Eine Art Jahresrückblick

Natürlich bin ich ungerecht. Meine Erinnerung ist selektiv. Das sind Gemeinplätze. Völlig überflüssig zu erwähnen.

Es war ein aufregendes Jahr. Ein Jahr, in dem wirklich viel in Bewegung geraten ist. Eines, in dem viele Dinge definitiv zu Ende gegangen sind. Ein Jahr voller Schmerzen. Seelischer und körperlicher. Und voller Heilung, seelischer und körperlicher.

Was mir ungerecht mir selbst gegenüber vorkommt, ist diese Überzeugung, unter der ich immer wieder leide, dass ich mich einfach nicht verändere. Dass ich so was von auf der Stelle trete. Und dann merke ich, eigentlich leide ich gerade jetzt darunter, dass ich mich verändert habe. Nur eben nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe.

Im Lesesaal diese Sätze gefunden: http://www.lesesaal.ch/2016/09/30/xxiv/

Genau das vermisse ich gerade sehr, das Schreiben ohne roten Faden, das Schreiben, das es ermöglicht, dass Gedanken sich klären, während des Schreibens.

Vor Jahren habe ich einmal geschrieben, dass man mir erzählte, ich habe als Kind stundenlang Selbstgespräche geführt. Es gibt ein Foto von mir mit einen roten Plastiktelefon und es hat angeblich eine Kassette gegeben, Aufnahmen eines Telefongesprächs, das ich mit einem ausgedachten Partner geführt habe. Diese Kassette ist ebenso verschwunden, wie meine Redseeligkeit.

27. Dezember

Heute die Fahrt. Und dann erst am 02. spät abends wieder zurück. Kein Netz dort und eine große Ungewissheit, wie alles weiter geht.

Der Jahresrückblick, der schon jetzt nicht mehr zu stimmen scheint, allem, was gerade ist, widerspricht. Nur noch die Erzählung einer Erinnerung ist.

Januar

Inside Llewin Davis. Eine Hommage an all die Künstler, die nicht zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sind.

Der erste Schnappszahlgeburtstag des Nachwuchses.

 

Februar

Mit dem siebten Sprung, dem Roman von Ulrike Draesner, bahnt sich das Projekt „Heimat“ an.

Der Winter bleibt auch diesen Monat aus.

 

März

Der Monat der Begegnungen. Stanisic gewinnt völlig zu Recht den Preis der Leipziger Buchmesse. Spaziergänge, Didion und Bielefeld von einer ganz neuen Seite.

 

April

In das Heimatprojekt mischen sich zunehmend Erinnerungen. Rechtzeitig zum 100. Geburtstag der Duras das wunderbare Hörspiel C´est tout jetzt als CD. Bücher von Träumen (Margret Kreidl) und Unterbrechungen (Lucas Cejpek).

Mai

Ein janusköpfiger Monat. Ein Kindergeburtstag, der mit dem traumatischen Abstieg Arminias endet.

Krankheiten. Ein Todesfall.

Aber auch die Kraft, sich den Dingen zu stellen.

Und wie immer Bücher, die dabei helfen (Masé, Koch)

 

Juni

Wie immer im Sommer: Duras.

Wie schwer das ist, sich ein Bild von sich selbst zu machen, in dem man sich verliert.

 

Juli

Das Jahr entwickelt sich zu einem Jahr der Begegnungen. Im Juli in Bonn mit vielen wunderbaren Menschen einen unvergesslichen Abend verbracht.

Anne Carson entdeckt.

 

August

Zurück aus Fuerteventura empfängt uns ein kalter und regnerischer August. Aber egal: Anne Carson liegt auf dem Nachttisch.

Weitermachen mit der Suche nach der Geduld.

 

September

Der Sommer ist noch einmal zurückgekehrt. Dann der Nebel. Und die aufregende Begleitung von Anne Carson, ihrer Bücher.

Alte Familiengeschichten ausgegraben.

Begegnungen. Viele wärmende Stunden mit Freunden.

 

Oktober

Goldene Tage, und eine Unzahl von Krankheiten, die an mir rütteln und zerren, ohne dass ich begreife, was sie mir sagen wollen. Eine Freundin, die ich jahrelang nicht gesehen habe, taucht plötzlich wieder auf.

Immer noch, immer wieder: Anne Carson.

 

November

Aufbruchstimmung. Die bevorstehende Lesung, die Arbeit am Märchenmanuskript, und immer noch die Begleitung durch Anne Carson.

Sommertage und Sturm und Regen wechseln sich ab. Ob man leben kann in einer Blase aus Vernunft?

Dezember

Knausgard.

 

2012

Wir beleben die Zwischenräume, den kleinen Fleck zwischen Anfang und Ende. Und das genügt.

Vor einigen Tagen habe ich Iris Jahresrückblick gelesen und bin in diesem Zusammenhang darauf gestossen, was ich mir Anfang des Jahres für mich selbst vorgenommen hatte. Ziemlich abstrakt, hatte ich geschrieben, seien diese Wünsche. Und das blieben sie auch. Mussten sie bleiben, denn sie hatten nichts mit dem, was ich wirklich wollte und brauchte zu tun.

Dieses Jahr, 2012, war ein gutes Jahr. Zu Pfingsten bekam ich völlig unerwartet einen Vertrauensvorschuss und eine Chance, die sich zu einer sehr schönen Herausforderung entwickelt hat. Im Urlaub war ich zwei Wochen lang vollkommen schmerzfrei. Ein wunderschönes Wunder. Jetzt, zum Ende des Jahres, beende ich ein Manuskript, das lange genug gereift ist.

Ab und zu lebe ich ganz im Hier und jetzt. Ich weiß das Glück zu schätzen, dass es Menschen gibt, die das Leben mit mir teilen und genieße meine Dankbarkeit. Die Familie ist zusammengewachsen, so dass jeder Einzelne freier werden konnte.

Ich habe vier Grundsätze gelernt, die ganz einfach klingen, viel schwieriger sind und trotzdem alles leichter machen [gerade so schwer wie nötig, um nicht abzuheben].

Ich habe interessante neue Blogs entdeckt, die mir Einblicke in mir unbekannte Welten gewähren und einen Blogger habe ich sogar persönlich kennen gelernt.

Ich habe meine Mitte noch nicht gefunden, aber die Suche fühlt sich mehr und mehr mittig an.

Für das neue Jahr wünsche ich uns allen, dass wir immer so naiv bleiben, uns nichts mehr zu wünschen, als Frieden und Liebe.