Alter

Blaue Stunden, für Didion sind sie das Versprechen und das Ende des Versprechens. „Blaue Stunden“, schreibt sie, „sind das Gegenteil sterbenden Glanzes, aber sie sind auch seine Vorboten.“

Wie alles gleichzeitig sein Gegenteil ist, und wie schwer diese Tatsache das Leben manchmal macht.

Wäre da nicht die Möglichkeit, sich zu entscheiden, was man sieht, worauf man sich konzentriert. Aber kann man das wirklich selbst entscheiden? Muss man nicht dem Schmerz seinen Raum geben, um die Freude auskosten zu können? So wie das Ende des Schmerzes nur der Anfang eines neuen Schmerzes ist? Eingebettet in die Freude, die Schönheit und Liebe, die auch immer da ist, und vielleicht ist die Angst das einzige, was wir wirklich überwinden müssen. Die Angst vor dem Schmerz. Und blau ist auf einmal nur eine Farbe, und Traurigkeit nur eine andere Art auf die Schönheit zu sehen.

 

Tief durchatmen und fortfahren das Falsche zu tun.

Wir werden andere. Wir lassen uns zurück.

 

Zur Frage der Angst, schreibt Didion: „Als ich diese Seiten zu schreiben begann, dachte ich, sie würden von Kindern handeln, von denen, die wir haben und von denen, die wir uns wünschen, davon, wie abhängig wir davon sind, dass unsere Kinder von uns abhängig sind, wie wir sie darin bestärken, Kinder zu bleiben, wie sie uns unbekannter bleiben als ihren entferntesten Freunden; wie wir für sie ähnlich undurchsichtig bleiben […] Wie wir das, was wir ineinander investieren, so überfrachten, dass wir den anderen nicht mehr klar sehen können. Wie weder wir noch sie es ertragen können, den Tod oder die Krankheit oder auch nur das Älterwerden des jeweils anderen in Erwägung zu ziehen.“

 

Diese Unfähigkeit, einander zu sehen, geschweige denn zu erkennen. All diese kraftraubende Widersprüchlichkeit immerzu.

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23. Dezember

Man sagte damals, als sie das Jahr magischen Denkens geschrieben hatte, über Joan Didion, und sagt es jetzt über Karl Ove Knausgard, dass gerade das sehr Persönliche Allgemeingültigkeit erhält.
Vielleicht meint man damit in erster Linie, die Aufrichtigkeit, nach der man sich sehnt.
Und Aufrichtigkeit, das ist zweierlei: zum einen, Fragen zu stellen, vielleicht sogar sich selbst in Frage zu stellen, und zum anderen, den Mut aufzubringen, sich lächerlich zu machen, verwundbar, weil man keine Antworten findet (die für andere überdeutlich zu Tage treten).

Vom Sinn der Erinnerung

 

In ihrem Essay „Vom Sinn, ein Notizbuch zu besitzen“, schreibt Joan Didion: „Sich daran erinnern, wie es war, ich zu sein: Darin liegt der Sinn.“

Wenn darin also der Sinn besteht, ein Notizbuch zu haben und zu führen, tut sich eine neue Frage auf: Was macht es für einen Sinn, mich zu erinnern, wie ich gewesen bin?

Dient diese Erinnerung dazu die Vergänglichkeit zu begreifen, die Verluste, das Fortschreiten, das man sich so wenig vorstellen konnte, wie es Möglichkeiten gab, es zu verhindern? Mir die Unmöglichkeit, mich selbst zu vergessen, vorzuführen?

Ich ändere mich. Meine Eitelkeit bleibt. Die Möglichkeit mir im Jetzt eine Heimat zu schaffen aber auch.*

*Diesen Gedanke verdanke (im Gedanken steckt das Wort Danke, das fällt mir jetzt beim Schreiben zum ersten Mal auf!) ich der Auseinandersetzung mit mir und dem, was mich beschäftigt, aber auch den vielen wunderbaren Kommentaren, die ich hier bekomme. 

