Kampf

Die klugen Sätze, die ich von mir gebe, und die dummen Dinge, die ich tue. Während hinter mir, vor dem Fenster, die Sonne den Kampf mit den Wolken gewinnt, und Stimmen erklingen. Stimmen, die das Wort „Kampf“ niemals neutral, nebenbei und unbewusst von sich geben können, weil es jedes Mal schlimmste Erinnerungen auslösen wird. Alles ist gut, heißt nicht, dass diese Erinnerungen ausgelöscht werden, nur, dass es bestenfalls möglich sein wird, in Frieden mit ihnen leben zu können.

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Alles hat seine Zeit – Karl Ove Knausgård

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Dieser ständige Kampf zwischen dem, was ich sein will, und dem was ich bin. Unstet, ruhelos, zum Leben verdammt, wie Kain (der immer der Zweite, der minderwertige war, beim Vater, vor Gott, der sich erklärt, leidet und sich windet, ohne aus seiner Haut, seiner Rolle, seinen eigenen Grenzen zu können), der sich ablehnt und hinterfragt, während Abel von vornherein sich, sein Denken und seine Sehnsucht auf etwas, das außerhalb von ihm selbst liegt, ausrichtet.

Dieses Böse, das immer wieder aufblitzt in meinen Gedanken. Gehässig, kränkend, abwertend.

Alles, woran man glaubt, beginnt zu existieren. Andererseits kann man Dinge nur überwinden, indem man sich ihnen stellt. Sie wahrnimmt.

 

Mut zum Versagen. Das Beste geben, auch wenn man von Vornherein denkt, es wird nicht genügen. Vielleicht gelingt so eine Überwindung der Eitelkeit.

 

Was Knausgard in „Alles hat seine Zeit“ vorwegnimmt, vorbereitet, ist die Auseinandersetzung mit den „männlichen Tugenden“, mit diesem Ethos, niemals Schwäche zeigen zu dürfen, mit Stolz und Macht und Ehre.

 

Alles hat seine Zeit – Karl Ove Knausgård

Wie Knausgard die Rollen von Kain und Abel verkehrt, eigentlich immer wieder, von der Oberfläche, von dem, was man sieht, zu dem wechselt, was hinter der Stirn vor sich geht, von Emotionen zu Gedanken, von scheinbar unausweichlichen Taten zum Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Handlung.

Er macht es sich nicht so leicht, wie die Bibel, kein Schwarz und weiß, gut und böse. Vielmehr die komplexe Vielfalt der Grautöne eines ganz gewöhnlichen Lebens. Je weiter die Geschichte von Kain und Abel fortschreitet, um so deutlicher wird, dass es auch um das Schreiben geht, um diesen besonderen Zustand, in dem man ganz ist, weil man sich los wird, sich auflöst in etwas, das größer ist, als man selbst. Und das Knausgard eigentlich sein eigenes Dilemma beschreibt, Kain, der Abel bittet bei ihnen zu bleiben, im Dorf, und Abel, der sich nach diesem Zustand sehnt, und bereit ist, den Preis zu zahlen. Im Grunde erzählt er schon in „Alles hat seine Zeit“ von seinem Kampf. Nur hoch verdichtet und metaphorisch, während er in den späteren Büchern sehr direkt ist.

 

18. Dezember

Natürlich beschreibt Knausgard auch das Elternsein mit einer unerhörten Aufrichtigkeit. Diese zwei Seiten; die unendlich liebevollen Gedanken und die eigenen Grenzen, die im alltäglichen Umgang so schnell erreicht sind.

Es ist eine Sache, die Widersprüchlichkeiten auszuhalten, die unser Leben durchziehen. Bestimmen. Eine andere, sie auszusprechen. Aufzuschreiben. Und noch einmal etwas ganz anderes, sich wirklich tief in sie hinein zu begeben.

Ich habe damals beides nicht ausgehalten, nicht die Kinder abzugeben, in eine Kita, zu einer Tagesmutter, und nicht, sie den ganzen Tag zu versorgen, zu umsorgen, für sie da zu sein. Drei Jahre lang. Dann kam der unvermeidliche Kindergarten. Unvermeidlich für beide Seiten. Für mich genauso wie für sie. Und trotzdem war es natürlich ein Verrat. Und auch das war beiden Seiten bewusst.

„Putzen, Waschen, Essen kochen, spülen, einkaufen, mit den Kindern auf dem Spielplatz tollen, sie hereinholen und ausziehen, sie baden, sie beaufsichtigen, bis sie ins Bett müssen, sie zu Bett bringen, Kleider zum Trocknen aufhängen, Kleider zusammenfalten und in Schränke legen, aufräumen, Tische, Stühle und Schränke abwischen. Es ist ein Kampf, und auch wenn er nicht heroisch ist, wird er doch gegen eine Übermacht ausgefochten, […]“

Bei Ulrike Draesner klingt das so:

„putzen staubsaugen rotz abwischen geschürftes knie/bauch streicheln zum einschlafen oder wenn er wehtut/ein bettlied singen vorlesen die beine spreizen empfänglich/ und tröstlich sein die wäsche in die trommel stopfen/ schamhaare aus dem abfluß fischen zum zehnten mal/ den klodeckel schließen die gesamten becher der familie/ auf der spülmaschine abgestellt in die maschine räumen/ fluchen aber unhörbar an die erziehung des mannes […]“

Und beides trifft nicht nur meine Lebenswelt, sondern vermutlich die von 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung. Man nennt es Alltag. Nicht weiter erwähnenswert. Nichts desto weniger: ein Kampf.