tiefgründig und sinnlich über all diese Dinge schreiben kannst. Über die Seiten an dir, die du verachtest, für die du dich schämst, die du dir auch Jahre später nicht vergeben kannst. Über deine Niedertracht und Feigheit, darüber wie du Wesen, die sich nicht wehren konnten, gequält hast. Über dieses Böse, das von Anfang an in dir gewesen ist. Dass du häufig erfolgreich niedergerungen hast, aber manchmal eben auch nicht. Wie du als Kind den Hund, den du dir so sehr gewünscht hast, malträtiert hast. Vielleicht, könnten manche sagen, nur deshalb, weil du es nicht besser gewusst hast, du warst ja noch ein Kind, und wusstest nicht, was du tust. Aber da waren die Schreie des Hundes, sein Jaulen, seine vor Schreck geweiteten Augen, und natürlich hast du spätestens in diesem Moment verstanden, was du tust. Aber aufgehört hast du nicht.

Die Alten

Die Alten, die, die den Kindern sagen und beibringen, was richtig ist, und was falsch, gut und böse, wofür es sich zu kämpfen lohnt, all diese Dinge, die den weiteren Weg, das ganze Leben des Kindes bestimmen werden, sind schon so gut wie tot. Sie leben eigentlich nur noch, um diese Werte weiterzugeben. Und sobald das Kind das versteht, haben sie vielleicht noch ein paar Jahre, manchmal weniger, sehr selten mehr, bevor sie endgültig abtreten. Das ist unheimlich, denkt das Kind, das immer noch in der alten Frau steckt.

 

Kind

Kinder. Was bedeutet das: Kind? Bilder überlagern sich. Ich mit Schultüte und Zahnlücke, neben mir der Großvater (lachend) mit Hut, zu Hause (nicht auf dem Bild), die Großmutter, allein, wartend, am Fenster. Geduldig wie der Tod. Der sie warten lässt. Ein paar Jahre noch. Und ich, mit dem schönsten Baby der Welt, das ich stolz dem Sommer präsentiere. Dann bricht alles ab und ein. Eine Tür quietscht, eine andere fällt ins Schloss. Ich könnte beide Türen deuten, aber sie einfach offen zu lassen, fällt mir schwer.

Familie

„Darum beneide ich sie“, hatte Linda eines Abends vor nicht allzu langer Zeit gesagt, als wir in einer der Ecken des enormen Parks zu Abend gegessen hatten und mit den Kindern auf dem Heimweg waren.“ […]

Es geht um eine große Menschenansammlung, mehrere Generationen umfassend, die in diesem Park grillen und reden und lachen. Knausgard und Linda unterhalten sich über das Phänomen Großfamilie und Linda sagt: […] alles konzentriert sich so auf uns, auf mich, dich und die Kinder. Stell dir vor, wir hätten etwas, worin wir verschwinden könnten!“

Ich glaube, ich verstehe, was sie meint. Das Prinzip Familie, das Phänomen Großfamilie. Das Muster das an die Stelle der Konzentration auf die einzelnen Fäden, tritt. Ein großes „wir“ statt ich, du, Kind A., Kind B., mit allen seinen Eigenarten, der Versuch, jedem, aber auch sich selbst, gerecht zu werden, oder das Ganze im Blick zu haben, das Gleichgewicht weniger als das Gewicht, das in so einer Aussagen liegen kann: Wir sind eine Familie. Und das sind wir eben tatsächlich nicht, keine Großfamilie, nur die jeweils kleinen Einheiten, die sich eher gegeneinander behaupten, als sich im großen Gesamtzusammenhang aufzulösen.

Aber natürlich hat auch das seinen Preis.

Ich glaube ein großes, vermutlich grundlegendes, Problem unserer Gesellschaft, ist die Tatsache, dass wir nicht anerkennen wollen und können, dass auch die Freiheit ihre Schattenseiten hat, ihren Preis fordert, ebenso wie der Fortschritt. Dass es vermutlich absolut nichts gibt, das nur gut ist.