 

Bekenntnisse

 

Habe ich Angst gehabt vor der (offensichtlichen) Schwäche meiner Mutter?

Vermutlich ja. Aber ich hätte es nie benennen können. So lange sie lebte, hätte ich es vermutlich geleugnet. Nicht im Sinne einer Lüge. Einfach aus Unkenntnis. Unkenntnis meiner Gefühle. Meiner selbst. Ich wusste nicht, wer ich bin, weil ich nicht wusste, woher ich kam. Ich verleugnete die Bedeutung von Herkunft. Meine eigene Bedeutung. Das ist meine Schwäche. Meine Angst. Mein Erbe.

Nicht jammern“, schreibt Joan Didion auf eine Karteikarte. „Nicht klagen. Härter arbeiten. Mehr Zeit allein verbringen.“

Ich will mich nicht mit Didion vergleichen, deren glasklaren, sich selbst gegenüber rücksichtslosen Stil, ich bewundere, aber diese Imperative kommen mir sehr vertraut vor. Diese Imperative sind meine (immer wieder wirkungslosen) Versuche der Angst etwas entgegen zu setzen. Sie zu überwinden. Um schließlich so etwas zu erreichen, wie einen bescheidenen Glauben an mich selbst. Die Eitelkeit eintauschen zu können gegen ein Bekenntnis. Ein Bekenntnis zu mir.

 

Blaue Stunden

Der Stapel mit den zu besprechenden Büchern ist nach wie vor hoch, aber seit gestern liegt „Blaue Stunden“ auf meinem Tisch, und ich kann nicht aufhören zu lesen, wie Joan Didion rücksichtslos sich selbst und die Welt erforscht, sich preisgibt und mit all ihren Schwächen präsentiert. Ich kann dieses Buch nicht lesen, ohne in einen Dialog zu treten, mich aufwühlen zu lassen und vieles in Frage zu stellen, gerade die Dinge, auf die ich keine Antworten habe, und die ich deswegen bislang nicht an mich heran gelassen habe.

„Da ich keine passende Antwort auf diese Fragen hatte, lehnte ich es ab, über sie nachzudenken.“

schreibt Didion und ich fühle mich erkannt (Nicht ertappt).

Es ist grausam, sich sterben zu sehen ohne Kinder. Das sagte Napoleon Bonaparte.

Lässt für die Sterblichen größeres Leid sich erdenken, als sterben zu sehen die Kinder? Das sagte Euripides.

Wenn wir von Sterblichkeit reden, reden wir von unseren Kindern.

Das sagte ich.“

Darum geht es in diesem Buch, um die Sterblichkeit, um das Überleben, (Didion hat in kurzem Abstand sowohl ihren Mann als auch ihre Tochter an den Tod verloren), um Liebe und Loslassen und Erinnerung.

Und ich bin Antje Rávic Strubel wirklich dankbar für ihre großartige Übersetzung.

Neunter Tag

Seltsam, wie es mir beim Lesen des zweiten Teils, dem „Buch der Erinnerung“, immer schwerer fällt, eigene Gedanken zu dem Gelesenen niederzuschreiben.

Geschichten erzählen als lebensverlängernde bzw. lebensrettende Maßnahme. Die Geschichten aus 1001 Nacht, aber auch der Titel von Joan Didions Essaysammlung: Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben. Die Bedeutung des Erzählens, und wie wenig man sie im normalen Ablauf des Alltags erkennt. „Denn das ist die Funktion des Erzählens“, schreibt Auster, „jemandem eine bestimmte Sache vor Augen halten, indem man ihm eine andere zeigt.“ Verständnis ermöglichen für die, die nicht für sich selbst sprechen können, für die, denen wir niemals begegnen werden (vielleicht auch gar nicht begegnen wollen), eine Offenheit schaffen, indem jeder in der Sicherheit seines Zimmers bleiben darf, während das Buch, die Erzählung, die Fenster weit öffnet und Wirklichkeit eindringen lässt.